Veteranen berichten
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeichtschrift: Alte Kameraden - Heft 3 - März 1976)
Dunkel und schwer hingen die Wolken über den Stellungen. Eisiger Ostwind trieb uns auf Posten den Schnee ins Gesicht, man konnte keine zehn Meter weit sehen. Nur wenn hin und wieder eine Leuchtkugel in den Himmel stieg, war für Augenblicke das Vorfeld gespenstisch erhellt. Die Kusseln sahen dann aus, als kämen dunkle Schatten auf uns zu. Ab und zu zerriss eine Maschinengewehrgarbe die nächtliche Einsamkeit. Wir dösen in unserem Stand, als der Schnee hinter uns knirschte.
Der Iwan hat was vor
Der Gefreite Fuhrmann stieß mich an. Leise verlangte ich das Kennwort. Aus dem Dunkel nannte die Stimme unseres Leutnants die Parole. Nach der Meldung wies er uns an, scharf aufzupassen, der Iwan bereitete etwas vor. Schon war er mit seinem Melder wieder in der Dunkelheit verschwunden. Trotz unserer Müdigkeit spähten wir scharf in die Nacht. Es herrschte eine beängstigende Stille. Unsere Aufmerksamkeit begann schon nachzulassen, als auf einmal, kurz bevor wir abgelöst werden sollten, der Himmel sich im Osten rot färbte. Plötzlich hörten wir den Pfeifton heransausender Granaten. Hinter uns bebte die Erde, als die erste Lage einschlug. Dann krachten die Brocken mitten in die Stellung und wir hörten die ersten Rufe nach dem Sanitäter. Als das Feuer weiter in unser Hinterland verlegt wurde, sahen wir die Russen schon zwischen den Büschen auftauchen, sie waren inzwischen dicht herangekommen. Wir rissen wie wild an der Alarmanlage, aber unsere Kameraden besetzten schon ihre Stände, wütendes Feuer setzte bei uns ein. Auch unsere Artillerie legte ihr Sperrfeuer mitten in die Angreifer. Diese waren bis auf Handgranatenwurfweite herangekommen und versuchten unsere Stellung zu stürmen, was ihnen aber nicht gelang. Wir schossen, was heraus ging. Mehrmals mussten wir Laufwechsel machen, da die Läufe rotglühend wurden. Verzweifelte Schreie drangen an unser Ohr. Dazwischen hörten wir die brüllenden Stimmen der Kommissare, die ihre Leute vorwärts trieben. Aber der Tod war unerbittlich, die Gefallenen lagen wie kleine Hügel vor ihren Stellungen. Nach genau zwanzig Minuten war der Angriff abgeschlagen. Zwei Tage später hieß es wieder „Stellungswechsel“. Murren und schimpfend wurden die wenigen Habseligkeiten verpackt. Mit zwei requirierten Panjeschlitten zogen wir ins Ungewisse. Wir sahen nichts weiter als nur Wald und nochmals Wald. Auf einer großen Schneise wurde endlich gehalten. Es hieß, dass hinter der Biegung der Russe stünde. Wir verteilten uns links und rechts, eine Pak wurde vorgezogen, ebenso ein Panzer IV. Der Russe muss von unserer Anwesenheit nichts gewusst haben, denn ein vollbesetzter Mannschafts-Wagen fuhr sorglos um die Biegung. Ein Schuss der Pak genügte, um ihn in Brand zu setzen. Nun wusste der Iwan, was los war. Er fühlte mit einem T34 vor, der sich aber bald wieder zurückzog. Plötzlich krachte es fürchterlich bei unserem Panzer. Wir dachten, er habe einen Volltreffer bekommen, aber unser Leutnant lachte und zeigte auf die Kasten an der Seite des Kampfwagens: „Das sind Do-Werfer!“
Der T34 war durch den Beschuss in Brand geraten. Mit unserem Panzer an der Spitze zogen wir langsam weiter. Vom Iwan war aber nichts zu sehen. Mit ernstem Gesicht erklärte unser Leutnant: „Jungens, heute müssen wir noch eine harte Nuss knacken, die Neunte ist vom Iwan eingeschlossen. Zusammen mit der Dritten sollen wir sie raushauen. Zwei Sturmgeschütze bekommen wir zur Unterstützung.“ Es dauerte auch nicht lange, dann kamen die beiden willkommenen „Kästen“. Nach einer Lagebesprechung mit den Geschützführern ging es los: Voraus ein Sturmgeschütz, dann in zwei Reihen unsere beiden Kompanien und am Schluss das andere Sturmgeschütz. Den Karabiner schussbereit, zogen wir eine halbe Stunde lang auf einer Nebenschneise dahin. Nichts war zu hören als das Brummen der Motoren. Es wurde schon dunkel, als das vorderste Sturmgeschütz plötzlich anhielt. Etwa fünfzig Meter vor uns standen ungefähr dreißig Russen.
