Zurück in die Reichsschutzstellung

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Der Watzmann - Nummer 108 - Dezember 2005)


Nach den Kämpfen im Vertes-Gebirge verteidigte die 96.Division in der zweiten Märzhälfte 1945 zusammen mit der 711.ID und der 23.Hoved-Division den Donau-Brückenkopf Sütto-Nyergesujfslu. Um den 18.März herum leisteten die Kampfgruppe Lentz (Gren.Brig. 92) und die Reiter der Kampfgruppe Ameiser (Regiment 92 der 37.SS-KD. "Lützow") der auch durch ungarische Truppenteile verstärkten 96.ID wertvolle Hilfe. Sie stand bis zum 24.März unter Befehl der 3.Ungarischen Armee (GO Heszienyi), danach unter dem eigenen Kommandeur Harrendorf, dessen Verbände ab dem 27.März bei Labatlan dem Panzerkorps "FHH" (Kleemann) der 8.Armee (HG Süd) unterstellt wurden. Deren Oberbefehlshaber, General Kreysing, der auf dem Nordufer der Donau führte, hatte bei einem Besuch im Brückenkopf befohlen, diesen zu räumen und nach Norden über den Strom zu setzen. Die Divisionsgeschichte bezeugt die zähen Kämpfe in der Gerescher Walsbergen, bei denen Grenadiere und Reiter mit den Unterstützungstruppen bis auf vier Kilometer an den Strom herangedrängt worden waren.

Für den Stromübergang waren zwei Übersetzstellen befohlen worden. Um die Anhäufungen von Gespann- und Kraftfahrzeugen bei Labatlan und Piszke in Ordnung zu bringen, hatte sich Oberstabsveterinär Dr. Habermalz hervorragend eingesetzt, während Major Kopper mit den Pionieren den Übersetzbetrieb leitete. Noch am 27.März hatte Major Pipo das GR 284 über die Donau geführt und war über Buc nach Mardar marschiert, während bis Mitternacht das GR 283 (Oberstleutnant von Boeltzig) folgte. Das GR 287 (Oberstleutnant Magawly) verließ als letzter Verband den Brückenkopf bei Labatlan mit der 2. und dem Rest der 14. (Panzerjäger) Kompanie als Nachhut, wobei an die dreißig Männer der Zweiten nicht schnell genug an die Anlegestelle der Sturmboote gefunden hatten und bis auf fünf Kameraden, die noch schwimmend das Nordufer erreichten, in Gefangenschaft geraten waren.

Hartwig Pohlman schreibt als Chronist in der Divisionsgeschichte: "Kaum war der letzte Mann am Nordufer, da brach im Osten die Gran-Front zusammen, so dass die Division nur linksum zu machen brauchte, um den neuen Feind vor sich zu haben. Das war wirklich eine Rettung in letzter Minute durch den verantwortungsfreudigen Entschluss des Generals Kreysing. Die ganze Front in Ungarn von der Save bis zu den Beskiden war in Bewegung geraten."

Angesichts des stürmischen Vormarsches der sowjetischen 7.Gardearmee auf das "Tor nach Mähren" kam es der 8.Armee darauf an, mit schnell greifbaren Verbänden vor dem Feind ihre Karpaten-Stellung zu erreichen. Als erste den Trossen folgende Marschgruppe erhielt das GR 284 den Befehl, einen gut ausgebauten Abschnitt unter dem Kommando der 211.VGD zu besetzen. Diese Division unter Generalleutnant Eckhardt (Ia: Major i.G. Meyer-Jüres) mit den Regimentern 306, 317 und 365, bei vorangegangenen Kämpfen geschwächt, war durch die Panzerjäger und ein Bataillon der Division "FHH2" sowie zwei Bataillone der 711.ID verstärkt worden. Auch befand sich aus dem Raum Trentschien ein Regiment der 48.Division in Zuführung, als sich das GR 284 im Eilmarsch dem sich am Horizont abhebenden Mittelgebirge näherte. Die 211. VGD befand sich bereits in heftigen Abwehrkämpfen. Eine Kampfgruppe GR 317 (mit II./AR 211) igelte sich am 1.April zur Ortsverteidigung von Wartberg, etwa 25 Kilometer ostwärts Preßburg, ein, als feindliche Infanterie über die Bahnlinie Preßburg-Wartberg aus südlich in breiter Front angriff und das Bahnhofsgelände eroberte. Es handelte sich wahrscheinlich um die Angriffsspitze des X.Gardeschützenkorps.


