Iwan war in der Leitung
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 5 - Mai 1983)
Am 3. Januar 1944 war mein Weihnachtsurlaub abgelaufen, am 10. Januar erreichte der Urlaubszug Babino. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich die Nachricht, dass unsere 96. Division verlegt und die Masse schon den Wolchow-Raum mit unbekanntem Ziel verlassen habe. Weit über zwei Jahre waren wir nun zwischen Newa und Wolchow gewissermaßen „zu Hause“ gewesen … Dann erfuhr ich, dass im Ganzen wohl über zehn Divisionen abgezogen worden waren. Da unsere 13. Kompanie schon unterwegs war, meldete ich mich bei Hauptmann Grote, der mich dem Bataillonsstab des I./287 zuteilte. Nun ging es auf der bekannten „Urlauberstrecke“ zurück über Gatschina, Luga, Pleskau, Ostrow und Dünaburg. Die Stimmung war gut, denn jeder hoffte, dass uns vielleicht eine ruhigere Gegend erwarte. So hatten wir Zeit, über die zweieinhalb Jahre zwischen Wolchow und Newa nachzudenken, über die Strapazen und Entbehrungen, die wir dort erlebt hatten. Angefangen hatte es mit dem Vormarsch in glühender Hitze, auf grundlosen Wegen, durch riesige Staubwolken, wohl an die vierhundert Kilometer, ehe man die erste Marscherleichterung gewährte: Wir durften statt der Tuchhose die Drillichhose tragen, die Rockärmel zurückschlagen und die obersten Knöpfe der Feldbluse öffnen! Dann überraschte uns die Schlammperiode, die uns aber nach frühem Frosteinbruch nicht allzu viel zu schaffen machte. Dafür umso mehr der erste Russlandwinter, als wir über 150 Kilometer von der Newa an den Wolchowkessel marschieren mussten, bei Temperaturen von bis zu 52 Grad Kälte und das mit unzureichender Winterbekleidung. Die nächste Plage bescherten unsere „Untermieter“, die Läuse, die wir lange Zeit nicht los wurden. Es folgte die Schneeschmelze am Wolchow, bei der Gräben und Unterstände absoffen, so dass wir auf dem Bunkerdach zelten mussten. Als es endlich wärmer wurde, erlebten wir die Mückenplage. Dazu kam schließlich die stellenweise schlechte Wasserversorgung: Das Wasser war schon braun, ehe wir Kaffeemehl hineintaten. Zuweilen plagte uns auch der Hunger. Zwar war die Truppenverpflegung durchaus ordentlich und ausreichend, aber es gab immer wieder Lagen, in denen nichts zu uns in die Stellung gebracht werden konnte. Von diesen Erinnerungen sprachen wir, während unser Transportzug gemächlich durch friedliche Gegend rollte. Als wir dann von Wilna nach Osten über Kowel nach Rowno rollten, blieb kein Zweifel mehr: Richtung Shitomir! Da war „dicke“ Luft, das wussten wir aus dem Wehrmachtsbericht. Bei Schepetowka hieß es: „Alles aussteigen, Zug endet hier!“ In Shitomir stand schon der Russe. Nach einigen Tagen erreichte ich endlich unsere Dreizehnte. Zunächst wurden wir im Raum Chrolin – Traulin eingesetzt und standen sofort mitten im Abwehrkampf gegen die in Massen angreifenden Sowjets. Ich wurde zu meinem Zugführer Großkinski auf die B-Stelle kommandiert. Zwischen dem 20. und 22. Januar wurden wir abgelöst und beim Füsilier-Bataillon 96 im Raum Labun bei Tittkoff eingesetzt.
Dort beobachtete ich auf der B-Stelle plötzlich, dass die Russen mit starken Kräften in Richtung Stützpunkt T. über die Decke sprangen und in einer vorgelagerten Mulde verschwanden. Ich gab sofort „Feuerkommando!“ Schon lagen der Zugführer und Hauptmann Grote neben mir, um mit zu beobachten, was der Gegner unternahm. Der Hauptmann führte vertretungsweise das Regiment 287 und war zufällig gerade bei uns. Der Zugführer gab des weiteren Kommandos und Hauptmann Grote ließ zusätzlich auch den schweren Zug einsetzen. Die Einbruchstelle wurde gründlich eingedeckt. Am nächsten Tag traf ich einen Melder, der vorne im Stützpunkt T. lag. Er berichtete, dass bei ihnen niemand etwas von der Bereitstellung der Sowjets gemerkt habe. Als wir zu schießen begannen, dachten sie, dass die Geschützkompanie auch immer ihre Ruhe stören müsse. Als wir dann das Feuer eingestellt hatten, wurden sie neugierig und robbten über die Deckung: Nur wenige hundert Meter vor ihnen sahen sie eine zusammengeschossene Bereitstellung, der Angriff hatte ihnen gegolten…
Einige Tage später bezogen wir rechts neben dem Bataillonsgefechtsstand der Füsiliere eine neue B-Stelle. Dort brach der Gegner am 27. Januar um Drei Uhr nachts überraschend ein und wir müssten uns notgedrungen zurückziehen. Da aber der Gefechtslärm nicht zu überhören war, kam bald Verstärkung und wir konnten nach einigen Stunden die Stellung wieder beziehen. Später sollte ich mit dem Zugführer auf einen Stützpunkt, um von dort aus einen neuen Sperrfeuerraum einzuschießen. Ich hatte die Drahtverbindung hergestellt, die von der Feuerstellung über die Bataillonsvermittlung lief, wir begannen zu schießen. Plötzlich hörte ich merkwürdige Geräusche im Kopfhörer und dann eine unbekannte, eigenartige Stimme: „Kamerad, wo ist Faustball?“ Natürlich ging ich darauf nicht ein, sondern forderte meinen „Gesprächspartner“, offenbar einen Iwan, nachdrücklich auf, sich aus der Leitung zu scheren. Doch er blieb hartnäckig und erkundigte sich immer wieder: „Wo ist Faustball?“ Das war unser Deckname. Schließlich schalt ich ihn einen Idioten. Gegenfrage: „Was ist ein Idiot?“ Wieder knackte es in der Leitung, dann war diese frei und wurde nicht mehr gestört. – Bei hin- und herwogenden Kämpfen konnten die Stellungen gehalten werden, bis am 4. März der Absetzbefehl kam: Es begann die Zeit des Hubekessels!