"Nicht schießen – Deutsche!"
Sie hielten uns in dem ungewissen Licht offenbar für eine eigene Truppe. Das Sturmgeschütz feuerte sofort… Die wenigen Überlebenden dachten an keine Gegenwehr mehr. Nicht lange danach sahen wir weitere Gestalten zwischen den Bäumen. Unser Sturmgeschütz drehte auf sie ein. Aber da hörten wir: „Nicht schießen, Deutsche!“ Sofort verständigten wir den Geschützführer. Unsere Waffen schussbereit, ließen wir sie herankommen, es waren tatsächlich Kameraden der Neunten. Wir zogen uns bis kurz vor die Hauptschneise zurück und bezogen dort Stellung. Im Morgengrauen hörten wir Motorengeräusche. Da sie von links kamen, konnte es sich nur um Russen handeln. Dann hörten wir auch schon das Brechen kleinerer Bäume: Es waren zwei T34. Einer kam durch den Wald, der andere rollte über die Schneise. Bis dorthin war Kusselgelände, wir selbst saßen im Hochwald. Feldwebel Schmidt, vor kurzem erst befördert und vorher Kompanietruppführer, stand hinter einem Busch und beobachtete durch einen Feldstecher. Ich lag neben ihm hinter meinem Maschinengewehr. Uns genau gegenüber stand der eine T34, mit weißem Tarnanstrich kaum auszumachen. Da sah ich, wie ein Russe mit dem Karabiner auf den Feldwebel zielte. Ich konnte ihn gerade noch am Koppel zur Seite ziehen, als der Schuss auch schon krachte. „Mal wieder Glück gehabt und vielen Dank auch“, meinte Schmidt, als er den Schreck überwunden hatte. Jetzt löste sich ein Schuss aus der Panzerkanone, die Granate fetzte kaum zehn Meter hinter uns in die Erde. Aber unsere beiden Sturmgeschütze besiegelten das Schicksal der Sowjetpanzer. Einige Tage blieb alles ruhig. Aber eines Morgens wurden wir von einem tollen Feuerzauber überrascht. Der Iwan war schon dicht vor der Stellung. Unsere MG rasselten, Handgranaten krachten hüben und drüben. Dann trat wieder Stille ein, als wäre nichts geschehen. Diese Angriffe der Russen wiederholten sich an manchen Tagen einige Male, wurden aber immer abgeschlagen.
Die Panzer rollen stur weiter
Bis eines Tages die Hölle losbrach! Kurz nach Mittag hörten wir die ersten Motoren brummen und dann das fürchterliche Kettengeräusch, immer näher, bis wir die Panzer sehen konnten. Der VB. forderte Sperrfeuer an und schon rauschte es über unsere Köpfe. Die T34 rollten aber unbeirrt weiter. Links lag eine andere Einheit und auf die „Nahtstelle“ fuhren sie zu. Erst beschossen sie den Kompaniegefechtsstand, dann begannen sie die Stellung aufzurollen. Trotz 45 Grad Kälte wurde uns ganz schön warm, als wir durch den meterhohen Schnee zurückliefen. Die Panzer konnten uns der dicken Bäume wegen nicht folgen, aber sie schossen noch lange hinter uns her und manchen Kameraden sahen wir nie mehr wieder. Auf der Hauptschneise wurden wir von einem fremden Hauptmann in die Stellungen eingewiesen. Aber bald rollte um die Biegung wieder ein T34. Wir hatten nur eine 3,7-Pak; die feuerte mit „Tulpen“, vorn aufs Rohr gesetzt. Nach dem zweiten Schuss flog der T34 auseinander. Der nachfolgende Panzer wurde ebenfalls vernichtet. Endlich kamen unsere Panzer, leider nur zwei. Nun entspann sich ein erbittertes Duell. Es dauerte aber nicht lange, da standen unsere beiden Wagen in Flammen, die Übermacht war zu groß. Wir liefen weiter, bis zum „Mercedesstern“. Dort befanden sich der Regimentsgefechtsstand und der Verbandplatz. Es sollte hier unbedingt gehalten werden. Mit Hilfe der beiden Sturmgeschütze und einer Schnellfeuerkanone taten wir unser Möglichstes, waren aber auf die Dauer dem Gegner nicht gewachsen. Dann kam auch noch die niederschmetternde Nachricht, dass wir eingeschlossen seien. Wir hatten kaum noch Munition, von der Verpflegung ganz zu schweigen. Nach drei Tagen zählte unser I. Bataillon noch genau dreißig Mann. Offiziere gab es nicht mehr, Feldwebel Schmidt übernahm das Kommando. Wir wollten nun unbedingt ausbrechen. Am späten Abend begann es zu schneien, was für uns nur gut war. Um Mitternacht gingen wir los. Man konnte keine Hand