Die sowjetische Offensive


In der Tat hatte am 25.März bei Lewenz/Leva der Großangriff der 2.Ukrainischen Front (Malinowski) begonnen, der nach dreitägigen schweren Kämpfen zum Verlust der Stellung bei Lewenz führte, wo die Abwehrkämpfe am 28.März mit dem Rückzug auf die "Reichsschutzstellung" zu Ende gegangen waren. Die verstärkte 96.Division marschierte vorerst aus dem Raum Mikloshaza (Divisionsgefechtsstand in Vadaslaki psz) über die Waag, bei Komom (Gefechtsstand Guta 29.3.) - und südwestlich Neuhäusel entlang der kl. Donau nördlich der Großen Schütt.-Insel (Gefechtsstände Apa'cza Szakalios 30.3. und Dunakisfalot 31.3.) in Richtung Preßburg. Inzwischen war die 96. ID dem 43.Korps (Kullmer) zusammen mit der 711.ID, 13.PD und 21.VGD unterstellt.

Mit Verlegung des Gefechtsstandes nach Nemesgomba am 1.April ging für die "Watzmann"-Division der Ungarn-Feldzug zu Ende. Sie war als eine von drei vorgesehenen Divisionen bestimmt, in Preßburg, Hauptstadt der Slowakei, einzurücken, um diesen wichtigen Punkt der Südostfront zu verteidigen. Nach einer Kriegsgliederung der HG Süd aus jener Zeit unterstanden der Division außer einer ungarischen Artillerieabteilung weiterhin die Kampfgruppe Ameiser und zusätzliche Heerestruppen (MG-Bataillon Mark und Bataillon der 6.PD) sowie ein ungarisches Bataillon und Rest-Teile der 711.Division.

Die sowjetische Offensive hatte die HG Süd also zum Rückzug auf die "Reichsschutzstellung" gezwungen. die 2.Ukrainische Front sollte nun die Verteidigung der 8.Armee zwischen den "Festen Plätzen" Preßburg und Brünn zum Einsturz bringen. Auf die slowakische Hauptstadt war die 46.Sowjetarmee angesetzt, während die 7.Garde-Armee die Deutschen an einer rechtzeitigen Besetzung vorbereiteter Stellungen in den kleinen Karpaten hindern sollte. So stieß man dort teilweise schon auf den Feind, den es erst zu werfen galt, weil die ursprünglich vorgesehene Besatzung -- Landesschützen und Volkssturm -- aus einem "Landbestellungsurlaub" nicht rechtzeitig zurückgerufen worden war. Als die Frontverbände herankamen, fehlten ihnen Karten und ortskundige Einweiser.


Ein "Volksaufgebot"


Jene "Reichsschutzstellung" war durch ein "Volksaufgebot" geschaffen worden. Beteiligt waren Bautruppen der Wehrmacht, RAD und OT, Hitlerjugend, "Hiwis" und Kriegsgefangene sowie schließlich auch Volkssturm und Ersatztruppen. Der so genannte Südostwall war ein Stellungssystem entlang der burgenländischen und niederösterreichischen Grenze, nördlich Preßburg in der "Kl. Karpaten-Stellung" nach Norden auf slowakischem Staatsgebiet fortgeführt. Verantwortlich war der Festungsbereich Südost unter General von Vormann (zuvor Kommandeur 23.PD und OB 9.Armee) mit Stabsquartier in Heiligenkreuz Wienerwald.

Major Pipo hatte zur Beschleunigung des Marschtempos Gespanne requirieren lassen. Er selbst fuhr nach Preßburg voraus und richtete seinen Gefechtsstand in einer Villa gegenüber der Stollwerck-Schokoladenfabrik ein. Entgegen dem Befehl des Festungskommandanten ließ er die vorgefundenen Lebensmittel, Kekse und Schokoladen an vorbeikommende Truppen verteilen. Er meldete sich unter schwerem Artilleriefeuer und Panzerbeschuss am Nordwestrand des Flugplatzes im Gefechtsstand der 211.Division. Da sein Regiment nicht schnell genug herankam, um dort eingesetzt zu werden, wurde es über Ratzersdorf in den ursprünglich vorgesehenen Abschnitt beiderseits Grünau zwischen St. Georgen und Bösing gelotst. Den Regimentsgefechtsstand richtete er nun in Umbach ein. Die Stellung wurde ohne wesentliche Feindeinwirkung eingenommen.




