Eine "Kompanie der Freunde"
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 10 - Oktober 1979)
Das Vorkommando, dem ich angehörte, war bereits am 21. September 1939 in Bergen eingetroffen. Als „Zivilisten“, einzeln oder in Grüppchen, streben wir dem Truppenübungsplatz zu. Aus der Unterhaltung mit Weggefährten klang immer wieder heraus, dass der Krieg nach Beendigung des Polenfeldzugs nicht mehr lange dauern könne und die Aufstellung neuer Divisionen gewiss nur eine Vorsichtsmaßnahme sei. Vier Tage hindurch waren wir dann mit fünf Mann je Kompanie damit beschäftigt, die laufend eintreffenden Reservisten zu versorgen und in Wehrstammrollen zu erfassen. Erst ab 25. September wurde Bekleidung ausgegeben und danach hatte der uns zugeteilte W.u.G.-Unteroffizier alle Hände voll zu tun. Bis dahin gab es manche spaßige Überraschung: Hatten uns vor der Uniformausgabe die „Zivilisten“ meist sehr respektvoll begrüßt und versuchten wir in Landserlaune, den militärischen Ton uns noch bekannter Vorgesetzter nachzuahmen, so wendete sich jetzt schnell das Blatt: Ich höre noch Willi Burk, von Beruf Steuerinspektor, den ich schon im Zug nach Bergen als Spaßvogel kennengelernt hatte, wie er sich mit einem großen, breitschultrigen Mann unterhielt: „Westphal“, sagte er, als dieser sich ohne Nennung seines Dienstgrades vorgestellt und dabei leicht Haltung eingenommen hatte, „Sie werden Flügelmann im ersten Glied und nun stehen Sie bequem, ich war auch mal Gemeiner!“
August Westphal zuckte mit keiner Wimper, sondern sagte nur leise „Jawohl“ und verschwand. Wie groß war das Gelächter, als er sich wenige Stunden später in Uniform wieder meldete, diesmal im Glanz seiner Sterne und Kolbenringe! Willi Burk, der dann übrigens Rechnungsführer wurde, klappte die Hacken zusammen und stammelte irgendeine Meldung und wir wussten nicht, ob wir nur schmunzeln oder laut lachen durften. August Westphal löste die Spannung, holte eine Flasche Schnaps hervor und dann prosteten wir uns zu.
Er hatte übrigens schon einen Weltkrieg mitgemacht. – „Weihnachten sind wir wieder zu Hause“, war die einhellige Meinung. Am 25. September erreichte der Befehls- und Meldeverkehr zwischen dem Bataillon und den Kompanien einen gewissen Höhepunkt, der Dienstbetrieb in den Kasernen nahm militärische Formen an. Neugierig und voll Spannung erlebten wir das Eintreffen der Pferde- und Fahrzeugkolonnen. Überrascht waren wir zunächst über die tschechische Bewaffnung und Ausrüstung, worüber die Landser unterschiedliche Betrachtungen anstellten. Unsere rohledernen Koppel mussten noch in bewährter Weise „eingefärbt“ und auf Hochglanz gebracht werden. Auch die Kompanieschneider waren bis in die späten Abendstunden mit Änderungen beschäftigt. Chef der 9./284 wurde Hauptmann Brey, leicht als Schwabe zu erkennen. Er war für uns bereits ein „älterer Herr“, wir schätzten ihn auf Ende Vierzig, doch wirkte er infolge seiner schlanken Figur sehr drahtig. Trotz der scharfen Züge erschien sein Gesicht gutmütig, ein Eindruck, der durch den schwäbelnden Dialekt verstärkt wurde. Nie sah man ihn übrigens ohne Zigarette. Anfang Oktober lernten wir ihn näher kennen, als er durch den Spieß einen Kameradschaftsabend ansetzen ließ. Wer noch von dem „alten Watzmännern“ dieser Einheit am Leben ist, wird sich jenes denkwürdigen Festes in der Kantine lebhaft erinnern. Es wurde viel gesungen und gelacht und die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, als Hauptmann Brey auf einen Stuhl sprang und kerzengerade verkündete, dass die Neunte ab sofort die „Kompanie der Freunde“ hieße. Jubel brauste auf, aber plötzlich schrillte das Telefon und der Kantinenwirt rief den Hauptmann herbei: Der Kommandeur, Oberstleutnant Kaumann, gebot Zapfenstreich, worauf unser Häuptling aus seiner Stimmung heraus ziemlich unmilitärisch reagierte. Einige Umstehende wollen beim Auflegen des Hörers sogar den schwäbischen Gruß gehört haben und eine „ernste Aussprache“ soll am anderen Tag gefolgt sein.
Jedenfalls war die Nacht für uns noch nicht vorüber. Kaum war der letzte Landser im Bett, als der Hauptmann Alarm geben lies. Feldmarschmäßig mussten wir antreten. Ich sehe noch die Schlangenlinien beim Abzählen und Abrücken. Nur der Chef stand aufrecht wie ein Kirchenlicht und plötzlich erklang aus seiner rauhen Kehle das Kommando: „In die Kaserne zurück, marsch, marsch!“ Was an harter Arbeit in den sechs Wochen bis zur Verladung geleistet wurde, konnten die meisten von uns nur ahnen. Anfang November 1939 rollte unser Transportzug ab in Richtung Bruchsal – Karlsruhe. Im Raum Plittersdorf bezogen wir eine Bunkerstellung: „La guerre dróle“ begann! Der optimistische Willi Burk vertröstete uns mit dem Hinweis auf das verhältnismäßig friedliche Leben am Oberrhein auf Ostern, dann sei der Krieg bestimmt vorbei. Nun, Weihnachten feierten wir jedenfalls im Bunker. Wer aber erinnert sich nicht gern an die dann einsetzende Urlaubswelle, als jede Kompanie neben der offiziellen sogar eine „schwarze“ Urlaubsliste führte. Hauptmann Brey verließ uns wegen seines Alters vor Beginn des Westfeldzugs, Hauptfeldwebel Westphal aber marschierte noch mit quer durch Frankreich. Als wir mit Oberleutnant Viedebantt, dem neuen Chef, am Chemin de Dames vorbeizogen, spürten wir, wie unseren Spieß die Begegnung mit alten Kriegsschauplätzen tief bewegte, deren Namen aber auch uns auf Grund der Lektüre bekannter Kriegsbücher (Ettighofer, Bäumelburg, Jünger) nachdenklich stimmte. Doch für das Regiment blieb es beim „Watzen“, worüber mancher Tatendurstige sich sogar noch beklagte. Nach dem Westfeldzug schied auch Hauptfeldwebel Westphal aus. – Fast bei jedem Divisionstreffen war er in den 50er- und 60er-Jahren zugegen, nachher nur noch als stiller Beobachter, denn von seiner „alten Kompanie“ war kaum noch jemand dabei. Er starb vor ein paar Jahren. Willi Burk gab ich bereits vor fünfzehn Jahren in Hildesheim das letzte Geleit. 1952 hatte er noch beim ersten Divisionstreffen ein ganzes Regiment mit seinen Späßen unterhalten …