vor Augen sehen, darum fasste jeder seinen Vordermann am Koppel. In dem tiefen Schnee kamen wir nur langsam voran. Einmal stießen wir auf Russen, offenbar Artilleristen. Wir konnten sie ungesehen umgehen. Es ging schon auf den Morgen zu, als die Spitze wieder hielt, man hatte verdächtige Laute gehört. Lange lauschten wir, bis wir endlich merkten, dass wir Deutsche vor uns hatten, Kameraden vom GR.284, die am „Mercedesstern“ angreifen sollten. Sie zeigten uns den Weg ins Dorf, wo ihr Tross lag. Ein Spieß teilte uns Quartiere zu. Wir hauten uns hin, wo Platz war und augenblicklich war alles eingeschlafen. Einige Stunden später kam Feldwebel Schmidt und weckte uns, da wir den Gegenstoß mitmachen sollten. Der Angriff wurde ein Erfolg, der Kessel war wieder offen. Dann erhielten wir Ersatz und kamen an die Newa. Dort fanden wir tatsächlich fertige Bunker vor, zum Teil unter den Katen, die am Ufer standen. Es war ziemlich ruhig. Leutnant Illinger war nun unser neuer Kompanieführer. Bei einem Stoßtruppunternehmen über die Newa sollten wir Bunker knacken und Gefangene machen. Unsere Waffen und Stahlhelme hatten wir wie gekalkt und weiße Schneehemden übergestülpt. Eine Gruppe Pioniere war mit von der Partie. Stoßtruppführer war Illinger. Als wir schon ein Stück auf dem Eis waren, wurde ich nach vorn gerufen. Dort musste ich Schneereifen unterschnallen, vorausgehen und den Schnee flachtreten. Das war gar nicht so einfach, und mir wurde bald ganz schön warm. Unbemerkt kamen wir bis ans andere Ufer. Eine Gruppe wurde links herausgeschoben zur Sicherung, die andere, zu der auch ich gehörte, sollte zusammen mit den Pionieren die Bunker sprengen. Der Leutnant blieb mit seinen Meldern im toten Winkel liegen und richtete seinen Gefechtsstand. Wir anderen zogen mit dem Pionierfeldwebel weiter. Unsere Artillerie feuerte ab und zu in den hinter der Stellung des Gegners liegenden Wald, damit das Sprengen der Bunker nicht so auffallen würde. Leise schlichen wir uns an den ersten MG-Stand heran und wartete wieder auf eine Salve unserer Artillerie. Als diese heranrauschte, warf ein Pionier eine Sprengladung. Die Einschläge der Granaten und die Detonation erfolgten fast zur gleichen Zeit. So setzten wir noch einige Stände außer Gefecht. Nun sollte es an den Wohnbunker gehen, um Gefangene zu machen. Aus dem ersten Bunker schossen sie auf uns, wir mussten in Deckung. Da traten die Pioniere mit Zwei-Kilo-Ladungen an, ebenso beim zweiten Bunker. Dabei verloren wir Unteroffizier Walter durch Kopfschuss. Auf dem Rückweg stutzten wir plötzlich, denn von dort wo wir schon gesprengt hatten, feuerte ein Maxim. Das konnte gefährlich werden, also musste es ausgeschaltet werden. Ich ließ mir eine Maschinenpistole geben und zwei Handgranaten. Vorsichtig robbte ich zu dem von uns vorher übersehenen Schützenloch. Ich konnte den Russen bereits erkennen. Er starrte angestrengt zum anderen Ufer hinüber. Geräuschlos zog ich meine Handgranate aus dem Koppel, schnellte hoch und schlug sie ihm an den Hals, er sank zusammen. Ich riss dann das Schloss aus seiner Waffe und warf es die Böschung hinunter. Dann zog ich ihn selbst aus dem Loch. Nachdem ich mich überzeugt hatte, dass ihm nichts Ernstliches passiert war, nahm ich ihn über die Schulter und ging den Kameraden nach. Als wir die Steilböschung herunterrutschten, stutzte Leutnant Illinger und klopfte mir auf die Schulter: „Alle Achtung!“ Seitdem waren wir gute Freunde und haben noch manchen Stoßtrupp gemeinsam unternommen. Später am Wolchow wurde ich schwer verwundet und lag längere Zeit in einem Heimatlazarett. Nach meiner Genesung kam ich wieder zum alten Haufen. Leider fehlten viele bekannte Gesichter, auch das von Illinger. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Mit den vielen neuen Kameraden musste man nun erst warm werden, was auch durch die gemeinsam ertragenen Strapazen bald geschah. Wir waren rasch wieder eine verschworene Gemeinschaft, eben „Watzmänner“.