Verwundet im "Hube-Kessel"

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 12 - Dezember 1966)


Zum Jahreswechsel 1943/44 wurde mein I./287 mit unserer Division von der Wolchow-Front in den Südabschnitt verlegt und geriet in den „Hube-Kessel“, wo ich im März 1944 eine schwierige Knieverwundung hinnehmen musste.

Der Abtransport der Verwundeten aus Wissch. Tomaschowka erfolgte am 27. März 1944 in einem Sanka der dort eingesetzten Panzerdivision, der uns in Dunajewzij auf einem Hauptverbandsplatz ablieferte. Unterwegs gab es einige Male Zunder von russischen „Schlächtern“, deren Bomben Gott sei Dank ohne Schaden aufs freie Feld fielen. Die Ruhe des Hauptverbandsplatzes tat uns gut. Dass wir bald mit Flugzeugen abtransportiert werden sollten, gab mir zu denken. Langsam sickerte dann am nächsten Tag durch, dass wir schon seit Tagen eingeschlossen waren. Konnte der Kessel von Tscherkassy noch mit eigenen Kräften geöffnet werden, so war es hier der 1.Pz.-Arme nicht mehr möglich, sich selbst zu befreien, und so begann der „wandernde Kessel“. Am Abend des folgenden Tages wurde der HVP aufgelöst, der Rest der Marketenderwaren verteilt, ein Zeichen, dass es bitterer Ernst war. Meine Wunde am Knie war gut versorgt. Zum Eingipsen reichte die Zeit nicht mehr, darum wurde mein Bein nur geschient. Mit einem Gipsbein hätte ich wohl dem Kessel lebend nicht mehr verlassen. So konnte ich wenigstens trotz der Schmerzen einige Zeit gehen. Ich schloss mich einer Sanka-Kolonne an, die westwärts in Richtung Skala zog. IN einer kleinen galizischen Ortschaft hörte ich dann am 2. April von der Kapitulationsaufforderung der Russen an die 1.Pz.-Armee. Außerdem wurden die Verwundeten schon in der Schule des Ortes zusammengefasst. Auch waren die Ärzte schon bestimmt, die beiden Verwundeten bleiben sollten. Aber es kam dann nicht soweit, da alle Kapitulationsaufforderungen abgelehnt wurden. Noch war ich liegender Verwundeter, aber diese Gerüchte trieben mich hoch, und mit eisernem Willen gelang es mir, mich selbstständig zu machen. Ich ließ mir das Bein nochmals gut schienen, und mit einem Stock bewaffnet, allerdings vorsorglich auch noch im Besitz meiner Pistole, zog ich auf eigene Faust nach Westen los. Bald traf ich Trossfahrzeuge der Divisions-Nachschubkompanie, denen ich mich anvertraute. Nach kurzem Trauen hatte sich das Wetter wieder verschlechtert. Neuer Schneesturm fegte über die Felder. Die tiefen Wege waren wieder gefroren, so dass die Bewegungen rasch durchgeführt werden konnten. Ein Vorteil, der von besonderer Bedeutung für die Kämpfe im Kessel war. In Skala traf ich dann noch einmal mit Oberstleutnant Lorenz kurz zusammen, der mir ein Herauskommen aus dem Kessel wünschte. Nun konnte nichts mehr passieren, zumal sich inzwischen auch der Stabsarzt der Nachschubeinheiten und ein Sani-Feldwebel eingefunden hatten. So ging es dann als „KiK“ (Kamerad im Kessel) immer westwärts. Im Kessel gab s aber nicht nur Überraschungen, die uns das Wetter bereitete, sondern noch viel unangenehmere, außer Matsch und Dreck auch in den Kessel gesickerte Feindtrupps, die teilweise wieder eingekesselt viel Unheil stifteten und die Trosse in Unordnung brachten. So gerieten viele Trossfahrzeuge in der Dämmerung in Feuerüberfälle, wurden von Waldstücken aus angegriffen oder niedergemacht. Auch vor den Verwundetentransporten wurde nicht haltgemacht. Auf diese Weise soll es auch unseren Stabsapotheker erwischt haben. Große Vorsicht war also geboten. Uns erwischte es zwischen Jezierzany und Tluste-Miasto. Beim Einbruch der Dämmerung waren wir noch einige Kilometer von unserem Ziel entfernt, als wir von rechts vorne aus einem Waldstück Schüsse aus MPi`s und Urrä-Rufe hörten. Und schon sahen wir zwanzig bis dreißig Sowjets aus dem Wald stürmen und auf die weit auseinandergezogenen Fahrzeuge zueilen.

