Eine entscheidende Überraschung

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 4 - April 1978)


In einem amerikanischen Gefangenenlager traf ich im Herbst 1945 mit General Harteneck zusammen. Als er hörte, dass ich 1942/43 Kommandeur des Grenadier-Regiments 284 gewesen war, sagte er mir, er habe die 96. Division aus dem Februar 1945 besonders gut in Erinnerung wegen ihres ausgezeichneten Verhaltens beim Angriff über die Donau bei Ebed. Ich freute mich über diese Bestätigung, dass sich der hervorragende Geist der „Watzmänner“ noch in den letzten schweren Monaten des Krieges erwiesen hatte (hierzu Div.-Geschichte S.366 bis 370). Die 96. Division hatte damals gerade das überaus kampf- und verlustreiche Jahr 1944 in der Ukraine und Galizien hinter sich und am Jahresbeginn den Donau-Übergang von Nord nach Süd bei Nyerges-Ujfalu erzwungen. Nun stand sie nach wochenlangen Kämpfen Mitte Februar mit dem Rücken zum Strom bei und südwestlich von Esztergom, etwa in der Linie Dorog-Sari Sap-Szomor, in der Abwehr. Schon am 7. Januar hatte der Russe nördlich der Donau den Gran im Angriff überschritten und sich beiderseits Perbete auf wenige Kilometer der Bahn von Neuhäusl nach Komorn genähert, stand also nur durch den vereisten Strom getrennt lief im Rücken der Division. Das war eine auf die Dauer unhaltbare Lage. Von Westen nördlich der Donau wurden also am 17. Februar Kräfte des IV. SS-Panzer-Korps zum Gegenangriff angesetzt, um den Feind wieder über den Gran zurückzuwerfen. Dieser Angriff sollte durch einen Flankenstoß von Teilen der 96. Division auf Ebed unterstütz werden, um den Sowjets den Rückweg zu verlegen. Das war ein kühnes Unternehmen, denn dazu musste der Übergang über die eistreibende Donau bei 600 bis 800 Meter Strombreite erzwungen werden! Zunächst wurde das verstärkte Regiment 284 (Oberstleutnant Hupe) mit dem II./287 (Hauptmann Dressel) aus der Front herausgezogen und bereitgestellt, dazu Sturmboote, Floßsäcke und Fähren mit Koppers Pionieren sowie einige Batterien unserer 196er, aber auch Werfer unter Oberstleutnant Dr. Koch und Hardenbergs Sturmgeschütze.

Bei nebligem Winterwetter in der Frühe des 17. Februar begann der Angriff der Panzertruppen von Westen beiderseits Perbete, die „Watzmänner“ sollten dann in der kommenden Nacht überraschend und ohne Feuervorbereitung den Strom überschreiten, II./284 (Major Hillermann) und II./287 in vorderer Linie, I./287 (Major Bensch) hatte als Reserve zu folgen. Zwischen treibenden Eisschollen schoben sich die Fahrzeuge der Pioniere kurz nach Mitternacht über das nachtdunkle Wasser. Spannung auf allen Gesichtern: Wie wird es aussehen, drüben am anderen Ufer beim Gegner? Die Stille der Nacht wurde durch keinen Schuss, keine aufflammende Leuchtpatronen unterbrochen; zu hören waren nur das Knattern der Bootsmotoren, das Rauschen des Stroms und das Scharren der Eisschollen. Schon sprangen die Ersten an Land: Postenlöcher und Schützengräben waren leer und verlassen, das hatten sie nicht erwartet! Erst später erführen sie von Gefangenen, dass die am Ufer befindliche Garde-Division im Westen gegen den Panzerangriff eingesetzt werden sollte und abgerückt war, ohne die Ablösung, die sich verspätet hatte, abzuwarten. Man hatte sich bei den Sowjets auf das starke Hindernis des vereisten Stromes verlassen. So gab es für beide Seiten eine große Überraschung, angenehm für die „Watzmänner“, recht unangenehm für die Russen. Schnell konnten sich die Kompanien im nassen Ufergelände sammeln und zum raschen Vorgehen auf Ebed antreten. Erst dort am Ortsrand kam es zu einer kurzen Schießerei mit feindlichen Sicherungen und dann gab es ein befreiendes Lachen: Die so unsanft geweckten Rotarmisten versuchten, zum Teil im Hemd und barfuß, zu flüchten, wurden aber schnell eingefangen. Einige ihrer Panzerfahrzeuge erlagen unseren Panzerfäusten, ehe sie entkommen konnten. Inzwischen setzten auch das I./284, Hardenbergs Sturmgeschütze und Teile der Artillerie über die Donau und Oberstleutnant Hupe konnte den Brückenkopf bis zur Bahn und Straße nördlich von Ebed zu einem großen Halbkreis erweitern, beiderseits an das Flussufer angelehnt. Diesen galt es zu halten, bis der deutsche Panzerangriff von Westen herankam, dann war dem Feind der Rückzug auf den unteren Gran verlegt. Das war nun der schwere Teil der Aufgabe. Den Ostteil des Bogens hielt das II./284, den Westteil das I./284, eine verstärkte Kompanie der 287er wurde zwischen beiden Bataillonen eingeschoben, eine weitere am linken Flügel, der Rest des II./287 bildete die Reserve.

