Zwischen den Feldzügen
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 7 - Juli 1975)
Nach dem Westfeldzug von 1940 trat für das Heer eine gewisse „Ruhepause“ ein. Unsere „Watzmann-Division“ gehörte zu jenen Verbänden, bei der die Masse der älteren Soldaten beurlaubt und ihrer Arbeit in der Volkswirtschaft zugeführt wurde. Für den Stamm der Truppe, die aktiven Soldaten und die jüngeren Jahrgänge jedoch gab es keine Ruhe, die Kriegserfahrungen mussten genutzt und das militärische Können vertieft werden. In unseren guten Quartieren rund um den Einbeck herrschte reges Leben. Jedes Bataillon hatte eine Ausbildungskompanie in voller Stärke, daneben liefen Lehrgänge für Unterführer und Spezialisten. Die Divisionsgeschichte berichtet auf den Seiten 32 bis 35 über diese Zeit. Wir bringen nachstehend einen Auszug aus dem „Feldpostbrief“ des III./284, wie sie damals von verschiedenen Truppenteilen an die „Wirtschaftsurlauber“ verschickt wurden, um Verbindung mit den Kameraden zu halten und sie wenigstens gedanklich am Leben der Truppe teilnehmen zu lassen, zu der sie im Februar 1941 wieder einrücken sollten. Der Bericht ist im Wortlaut erhalten, von Unteroffiziersdienstgraden des Bataillons geschrieben. Er zeichnet Stimmung und Tätigkeit in den frischen Farben jener Zeit. Man merkt, dass der Begriff „Gammeln“ damals noch nicht im Wortschatz des Soldaten Aufnahme gefunden hatte. Es bestand auch noch kein Bedarf dafür, schon gar nicht in Karl Kaumanns „Garde Bataillon“, eben dem III./284. – „Der Dienst mit der Waffe ist die Schule für den Krieg! Wer wollte sich nach den Erfahrungen dieses Krieges den Folgerungen, die aus jenem Wort zu ziehen sind, noch länger verschließen? Die Folgerung aber kann nur lauten: Harter Ausbildungsdienst, immer wieder, um für einen Waffengang gerüstet zu sein. Wie mancher Schweißtropfen ist in den Jahren vor dem Krieg geflossen. Polen und der Westen haben so manchen Soldaten, der während seiner Ausbildungszeit die Notwendigkeit dieses Dienstes nicht erkennen wollte, endlich überzeugt.
Der Krieg geht weiter, nur das Heer hat eine gewisse Ruhe. Das heißt: Es wird weiter gebimst, unermüdlich! Bei der Ausbildungskompanie, die zur 9. Kompanie gehört, wird unter ihrem Chef, Oberstleutnant Viedebantt, recht straffer Dienst gemacht. Während die älteren Jahrgänge zum größten Teil im Wirtschaftsurlaub sind, wird nun hier der Ersatz „gebimst“. Vormittags gibt es Geländeausbildung und Unterricht, nachmittags Exerzieren, Unterricht, Waffenreinigen. Es ist bei „Preußens“ immer das Gleiche: Eine gründliche Ausbildung ist der beste Garant des Sieges! In unserer Ortsunterkunft könnte an manchem Baum eine Tafel hängen „Kurübung 2“ oder gar 3 und 4, wie das für erholungsuchende Sommerfrischler in Kurorten des Harzes üblich ist. Immerhin lassen wir es uns nicht verdrießen, denn am Abend winkt ja das behagliche Bürgerquartier. Es würde auch kaum nützen, sich anders einzustellen, denn Zugführer und Ausbilder sorgen für die nötige „Erholung“ ohnehin. Es ist jedenfalls kaum anzunehmen, dass in der Gruppe etwa des Unteroffiziers Meyer (Benn) sich jemand zu beklagen braucht, dass dieser nicht für die nötige „Bewegung“ sorgt. Damit sind die Voraussetzungen, ein guter Soldat zu werden, nicht erschöpft, denn wenn man die feindliche Stellung nehmen will, ist ein Sturm übern Rübenäcker unerlässlich. Das bedeutet doppelte Pflege der Stiefel, deren morgendliche Schwärze sich im Lauf des Vormittags in ein angenehmes Gelb-Braun verwandelt. Wenn dann dazu nachmittags beim Exerzierdienst der Sportplatz noch einige Male nach Länge und Breite abgemessen wird, dann braucht der Exerzieranzug kaum noch getarnt zu werden, weil seine Farben sich selbst dem Gelände anpassen. Der Urlauber wird jetzt grinsen und sich vergangener Zeiten erinnern. Wir aber lassen uns nicht stören und putzen, um anderntags von Neuem mit einem frischen Lied in den „Kampf mit Feldwebeln und Unteroffizieren“ zu ziehen, nachdem der „Chef“ uns und unsere Richtung morgens beim Antreten kritisch gemustert hat.
