Gute Stellung - leider unbesetzt

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 3 - März 1974)


Die Kämpfe um Jezierna und Zborow westlich Tarnopol im Juli 1944 waren sicherlich wie viele andere ein Ruhmesblatt für die 96. Division, brachten aber auch für alle Soldaten herbe Enttäuschungen. – Das I. Bataillon des Regiments 284 wurde Mitte Juli vorübergehend von Hauptmann Thos geführt, der von Norwegen kam und hier seine Feuertaufe erhielt. Die Landser träumten damals vom Ausbau einer festen Stellung, die endlich den an Menschen und Material überlegenen Russen Einhalt gebot.

Stellungsbau wie nie zuvor

Es wurde selten so viel geschanzt wie in jenen Tagen, wobei auch die rückwärtigen Reservestellungen beachtlich ausgebaut wurden. Besonders beeindruckte uns der Stollenbau mit bereits vorgefertigten Balken und Hölzern. Trotz des ununterbrochenen Einsatzes im Osten wehrten sich die alten „Watzmänner“ und mit ihnen auch der junge Ersatz hervorragend. Aber wer sehnte damals nicht eine Wende herbei! Bewährte Einheitsführer waren gefallen oder verwundet, viele von höchster Stelle kommende Befehle wurden unten nicht mehr begriffen. Am 14. Juli brach der Sturm wieder los, eingeleitet durch ein Trommelfeuer der feindlichen Artillerie, das nichts Gutes ahnen ließ. Im Erdbunker von Hauptmann Thos, der sich noch gar nicht genügend mit der Lage vertraut machen konnte, besprach ich noch mit einem Beobachter des AR./196 den Feuerplan, als ein Melder hereinschrie: „Der Russe kommt!“ Der nördlichere Teil des Regiments war bereits zurückgeflutet und hatte unser Bataillon mitgerissen. Es gab nur noch Rückzug und zwar fluchtartig, denn der Russe saß uns auf den Fersen. Wir erreichten bald einen langgezogenen Hang und atmeten auf, als wir Oberstleutnant Gehrke mit seinem Stab und aufgefangenen 284er erkannten, die über unsere Köpfe hinwegschossen und ein gefährliches Nachsetzen der Russen zunächst verhinderten. Der vorgeschobene, wichtige Jezierna-Zipfel war einer russischen Einkesselung entgangen, gut ausgebaute Stellungen mussten aufgegeben werden. Enttäuscht und völlig erschöpft marschierten wir in der Juli Nacht in Richtung Zborow und wussten nicht, dass uns der Gegner begleitete. Ich führte mit Oberfeldwebel Holberg und Feldwebel Pulte die Nachhut, das Bataillon war weit auseinandergezogen. Im Morgengrauen erreichten wir ein Dorf. Als sich die völlig übermüdeten Männer in den Häusern zu einem kurzen Nickerchen niederlassen wollten, mussten wir sie eiligst aus dem Dorf dirigieren, denn schon explodierten hier und da feindliche Handgranaten.

Ein hohes Kornfeld am Wysußka-Tal entzog uns zunächst der Sicht des uns bedrängenden Gegners. Wir mussten aber den tiefen Bachgrund durchqueren, um den Anschluss an die Kampfgruppen unsres Regiments zu erreichen, die bei Zborow eingesetzt werden sollten. Beim Versuch, das Tal zu durchschreiten und das gegenüberliegende Höhengelände zu erreichen, hätten uns die Russen abgeschossen wie die Hasen. Kurzer Entschluss: Scheinangriff mit viel „Hurra“ aus dem Kornfeld heraus. Die Russen ließen sich täuschen und liefen, während wir in aller Eile uns auf das gegenüberliegende Hanggelände absetzten, wo wir ein gut ausgebautes Grabensystem vorfanden, das aber unbesetzt war. Oberfeldwebel Holberg wurde leider noch verwundet, zum Glück nicht schwer. Ausgepumpt besetzte unser kleines Häuflein die Gräben und täuschte mit zwei Maschinengewehren durch häufigen Stellungswechsel eine gut besetzte Stellung vor. Mich beeindruckte es damals, dass eine solche Stellung unbesetzt war, denn drüben waren bereits russische Panzer aufgefahren, so dass man hier doch von einer offenen und damit bedrohten Flanke sprechen konnte. Aber letztlich hatten meine Kameraden und ich hier keine Krieg zu führen auf eigene Faust, sondern mussten schnellstens Anschluss an das Regiment suchen, was dann auch ohne nennenswerte Schwierigkeiten gelang.

In harter Abwehr

Jedenfalls kamen wir ohne Verluste bis zum Verbandplatz im Bahnhof Zborow, wo zahlreiche Schwer- und Leichtverwundete in einem tiefen Kellergewölbe von San.-Oberfeldwebel Oberem betreut und versorgt wurden, der nach dem Kriege in meinen Heimatort Alfeld verschlagen wurde. Ich hatte vorher noch der Einheit, die sich an die unbesetzte Stellung anlehne, meine Beobachtungen gemeldet, doch hatten diese „strategischen“ Erkenntnisse wenig Eindruck hinterlassen, was angesichts der inzwischen einsetzenden schweren Abwehrkämpfe verständlich war. Die Kämpfe die sich hier am Bahndamm in aller Härte entwickelten, werde ich nie vergessen: Es war ein Schlachtfeld, es kam die Stunde des Einzelkämpfers. Die blutjungen Rekruten, die man als Ersatz zugeführt hatte, waren diesem Ansturm nicht gewachsen. Zwar wirkte der vorübergehende Einsatz schwerster deutscher Panzer auf manche ermutigend, konnte aber keine Wende herbeiführen. Die Absetzbewegungen erfolgten dann auch hier in letzter Minute. Am 20. Juli 1944 waren wir wieder unterwegs. Im Verlaufe des Tages hörten wir bei einem Gefechtstross aus einem Wehrmachtempfänger die Nachrichten von den Ereignissen im Führerhauptquartier, einen Überblick gewannen wir nicht. Die Ostfront hatte andere Sorgen. Der uns auf den Fersen sitzende Russe beschäftigte uns mehr. Es galt, neue Stellungen zu besetzen, die Verwundeten zurückzuschaffen und selbst dafür zu sorgen, nicht in die Hände des nachrückenden Gegners zu fallen.