Ungewöhnliche Umstände, ungewöhnliche Maßnahmen

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 517 - Februar 1997)


Zwischen 18. und 23.März 1944 – Schlammperiode! – kurz nach dem sowjetischen Überfall auf Trianowka, in der Ukraine, hatte das AR 196 vier leichte Batterien an einem Spätnachmittag verloren. Die Infanterie war damals so sehr dezimiert, dass die Division es für notwendig hielt, die I. und II. Abteilung weitab von der Rollbahn rechts und links als Korsettstangen für die Infanterie zu stellen, und dies entgegen den Warnungen der beiden Kommandeure. Bei der I. Abteilung geriet bei der direkten Fahrt zur Rollbahn in einen sowjetischen Hinterhalt und konnte nur noch die Taue durchschneiden und davongaloppieren. Da die 3. Bttr. Durch Herzschlag des Stangenpferdes am 1. Geschütz in einem Hohlweg stecken geblieben war, musste alles gesprengt werden. Die Grenadiere waren schon längst weiter zurückgegangen. Ähnliches muss sich bei der II. Abteilung abgespielt haben. Jedenfalls trafen beide Kommandeure gleichzeitig auf dem Regimentsgefechtsstand ein mit der Meldung, dass je zwei Batterien verloren seien; für die Schlagkraft der 96. ID ein herber Verlust. Die 3. Batterie konnte den Verlust noch vorübergehend ausgleichen durch vier 7,5 cm Kanonen, bis auch für diese keine Munition mehr vorhanden war, was die Sprengung bedeutete.

Als im „Hube-Kessel“ dann der Befehl für die schwere IV. Abteilung kam, ihre Geschütze ebenfalls zu sprengen, da für diese keine Munition aus der Luft zugeführt werden konnte, befahl das Divisionskommando 96 die Bildung von Kanonier-Kompanien (für infanteristische Verwendung). Sie sollten zunächst zum unmittelbaren Schutz der Artillerie-Feuerstellungen dienen und quasi als Auffanglinie eingesetzt werden. So entstand die 1.Kanonierkompanie und Führung von Oberleutnant Fingerhut (2. Battr.), mit zwei Zügen, und die 2.Kanonierkompanie unter Oberleutnant Koch, gebildet aus der IV. Abt. Die Versorgung erfolgte in Anlehnung an die Abteilungen. Diese Lage änderte sich grundlegend, als die Division am 14.April die Unterstellung dieser zwei KanKpn beim Pionierbataillon 196 und dessen Einsatz am Dniester (Dnjestr) befahl. Das hätte ein „Verheizen“ der im infanteristischen Kampf unerfahrenen Artilleristen bedeutet. Dabei spielte noch eine Rolle, dass laut Regimentsbefehl die Spezialisten zu schonen und damit nicht bei diesen Kompanien einzusetzen seien. Dieser Befehl wurde vom Kommandeur der i. Abteilung nicht ausgeführt. So wurden als Zugführer alte VB- und als Gruppenführer junge VB- und altgediente VB-Funker eingesetzt. In dieser Lage bat der Kommandeur der I. Abteilung (Verfasser), der bis zu seiner Beförderung zum Oberfähnrich im Jahre 1936 Infanterist mit einer sehr guten Friedensausbildung gewesen war, einen Bataillonsstab aufstellen zu dürfen, um damit diese beiden Kanonierkompanien unter eigener Regie der Artillerie behalten zu können. Dies wurde genehmigt.

Das nunmehrige Kanonierbataillon 96 (Major Franke) wurde am Dnjestr hart westlich Uscieszko eingesetzt mit der Kompanie Koch in alten Stellungen aus dem Ersten Weltkrieg mit Dnjestr-Front und die Kp Fingerhut, mit Anschluss an das GR 284 unter Oberstleutnant Gehrke in einer vom Strom nach Norden abbiegenden Hauptkampflinie nordwestlich Uscieszko. Die artilleristische Unterstützung war durch die III. Abteilung gesichert. Zusätzlich wurde eine 7,5 cm Pak eingesetzt, die aus dem Walde heraus bei der Kp Koch an der Stelle Szutromince, Uscieszko im Falle eines feindlichen Angriffs vor die HKL schießen konnte. Dazu kam dem KanBtl 96 zu gute, dass ein Sowjetpanzer mit Kettenschaden, aber sonst voll funktionsfähig und voll mit Munition direkt vor dem Kompanieabschnitt stand, der durch einen Verbindungsgraben kriechend erreicht werden konnte, aber außer den nächtlichen Turmbewegungen bei Tage unberührt blieb. Der Feind wurde durch besondere Aktivitäten, zum Beispiel ein größeres Stoßtruppunternehmen der Kp Fingerhut nach Uscieszke hinein, dass reibungslos ohne Verluste durchgeführt werden konnte, getäuscht. Sonst war es in den nächsten Tagen ruhig bis auf einen Granatwerfer-Feuerüberfall auf die Stellungen der Kp Koch, die gerade beim Mittagessen in ihren Schützengräben saß und fünf Tote zu beklagen hatte.

Unruhig wurde es am 22.April, als das GR 287 unter Oberstleutnant Lorenz, rechter Nachbar des Kanonierbataillons an der Dnjestr-Front, einen Brückenkopf über den Strom zwischen Michailowce und Kolanki erstürmen und fast zwei Tage gegen schwerste feindliche Angriffe halten konnte. In diesem Zusammenhang machte der Feind mit seinen Angriffen zur Rückgewinnung des Dnjestr-Ufers auch einen Vorstoß über den Strom im Abschnitt der Kp Koch. Im Morgengrauen brach dieser Angriff aus, nachdem die Rotarmisten in der Nacht zuvor, unbemerkt in den alten Stellungen, den Strom überwunden hatten und nun Teile in die Stellung der Kanoniere einbrachen. Sie wurden von Oberleutnant Koch mit einer Handvoll seiner Männer und mit Hilfe des herbeieilenden Bataillonsstabs geworfen und zogen sich nur zum Teil über den Strom zurück; die Lage blieb brenzlig, zumal Kompanieführer Oberleutnant Koch gefallen war.

So schloss der April 1944, der mit dem Dunkelwerden den Absetzbefehl auf die Strypa-Stellung brachte. Die am 25.April im Wesentlichen beendete Bewegung bedeutete auch die Auflösung des Kanonierbataillons 96, das nun an seine inzwischen wieder zugeführten Geschütze zurückkehren konnte. Dan KanBtl 96 hatte seinen Auftrag, den Feind über die zahlenmäßige Schwäche der Division hinwegzutäuschen, erfüllt.