Der Unterführerlehrgang, zusätzlich bei der 9. Kompanie eingerichtet, macht mit großem Eifer der Ausbildungskompanie Konkurrenz. Oberleutnant Grosse sorgt im Verein mit Feldwebel Popp und Unteroffizier Schmidt dafür, dass der Bataillonskommandeur auch einmal befriedigt mit dem Kopf nickt, wenn er die Unterführer inspiziert. Mittwochnachmittag schwirrt die Kompanie aus in die Umgebung und besucht die Nachbardörfer.
Allerdings weniger um die Gegend oder gar die Mädchen kennenzulernen, sondern zum Arbeitsdienst bei den Kompanien des Bataillons: Wagenwaschen, Wagenreinigen, Stiefelschmieren, Patronen einölen und was es da alles noch gibt, eine zusätzliche Arbeit, die für die Wirtschaftsurlauber zu leisten ist. Allwöchentlich stürzen sich die Spieße im Bataillon auf unseren Hauptfeldwebel, der Mühe hat, die Anforderungen nach der nötigen Zahl der Männer für den Mittwoch-Arbeitsdienst zu erfüllen. Daneben kommen noch die Bauern mit Wünschen nach Hilfe, die erfüllt sein wollen. So hat es sich auch mit der Bevölkerung ein recht herzliches Verhältnis herausgebildet, von dem der Kompanieabend Zeugnis gab. An Unterhaltung mangelt es ebenfalls nicht. Die Gaufilmstelle und Varieté-Vorführungen von „Kraft durch Freude“ sorgen dafür, dass fast allwöchentlich ein schöner Abend gestaltet wird. Am Sonnabend aber sieht man die Landser nach Kreiensen eilen, damit sie von dort aus von der Reichsbahn den heimatlichen Gefilden zugeführt werden. Montags bedarf es dann häufiger der nötigen Bewegung, um sich daran zu erinnern, dass das „in-Stellung-gehen“ nicht zu verwechseln ist mit dem sonntäglichen Mittagsschläfchen auf dem häuslichen Sofa. Dann freut man sich so ab Dienstag, Mittwoch schon wieder auf den nächsten Sonnabend. So runden sich die Wochen zum Ende der Ausbildungszeit. Das aber ist Sinn und Zweck unseres Soldatentums: Bereit zu sein! In einem zeitlich späteren Bericht hieß es dann: „Dass wir die unendliche Weite und den Wüstensand der Lüneburger Heide mit der Landschaft in den Vorbergen des Harzes vertauscht haben, das wisst ihr ja alle. Wenn ihr glaubt, dass etwa nur auf dem Truppenübungsplatz Bergen die Hasen den Füchsen Gute Nacht sagen, so habt Ihr Euch getäuscht. Auch hier, in allen Orten, wo die Einheiten unseres Bataillons untergebracht sind, gibt es so etwas noch.
Vor allen Dingen unsere 12. Kompanie ist weit hinter einem Berg im Wald versteckt, so dass sie selbst von dem schnellen Peugeot des Kommandeurs nicht überrascht werden kann. Das ist die größte Freude von unserem Oberleutnant, der mit der von ihm eingerichteten Kaninchenzuchtanstalt sehr in Anspruch genommen ist. An dieser Stelle sei ein Wort des Dankes vorweg genommen für die, welche den „Feldpostbrief“ mitschaffen halfen. So vor allem Oberleutnant Nennecke, der einige Beiträge zur Verfügung stellte, dann Leutnant Ruprecht, der seine Unterstützung in jeder Weise zur rechten Zeit gab, aber auch Feldwebel Popp und allen ungenannt sein wollenden Mitarbeitern. Wir haben bereits vorweggenommen, dass Oberleutnant Hansen in seiner Ortsunterkunft eine Kaninchenfarm eingerichtet hat und damit unter die Selbstversorger gegangen ist. Die Stute von Hauptmann Rutkowsky warf ein kleines Fohlen, das aber leider einging. Es scheint, dass die „Franzosenmutter“ doch nicht allzu sehr für Kinder schwärmt. Zur Unterhaltung trägt auch die in allen Ortsunterkünften eingerichtete Tischtennis-Gemeinschaft viel bei. Unser Kommandeur hat zurzeit die Meisterschaft inne und wird sie in nächster Zeit gegen stärkste Konkurrenz zu verteidigen haben. So geht Tag für Tag dahin und bietet immer wieder etwas Neues. Wir werden Euch allmonatlich noch Vieles berichten können.“