Im Nahkampf gegen Panzer

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 12 - Dezember 1973)


Zu Beginn des Winters waren wir aus dem Pogostje-Kessel herausgezogen worden und lagen als Armeereserve im Raum Mga. Wir erhielten den Auftrag, mit unserem Radfahrzug am Aufbau des Divisions-Gefechtsstandes mitzuarbeiten und hatten vor Weihnachten bereits damit begonnen. Auch die Jahreswende hatten wir hier erlebt.

Als wir am 12. Januar 1943 auf dem Wege zur Baustelle waren, wurden wir bereits durch schweres feindliches Artillerie-Feuer begleitet. Dies sollte der Auftakt zum Großangriff des Russen sein. Kaum waren wir auf dem fast fertigen Gefechtsstand angekommen, als auch schon durch Melder der Zug nach Mga zurückbefohlen wurde. Von hier rückten wir sofort zum Regimentsgefechtsstand. Leutnant Hoffmann erhielt den Auftrag, das Regiment in den Raum Sinjawino, über Pogoreluschka und P1 bis 5 (Haltepunkte der Moorbahn) in den Raum der 170.ID. einzuweisen. Der Russe hatte hier schon mehrere Einbrüche erzielt und war teilweise in die Artillerie-Stellungen eingedrungen. Wir wurden sofort zur Batterie befohlen, die sich bereits eingeigelt und den ersten Nahkampf mit Erfolg bestanden hatte.

Wir waren damit beschäftigt, Bunker einzurichten und Schussfeld zu schaffen, als am 13. Januar morgens der Ruf „Panzer“ ertönte. Sie kamen aus dem Wald diesseits der Newa. Da Handgranaten und Minen fehlten mussten wir es uns gefallen lassen, dass die Panzer mit uns Katz und Maus spielten. Plötzlich hatte sich einer im tiefen Schnee festgefahren und sofort gingen wir zum Angriff über. Ein Wachtmeister der Artillerie warf eine Nebelkerze, durch die der Panzer außer Gefecht gesetzt werden konnte. Ebenso ein zweiter Panzer. Dann wurde weiter am Ausbau der Stellung gearbeitet. Wir hatten zwei Verwundete, die Gefreiten Müller und Wilke verloren. Auf der Suche nach Handgranaten hatte ich in einem Munitionsbunker unverhofftes Glück und brachte einige Handgranaten und eine Hafthohlladung ans Tageslicht. Mit Feldwebel Vulsiek fertigten wir eine geballte Ladung, eine Stielhandgranate blieb uns für den Nahkampf. Gegen Nachmittag tauchten zwischen unserer Igelstellung und dem „Niederrheinlager“ plötzlich Truppen auf. Wir hofften, dass es die Kameraden unseres Pionierzuges seien, die wir schon als willkommene Verstärkung in unsere Stellung einziehen sahen. Weiße Anzüge schimmerten von weitem, eine zwanglose Ordnung ließ noch keinen Schluss auf den Feind zu. Aus dem Gebüsch aber kamen immer mehr Menschen, bis es wohl etwa 100 Mann waren. Jetzt kamen uns die ersten Zweifel. Einer meinte: „Der Gefreite Springer kann russisch!“ Er rief die Gruppe auf Russisch an, aber auf der Gegenseite wurde keine Notiz davon genommen. Die Entfernung wurde immer geringer, unheimlich war uns allen zumute. Jetzt erkannte ich plötzlich, dass drüben Granatwerfer in Stellung gebracht wurden. Wie ein Ruck ging es durch unsere dünne Reihe. Jeder nahm seinen Platz ein. Der Russe zog sich auseinander und kam weiter auf uns zu. Die ersten Einschläge der Granatwerfer liegen hinter uns. Ich mache mich fertig zum Wurf.

Endlich ist es soweit. Eins, zwei Schritte und meine Handgranate fliegt im hohen Bogen dem Russen entgegen. Ich liege kaum wieder, da kommt die Detonation. Wie ein Mann sind wir auf, und schießend geht es mit „Hurra“ auf den Feind. Der ist verdutzt und wird förmlich überrannt. Nach kurzer Zeit schon wenden sich die ersten zur Flucht. Auch unser MG., vom Gefreiten Lannert bedient, leistet ganze Arbeit. Wir verfolgen den Gegner einige hundert Meter, dann müssen wir zurück, damit uns keiner in den Rücken fällt. Als wir wieder in unseren Igel gehen, kommt eine „Tiger“-Einheit. Der erste Panzer hält an. Er soll mit uns einen Gegenstoß führen, die Waldschneise entlang. Richtung HKL. Newa. Wir sitzen auf. Als wir etwa 150 Meter aus unserm Igel heraus sind, halten die Panzer. Wegen der unübersichtlichen Lage gilt der Einsatzbefehl nur bis hierher. Der Panzer-Oberleutnant befürchtet zudem ein Steckenbleiben seiner schweren „Tiger“.