Sehr bald hatte der Russe die drohende Gefahr erkannt. Noch ehe die Sonne über den Waldhöhen des Bözormeny-Gebirges jenseits des Gran ganz aufgegangen war, setzte er seine Reserven zum Gegenangriff an, um sich die Rückzugsstraße frei zu kämpfen. Jetzt machten sich die gute Vorbereitung des Unternehmens und die reichliche Bereitstellung von Munition bezahlt. Vorgeschobene Beobachter und Nachrichtenleute wetteiferten, um der Infanterie zu helfen. Sekundenschnell waren die Ziele erfasst: Haubitzen, Werfer und Sturmgeschütze schlugen die Angreifer nieder. Nur die Luftüberlegenheit lag leider ganz beim Gegner und immer wieder griffen seine „Schlachter“ mit Bomben und Bordwaffen in den Kampf ein, besonders beim Dorf selbst beim Gefechtsstand der Kampfgruppe in der Nähe der Kirche. Dort war der Stab der 284er am 19. Februar ihr Opfer: Der tapfere Oberstleutnant Hupe, sein bewährter Adjutant Rattay, der Ordonnanzoffizier sowie fünf Unteroffiziere und Soldaten fielen, weitere wurden verwundet. Major Bensch übernahm zunächst mit seinem Stab die Führung der Kampfgruppe. Zwei schwere Kampftage hatten die „Watzmänner“ noch durchzustehen, denn der Russe wollte sich mit Gewalt den Rückweg frei kämpfen. Immer wieder brandeten seine Angriffe gegen den Brückenkopf, obwohl Hunderte von Gefallenen vor den deutschen Linien liegen blieben, Dutzende von Panzern abgeschossen wurden. Seine Panzer brachen zeitweise bis zum Rand von Ebed durch, in den Bereich der Nahkampfwaffen im Ort selbst trauten sie sich aber nicht. Doch Brückenkopf und Sperrriegel der „Watzmänner“ hielten unerschütterlich. Dann endlich, in der Nacht zum 21. Februar, war es geschafft: Der eigene Panzerangriff erreichte Ebed, freudig begrüßt von den Grenadieren, um dann noch weiter durchzustoßen, den Feind in den folgenden Tagen zu zerschlagen und über den Gran zurück zu werfen.

Die Gesamtverluste der Russen wurden im Wehrmachtbericht vom 27. Februar mit über 20.000 Mann, 90 Panzern und 334 Geschützen angegeben. Die „Watzmänner“ hatten an diesem Erfolg einen wohlverdienten Anteil. Die Aufgabe war erfüllt worden, die Opfer nicht umsonst gewesen. Einige kurze Ruhetage in den Dörfern an der Donau mit ihrer freundlichen Bevölkerung konnten genossen werden, ehe sie wieder zu neuem Einsatz an der Hauptfront der Division kam. Verdiente Anerkennung von Heeresgruppe, Armee und Korps wurde der Kampfgruppe Hupe zuteil.