Von Baum zu Baum vorwärts

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 1 - Januar 1973)


Um die Monatswende August/September 1941 kämpfte sich die 96. Division (ohne das verstärkte IR. 287) durch die Sumpfwälder zwischen Luga und Tossno zur Rollbahn von Tschudowo nach Leningrad durch, um sich dann Mitte September zum Angriff auf Leningrad bereitzustellen. Unsere Divisionsgeschichte berichtet auf Seite 64: „Am 1. und 2. September stieß das IR. 283 unter Oberst Zahn, rechts mit dem I. und links mit dem II. Bataillon, über Gorki und Kauschta nach Nordosten gegen das wichtige Straßendreieck (Mercedesstern) vor, auf den von Südosten über Lissino auch die 121. Division im Vorgehen war.

Die schmale, gerade Straße lag unter dem Feuer russischer Panzer. Artillerieunterstützung war schwierig. Rechts und links war dichter Wald, durch den sich, wie auch im Straßengraben, die Schützen mühsam vorarbeiteten. Die hervorragenden, tapferen Vorgeschobenen Beobachter der Artillerie, über deren Leistungen der Divisionskommandeur sich schon des Öfteren besonders lobend ausgesprochen hatte, versuchten, das Artilleriefeuer von allen Seiten auf den Mercedesstern zu lenken.“ – Einer dieser unerschrockenen VB., der damalige Gefreite Gerlach von der 2./AR. 196, berichtet von diesem Erleben: Es war mal wieder einer jener trüben Septembertage, als ich den Befehl erhielt, zusammen mit dem Gefreiten Laue die Funker unseres VB. für einige Tage abzulösen. Nach den nötigen Vorbereitungen machten wir uns auf den Weg, um an der befohlenen Stelle unsere beiden Kameraden zu treffen und die Funkgeräte zu übernehmen.

Die Aufgabe der Division war es, eine Wegegabel, die von den Russen stark verteidigt wurde und die zugleich einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt darstellte, zu nehmen. Wegen ihrer sternförmigen, dreifachen Verzweigung ging sie später als „Mercedesstern“ in die Geschichte der Division ein. Die Straße selbst war ein Anmarschweg zur Rollbahn nach Leningrad und lag unter ständigem starkem Artilleriefeuer der Russen. An dem Tage also, für den der Angriff geplant war, machten wir uns auf den Weg, um uns beim Kommandeur eines Bataillons der 283er, dem wir zugeteilt waren, zu melden. Schießender VB. war Wachtmeister Voß, Funker wir Gefreiten und Beobachter war Unteroffizier von Lotzow. Wir erhielten unseren Platz seitlich der Straße, die auf die Gabelung zuführte, angewiesen und stellten dann sofort Funkverbindung mit der Batterie her. Das Gelände selbst war sehr übersichtlich, beiderseits der Straße erstreckte sich dichter Wald mit Unterholz, dazu feuchter, mooriger Untergrund. Die Lage war so, dass zu beiden Seiten er Straße bis auf etwa 2000 Meter von der Gabelung entfernt unsere Infanterie lag, während die Gabel selbst und deren nähere Umgebung von den Russen beherrscht wurde. Es erschienen in unregelmäßigen Abständen auf der Gabelung mehrere russische Panzer, die etliche Schüsse auf die Straße herunter auf uns abfeuerten, so dass schon beim Betreten der Straße größere Vorsicht geboten war.

Die Stukas blieben aus

Der Angriff wurde auf neun Uhr morgens festgesetzt. Ein Stuka-Angriff sollte vorausgehen. Dieser aber musste infolge des diesigen Wetters, das zu dieser Zeit herrschte, unterbleiben. Daher wurde nun unser Angriff auf 15 Uhr verschoben, eingeleitet und vorbereitet durch einen Feuerüberfall der I./AR. 196. – Funkspruch an alle Batterien: „Feuerüberfall der Abteilung um X-Zeit plus 295 Minuten, 24 Schuss bereitlegen!“ Pünktlich um die angegebene Zeit wurde der Feuerüberfall ausgelöst. Die ersten Granaten rauschten über uns hinweg, dumpf dröhnten die Einschläge an unsere Ohren. Mit den letzten eigenen Abschüssen setzten sich die 283er in Bewegung und wir mit ihnen. Im Vorgehen schon erführen wir zu unserer großen Freude, dass im letzten Augenblick eigene Panzer eingetroffen seien, um unseren Angriff zu unterstützen. Nun begann auch ein Feuerzauber, dessen Eindrücke mir heute noch lebhaft in Erinnerung sind. Sprungweise arbeiteten wir uns durch den Wald vor, von Baum zu Baum, von einem Deckungsloch zum anderen springend, während unsere Panzer, unaufhörlich feuernd, auf der Straße langsam voranfuhren. Um uns tönte das durch den dichten Waldbestand verstärkte Dröhnen der Einschläge von Granatwerfern und Panzerkanonen, dazwischen das peitschende Geräusch der explosiven MG.- und Gewehrgeschosse.

Auf allen Vieren ging es voran

Unaufhaltsam jedoch ging es vorwärts, oft krochen wir auf allen Vieren durch Gehölz, dann wieder in einigen schnellen Sätzen über eine von einem russischen MG. bestrichene Lichtung, bis der schützende Wald wieder erreicht war. Keuchend und schweißtriefend unter der Last des Funkgerätes ging es immer weiter, vorbei an toten Russen und liegengebliebenem Material. An der Straße sahen wir dann plötzlich einige russische Panzer, die durch die größere Treffsicherheit unserer eigenen erledigt worden waren. Inzwischen war es dämmerig geworden; etwa gegen 18 Uhr war der Angriff beendet. Der Russe war vertrieben, diese wichtige Straßengabel war in unserem Besitz. Der Geländegewinn dabei betrug an diesem Tage hier etwa vier bis fünf Kilometer. Sehr erfreut über unseren Erfolg gingen wir zu unserer Einheit zurück. Der Weg war nun frei. Am nächsten Tage ging es dann weiter zur Rollbahn, die nach Leningrad führte. Soweit Gerlachs Bericht. Die Divisionsgeschichte schließt in ihre Darstellung dieses Gefechts: „General Schede befand sich mit dem 1. Generalstabsoffizier, Major i.G. Deegener, vorn beim IR.283. Endlich gelang es, mit Unterstützung von acht Panzern der 8. PD., den wichtigen Straßenpunkt zu nehmen und nach Südosten eindrehend der 121.ID in Richtung auf Lissino, in den Rücken des dem IR.408 gegenüberliegenden Feindes, entgegenzustoßen. Dabei riss Major i.G. Deegener durch sein persönliches Beispiel in vorderster Linie die Kompanien fort. Der Feindwiderstand brach zusammen und die Schützen der 96. und 121. Division reichten sich die Hände“