"Gegner wurde zurückgeworfen!"

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 8/9 - August/September 1983)


Der Befehl zum Absetzen aus dem Raum südostwärts Schepetowka am 4. März 1944, den wir sieben Wochen erfolgreich verteidigt hatten, überraschte uns, aber bald wurde uns bewusst, dass es allerhöchste Zeit war: Eine große Lücke klaffte zwischen den Heeresgruppen Süd und Mitte, die nördlich der Pripjetsümpfe stand. In dieser Lücke sicherten nur schwache Aufklärungskräfte, die den Stoß der Russen in Richtung Rowno natürlich nicht aufhalten konnten. Schon schwenkten Teile des Gegners nach Süden in den Rücken unserer Armee. Darum wies unsere Marschrichtung nach Süden auf Kamenez Podolsk, um am Dnjestr ein Schlupfloch nach Westen zu finden. Nach der Verwundung des Leutnants Kandel übernahm Leutnant Sertingen unsere Infanteriegeschütz-Kompanie und führte sie bis zum Kriegsende. Wir bezogen eine neue Feuerstellung an der Rollbahn neben einem Feldflugplatz. Wir sollten zwar länger halten, aber ein sowjetischer Einbruch zwang zum Stellungswechsel. Wir erreichten eine Straßenkreuzung, an der wir links abbogen zur Holzbrücke über einen Wasserlauf. Zu unserem Schrecken stellten wir fest, dass sie schon zerstört war. Da blieb nichts anderes übrig, als die Geschütze zu sprengen. Die Fahrer versuchten noch, die Pferd durch das Wasser zu bringen, aber die Tiere blieben am Eisrand hängen. Die Trümmer der Brücke hatten sich so gestaut, dass wir zu Fuß das andere Ufer erreichen konnten. Nach mehrstündigem Fußmarsch erreichten wir unsere Kompanie in einer Kolchose. Dort hatten sich viele Soldaten verschiedener Truppenteile gesammelt und es herrschte ein ziemliches Durcheinander. Erst gegen Abend kam der Abmarsch langsam in Fluss. Mit der 291.Division bildeten wir den Nordflügel der Heeresgruppe Süd, nördlich von uns war das „große Wehrmachtloch“ und von da her drückte der Russe mit starken Kräften. Auch von Osten und Westen her suchte er uns endgültig einzuschließen. So blieb nur der Rückzug über Staor Konstantinow und Proskurow auf Kamenez Podolsk. So entstand dann ein „wandernder Kessel“ nach unserem Befehlshaber auch „Hube-Kessel“ genannt. Der einarmige Generaloberst war ein besonnener, vorzüglicher Truppenführer, zu dem wir großes Vertrauen hatten. Der Versuch des Feindes, uns schon bei St. Konstantinow abzuschneiden, misslang. Aber wer den Übergang über den Sslutsch miterlebte, wird ihn nie vergessen. Der Rückmarsch ging wie im Schneckentempo. Ich erinnere mich, dass wir einmal an einem Tag nicht mehr als einen Kilometer schafften, weil alles sich staute. Wir waren so ermüdet von den Strapazen, dass wir nur danach strebten, unter allen Umständen endlich schlafen zu können. In einer der Nächte gingen wir mit vier Mann eigenmächtig voraus, um nach der Ursache des Staus zu sehen, und erreichten so die Sslutschbrücke. Dort herrschte ein tolles Durcheinander. Die Brücke war durch die Überlastung in der Mitte ziemlich abgesackt, es hätten Schiebekommandos eingeteilt sein müssen. Kurzentschlossen griffen wir in die Speichen eines Fahrzeugs und im Nu waren wir mit diesem auf der anderen Seite. Sofort machten wir uns weiter auf den Weg, um abends in einem Ort an der Rollbahn ausschlafen zu können, was uns auch tatsächlich gelang. Unterwegs hatten sich uns ein Feldwebel und ein Unteroffizier vom Regiment 283 angeschlossen, wir waren gleich eine feste Gemeinschaft. Wir suchten eine Unterkunft und wurden dann auf der Stelle vom Schlaf überwältigt. Wer es selbst erlebt hat, weiß, was bleierne Müdigkeit bedeutet. Nacht gegen zwei Uhr wurde ich plötzlich wach, weil ich russisches Maschinengewehrfeuer hörte. Ich hatte alle Mühe, die Kameraden wach zu bekommen, wobei ich sie recht unsanft anpacken musste. Auf schnellstem Wege gingen wir in Richtung der Schießerei. Auf der Rollbahn liefen wir einem Hauptmann König von der Panzertruppe in die Arme. Die Schießerei war abgeebbt. Er erklärte uns kurz, die Russen hätten mit starken Kräften angegriffen, um die Rollbahn abzuschneiden. Der Hauptmann nahm uns dann zu seinem Gefechtsstand mit und vereinnahmte uns als willkommenen „Reservetrupp“. Man erwartete den erneuten Angriff der Russen und sollte recht behalten. Den zweiten Versuch des Gegners, die Rollbahn zu erreichen, konnten wir im Gegenstoß zurückschlagen. Es folgte ein dritter Versuch und diesmal konnten wir den Feind sogar bis in einen zur Rollbahn parallel laufenden Wiesengrund zurückdrängen. Inzwischen hatten wir Feldwebel und Unteroffizier verloren und waren mit anderen Landsern zusammen. Wir lagen in einem deckungslosen Gelände auf etwa zweihundert Metern den Russen gegenüber, die sich an einem Bachufer festgesetzt hatten. Noch war es zu dunkel, um gezielt schießen zu können, aber bald musste es recht unangenehm werden, denn schon färbte sich der Himmel fahlgrau. Es kam Unruhe auf und ich hörte einen Landser: „Ist denn kein Offizier hier?“ Das löste bei mir einen raschen Entschluss aus, ich sprang auf und gab mich für einen Offizier aus, bei der Dunkelheit konnte es ja niemand erkennen. Ich rief dann: „Folgende Lage, der Russe hat sich vor uns festgesetzt, wir greifen sofort an, denn beim Hellwerden, ist es zu spät. Befehl nach links und rechts durchgeben, alles durchladen, wir greifen an!“ Mit kräftigem „Hurra“ sprang ich vor, schoss mein erstes Magazin leer und feuerte dann mit dem Karabiner aus der Hüfte. Die anderen folgten mir und wie aus Hunderten von Kehlen klang das „Hurrah“ unseres kleinen Häufchens in der Morgendämmerung. Fluchtartig verließen die Russen ihre Stellung und zogen sich über ein weit ansteigendes Gelände zurück. Nun konnte ich mich mit meinen drei Kameraden bei Hauptmann König zurückmelden: „Feind erfolgreich zurückgeworfen!“ Gegen Mittag entließ uns der Hauptmann und dankte für unsere freiwillige Unterstützung, was mich tief berührte. Er schrieb auch eine Bescheinigung aus, damit wir uns bei der Kompanie ausweisen konnten. Das war gut, denn wir wurden mit einem Donnerwetter wegen unerlaubter Entfernung empfangen. Unser Chef beruhigte sich erst, als wir die Bescheinigung des Hauptmanns König vorweisen konnten. Uns war es dann eine Genugtuung, als unsere Einheit ungehindert den Abschnitt passieren konnte.