Aber es fehlten der Anschluss nach rechts und die Verbindung nach links, kein VB der Artillerie meldete sich, und es gab keine Verbindung zur 211.Division. Erst am zweiten Tag brachten Funker eine Verbindung mit der 96. ID zustande, die mit Unterbrechungen die nächsten Tage über bestehen blieb. Wo sich die 211.VGD befand, war nicht zu erfahren. Bekannt ist, dass die Vorfeldstellung am Osthang der Kl. Karpaten am 2.April aufgegeben wurde und sich die Verbände "notgedrungen am helllichten Tage" auf die vorbereiteten Höhenstellungen zurückgezogen haben, "teilweise zusammen mit den vorrückenden Feind", der "mancherorts erst noch hinausgeworfen werden" musste -- so Rudolf Grube in "Unternehmen Erinnerung"

Eine Benachrichtigung des unterstellten GR 284 ist nicht erfolgt. Möglicherweise hängt der Rückzug der 211.VGD mit den Ereignissen um den Kommandanten von Preßburg zusammen, der sich mit seinem Stab nach Schloßhof zurückgezogen hatte. Die Last der Verteidigung Preßburgs war nur noch der 96. ID und den in der Divisionsgeschichte erwähnten Verbänden auferlegt. Dabei war auch das Wiener HJ-Volkssturmbataillon 41/6 "Werwolf", dessen Ablösung durch die Kampfgruppe Ameiser vorgesehen war. Es gehörte damit zu jenen Verbänden, denen Generalmajor Harrendorf bestätigte, dass es "wirklich gekämpft" hat.

Die Divisionsgeschichte berichtet, dass beim GR 284 das II.Bataillon (Major Hillermann) rechts und das I. (Major Bensch) links lediglich Befehl erhalten hatten, am 2.April um 10 Uhr vorgestoßenen Feind zurückzuwerfen, ohne Artillerieunterstützung, aber ein feindlicher Angriff dem eigenen zuvorgekommen ist. Nur das Feuer der Infanteriegeschütze und Granatwerfer zwang den Feind zur Vorsicht, während er seinen Angriff mit starker Feuerunterstützung bis in den Wirkungsbereich der Maschinengewehre unbekümmert weiter vortrug. Selbstverständlich erkannten die Angreifer des XXIV.Sowjetischen Garde-Schützenkorps sofort das Fehlen linker Nachbarn des I./284 und so bestätigt Grube in seiner Geschichte des Regiments 317 eine Meldung, "dass der knapp nördlich über Bösing vorgestoßene Gegner die Pässe der Kl. Karpaten erreicht habe und bereits im Rücken bei Forsthaus Weißes Kreuz stehe, wo starke feindliche Vorhut die anscheinend während des Schlafens überraschten Männer auf viehische Weise erschlagen habe". Der bald darauf mit den Trossen herankommende Chef der IG-Kompanie 317, unterstützt vom Chef 6./AR 211 konnte die feindliche Vorhut vernichten. Nachdem Freund und Feind gemeinsam beigesetzt waren, konnte dieser Teil der 211.VGD den Rückzug in der Nacht zum 3.April über Marienthal/Marianka fortsetzen.


Es gibt "freie Hand"


Inzwischen hatte sich das GR 284 verstärkt. Bei Grünau hatte eine selbständig im feindlichen Hinterland operierende "Werwolf"-Einheit von 3 Zehnerschaften unter Führung von zwei Leutnanten, die in jenem Raum auf dem Truppenübungsplatz Malacka ausgebildet worden waren, Anschluss an das Regiment gefunden. Das Kommando hatte zuvor einem sowjetischen General die Stellungspläne der feindlichen Artillerie abgenommen. Leider war eine rechtzeitige Auswertung nicht möglich, weil keine Verbindung zu einer höheren Kommandobehörde bestand. Gern unterstellte sich die Kommando-Einheit nun dem Regimentsführer der 284er.

Als Major Pipo merkte, dass die 211.Division auf dem Rückzug war, meldete er über Funkspruch die Lage an General Harrendorf in Preßburg, der ihm "freie Hand" gab. Darauf unterstellte Pipo sich wieder dem Divisionskommando 96. Das GR 284 behauptete bis in die Nacht hinein seine Hangstellung und zog am Morgen des 3.April von Limbach durch die Wälder der Kl. Karpaten über das "Türkenlager" nach Lozorno, wo es entlang der Eisenbahnlinie Zohor-Rohrbach mit linkem Flügel, etwa bei Apfelbach, westlich der Berge in Stellung ging.