Ich befand mich beim letzten Fahrzeug der Kolonne. Vorne waren einige Fahrzeugbesatzungen schon im Nahkampf verwickelt. Ich befahl, mit unserem Fahrzeug sofort kehrt zu machen. Auch andere fuhren so rasch als möglich zurück. Der tiefe Schneematsch ließ aber nur ein bescheidenes Tempo zu, so dass der Stabsarzt und ich absprangen und querfeldein auf eine große Schneewächte zuliefen. Die Schüsse pfiffen uns nur so um die Ohren; wir mussten öfter die Nase in den Dreck stecken. Hinter der Schneewächte ließen wir uns völlig erschöpft hinfallen und warteten auf das Ende. Allerdings sollten dann auch noch ein paar andere mitkommen, wenn schon, denn schon. Jeder von uns beiden hatte ja noch seine Pistole mit sechs Schuss.

Die „Flugkarte“ nützt nichts


Die Russen konnten uns aber nicht finden, da wir tief im Schnee lagen. Die bewaffneten Trossfahrer schossen nun auch lebhaft auf die Sowjets und zwangen sie dadurch, sich wieder mit ihren Verwundeten in den Wald zurückzuziehen. Nach diesen langen Minuten setzten wir unseren Weg auf gut Glück nach Westen fort. Wir erreichten auch bald den Sereth, wo wir zu einer Pionierbrücke über den Hochwasser führenden Fluss kamen. Am anderen Ufer trafen wir auf Angehörige der Division, die uns gut verpflegten, und wo wir und sin Ruhe ausschlafen konnten. Bei Tag ging es wieder weiter nach Tluste-Miasto und Jagelnica, wo wir einige Tage Ruhe hatten, da sich die Nord- und Westfront des Kessels stabilisiert hatte und auch schon vom II. SS-Pz.-Korps die Rede war, das uns heraushauen sollte. In Jagelnica war der Flugplatz sehr gut angelegt. Funktrupps leisteten hier den An- und Abflug. Mein Bein hatte sich infolge der Strapazen wieder verschlimmert, so dass ich wieder liegen musste. Darum sollte ich auch in einer alte „Tante Ju“ in der Nacht aus dem Kessel geflogen werden. Der Andrang war sehr groß, und nur mit einer besonderen Karte, auf der die Verwundung verzeichnet stand, konnte der Flugplatz betreten werden, wobei die „Kettenhunde“ ziemlich rücksichtslos siebten. Ich bekam natürlich diese Karte; doch es sollte nicht klappen. Ich war zur letzten Maschine eingeteilt. Im Osten wurde es schon grau und Eile war geboten. Da fielen zum Unglück ein paar Benzinfässer beim Ausladen auf die rechte Landeklappe und machte sie unbrauchbar. Nun kannte ich die Maschine von meiner Tätigkeit bei Junkers in Dessau sehr gut und wusste, was man ihr zutrauen konnte. Ich überredete die Besatzung zum Abmontieren der Landeklappen und so den Start zu versuchen. Außerdem waren wir nur acht Mann und daher fast kein Gewicht. Endlich lagen wir in der Maschine. Der rechte Motor lief schon, dann setzte der linke ein und dann … der mittlere kam und kam nicht! Alles Fluchen und gutes Zureden half nichts. Aus!!!

Raus aus der Maschine, denn es war schon hell. Die Piloten wollten es am Abend nochmals versuchen. Ab es war nichts zu machen. So humpelte ich wieder vom Platz und war froh, wieder auf die Kameraden vom Nachschub zu treffen, in deren Obhut ich mich wieder geborgen fühlte. Am 6. oder 7. April 1944 zogen wir wieder weiter in Richtung Buczacz, da dort der Aufbruch des Kessels gelungen war. Unterwegs trafen wir schon Panzerbesatzungen der Leibstandarte A. H. zu Fuß, die auf Befragen uns erklärten, dass sie auf dem Weg nach Deutschland wären, um neue Panzer zu holen. Na, die mussten ja wissen, was sie wollten -, und das gab auch uns wieder Auftrieb. Am 7. April wurde der Kessel auch wirklich so weit geöffnet, dass die Trosse abfließen konnten und die 1. Pz.-Armee sich in die neue Abwehrlinie eingliedern konnte. Das II. SS-Pz.-Korps unter General Haussner hatte von Nordwesten her den Ring um den Kessel in schneidigem und schwerem Angriff gesprengt. Die Bevölkerung nahm uns auch nicht gerade feindselig auf. Leider konnten wir sie nicht ganz beruhigen, denn sie merkten schon, dass sie bald von Russen besetzt sein werden. Trotzdem waren sie nicht niedergeschlagen, sondern schöpften ihre Zuversicht aus ihrer tiefen Religiosität. In einer der letzten Unterkünfte durften wir in den Betten schlafen und die Eheleute mit ihren zwei Kindern legten sich auf Stroh hinter den Herd. Morgens und abends verrichteten sie ihre Gebete kniend und auch beim gemeinsamen Mittagessen vergaßen sie das Beten nicht. Mitte April ging es über das modernst eingerichtete Kriegslazarett des II SS-Pz.-Korps und ein anderes Notlazarett für einige Tage nach Lemberg, dann über Wien und München an den Starnberger See in Oberbayern. So endete meine Zugehörigkeit zur 96.ID.