Wir sollen nun in weichem Boden neue Stellungen vorbereiten. Ich sehe das nicht ein: Im Rücken die sicheren Bunker und hier nur einen kleinen Erdwall, außerdem kein Schussfeld. Leutnant Hoffman geht mit uns auf unsere Ausgangsstellung zurück. Am 15. Januar ist bis auf kleine Plänkeleien und Spähtrupptätigkeit nichts Besonderes zu vermelden. Auf weiterer Suche nach Waffen ist jemand von uns aus dem am Rande unseres Igels befindlichen Bunker erschossen worden. Das können nur Russen sein, die sich in dem unübersichtlichen Gelände eingeschlichen haben. Durch den Gefreiten Springer werden sie aufgefordert, sich zu ergeben. Aber wir werden weiter beschossen. Aus Sprengmitteln der Artillerie fertigen wir uns eine geballte Ladung, mit ihr wird der Bunker vernichtet. Zuvor hatten wir es mit einer 3,7-cm-Pak versucht, die zur Verstärkung eingetroffen war, aber die Sprenggranaten fanden im Holz nicht den nötigen Widerstand, um volle Wirkung zu haben. Als weitere Verstärkung wird eine 7,5-cm-Pak nachgezogen. Auch der Pionierzug unter Leutnant Skibba ist eingetroffen. In der etwa 800 Meter rückwärts liegenden Stellung der 12.Batterie ist außerdem der schwere Zug unserer 13.Kompanie in Stellung entgangen. Mit Beruhigung stellen wir fest, dass unsere Gegenmaßnahmen jetzt im vollen Gange sind und dem Russen keine Zeit lassen, den bisher erzielten Einbruch ausnutzten.

Der kurze Tag geht seinem Ende zu, al wir auf die Geräusche fahrender Panzer aufmerksam werden. Höchste Alarmbereitschaft wird angeordnet. Ich bin noch im Bunker mit dem Zugtrupp zusammen und besehe mir das neuste Mittel der Panzernahbekämpfung, eine Haftholladung. Schade, dass dieses gute Stück nur in einmaliger Ausführung vorhanden ist. Da kommt von draußen der Ruf „Panzer“. Wir nehmen nur noch das „Raus!“ unseres Zugtruppführers Feldwebel Vulsiek auf, und schon sind wir draußen. Es ist schon merklich dunkel geworden. Da rollt mit aufgesessener Infanterie der erste Panzer in unsere Stellung. Wie ein Hagelschauer schlägt dem Gegner das Feuer unserer Karabiner entgegen. Die Infanterie sitzt ab, aber die Panzer rasseln mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Man hört ein Krachen und es ist anzunehmen, dass der erste Panzer über die Holme einer Pak gefahren ist und diese außer Gefecht gesetzt hat. Es geht einfach zu schnell in diesem mit Bäumen und Kusseln bestandenen Gelände, um gleich die richtige Schussstellung und damit beste Wirkung auf den Gegner zu haben. Ich habe die ersten Panzer gezählt, an die acht sind es. Jetzt verhalten sie etwas. Meine Hände umfassen die Haftholladung, ich bin dran! An einem Bunker vorbei springe ich den ersten besten Panzer an. Die Ladung anbringen und abziehen ist eins. Aber, als ich mit wenigen Schritten am Bunker bin, stelle ich fest, dass ich Sprengkapsel und Brennzünder noch in der Hand habe. Sofort bin ich wieder am anfahrenden Panzer und reiße die Ladung herunter. Wieder in Deckung.

Von einem Zweig breche ich mir ein Stück Holz ab und schraube es in aller Eile in dem Stiel mit hinein. Jetzt sitzt alles fest. Neue Panzer sind aufgetaucht. Auch die feindliche Infanterie greift jetzt mit aller Kraft in den Kampf ein. Wir halten verbissen stand. Maschinengewehre hüben und drüben entfachen einen gewaltigen Feuerzauber, dazwischen liegen die Einschläge der schweren Waffen. Für mich wird es Zeit, die Ladung an einem Panzer anzubringen. Schon bin ich wieder dran, die Ladung sitzt, abziehen und volle Deckung. Diesmal hat es geklappt: Eine Detonation, der Panzer steht in Flammen. Ein Teil der Besatzung steigt aus und verschwindet im Gebüsch. Das Feuer erhellt das Kampfgebiet und lässt es zum Mittelpunkt des Einsatzes der schweren Waffen werden. Der Russe ist uns weit überlegen. Er will die Rollbahn erreichen und uns den Rückzug abschneiden. Ich bin im Begriff, den Anschluss an meinen Zug herzustellen und habe bereits die ersten Kameraden erreicht. Durch die Vernichtung des Panzers ist auch der russische Angriff etwas gestoppt worden, so dass wir uns geordnet absetzen können. Die russische Artillerie feuert jetzt heftiger, um den Angriff wieder ins Rollen zu bringen. Wieder ein Einschlag, ich sehe gelb, grün und blaurot und verspüre einen scharfen Schlag. Taumelnd falle ich in einen Bunker. Zufällig sitzt dort ein Funktrupp. Die Kameraden heben mich auf und legen mich auf ein Bett nieder. Ich bin verwundet. Nur können wir nicht feststellen, wo. Jetzt höre ich draußen russische Worte. Es wird Zeit, dass wir hier wegkommen, ich versuche aufzustehen. Es geht auch und schon bin ich draußen, wenn das Bein auch sehr schmerzt. Glücklich erreiche ich die Feuerstellung und werde hier von Sanitätsunteroffizier von der Ohr versorgt. Er stellt fest, dass ich eine Hüftverletzung habe. Nachdem ich mich jetzt nicht mehr auf den Beinen halten kann, werde ich im Sanitätsbunker untergebracht. Das erste Fieber schüttelt mich. Um Mitternacht fahren Feindpanzer vor unserem Bunker auf, der mit Verwundeten brechend gefüllt ist. Nach etwa zwei Stunde fahren sie ab, ohne uns zu bemerken. Ein eigener Gegenangriff hatte uns vor schlimmeren Folgen bewahrt. Wir wurden dann von unseren Kameraden mit Akjas, nachdem wir mehrere Male feindlichen Gruppen entwischt waren, wohlbehalten im „Niederrheinlager“ abgeliefert. Ich ahnte noch nicht, dass für mich der Krieg aus war und ich nicht mehr zu meinen Kameraden an der Front zurückkehren sollte.