Die rettenden Filzstiefel

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 8/9 - August/September 1973)


Diesen Bericht zu schreiben, ist nur möglich, weil ich mich in Rüdesheim im Krankenhaus befinde, um eine Fußkorrektur vornehmen zu lassen. Es geht in der Hauptsache um den rechten Fuß, der mir schon 1941/42 in Otradnoje an der Newa allerlei Kummer bereitete. – Bekanntlich sanken damals die Temperaturen erheblich unter den Nullpunkt. Damit entstand für mich ein ernsthaftes Problem. Ein Erbübel, große Ballen am rechten Zeh mit Anlagen zu Senk-, Platt- und Spreizfuß, ließen im Stiefel Druckstellen entstehen, so dass Erfrierungen ohne weiteres zu befürchten waren. Filzstiefel hätten zu mindestens Erleichterung verschaffen können, aber wir waren auf den Winter nur ungenügend vorbereitet. Dem Kompanietrupp, dem ich als Melder angehörte, wurden, als die ersten Filzstiefel eintrafen, zwei Paar zugewiesen. Der Chef, Oberleutnant oder Hauptmann Böttger, und Kompanietruppführer Otto Seipel erhielten sie. Dieser hat sie uns zeitweilig zum nächtlichen Wachestehen zur Verfügung gestellt. Damit war mir aber nicht geholfen. Unser Sanitäter Wolfgang Geßner, dem ich meine Lage schilderte und den Fuß zeigte, konnte mir lediglich Frostsalbe zum Einreiben geben, das Ergebnis war unbefriedigend. Ich sann nunmehr auf Selbsthilfe, indem ich nach Möglichkeit nur noch die Hälfte meiner Brotportion aß und die andere Hälfte sparte um mir vielleicht bei Zivilisten in Otradnoje dafür ein Paar russische Filzstiefel einzuhandeln.

Er war gar nicht so leicht, mein Vorhaben durchzuführen. Wer sich an die damaligen Verpflegungsportionen erinnert, wird mir das bestätigen können, gab es doch wochenlang keine Kartoffeln, da diese schon beim Transport unweigerlich erfroren wären. In meinem Alter, ich zählte gerade 23 Lenze, war bei der guten, reinen Winterluft der Kohldampf recht erheblich. In dieser Lage kam mir zustatten, dass ich alle drei Tage als Melder nach Gory marschieren durfte. Wenn ich dann zur Mittagszeit dort war, fiel meistens ein Teller Suppe für mich ab und bei meiner Rückkehr zum Gefechtsstand gegen Abend fand ich meine mittägliche Suppenportion vor, die Neuwirth in Otradnoje zurechtgebraut hatte. Es vergingen ein paar Wochen, bis ich ir drei Kommissbrote am Munde abgespart hatte, dementsprechend sahen sie auch aus, trocken und rissig. Diese Brote steckte ich mir in einen Verpflegungssack und, als ich wieder einmal mit einem Auftrag nach Otradnoje geschickt wurde, ging ich wie „Knecht Ruprecht“ los. Bei unserer Küche traf ich einen Russen an, der von der Kommandantur beauftragt war, Erhebungen über die Einwohner anzustellen, die er in eine Liste eintragen sollte. Der kam mir wie gerufen. Ich zeigte ihm das Brot, deutete auf seine Filzstiefel und machte ihm mit Händen und Füßen klar, was mein Wunsch war. Er begriff sofort und nickte mit dem Kopf. Er sagte „Uliza“ (Straße) und „Domo“ (Haus“ nebst Nummer, zeigte mir auch die Richtung. Wir betraten das von ihm angegebene Haus. Eine Frau erschien, sie weinte, den Grund konnte ich im Augenblick nicht erraten. Der Russe erklärte ihr, was ich wollte, und zeigte ihr das Brot. Sie verließ den Raum und kehrte kurze Zeit später mit einem Paar Filzstiefel zurück. Ich probierte sie an und sie passten, reichten mir sogar bis hoch an die Knie. So erklärte ich mich einverstanden, fragte aber nun noch nach einem Paar Fellhandschuhen. Weinend ging die Frau wieder weg und erschien bald wieder mit einem Paar grober Fellhandschuhe. Ich übergab ihr also das Brot, der Handel war abgeschlossen und ich konnte zufrieden sein. Die Frau gab mir noch zu verstehen, dass sie gegen „Chelba“ (Brot) gerne Wäsche waschen wolle, sie habe noch zwei Kinder. Als ich mich verabschieden will, stößt mich der Russe an und bedeutet mir, dass ich in das Nebenzimmer schauen solle. Blitzartig wurde mir klar, warum die Frau weinte und wieso ich so rasch zu Filzstiefeln und Fellhandschuhen gekommen war. In dem Zimmer stand ein Tisch und darauf lag steif ein toter Mann, wahrscheinlich ihr eigener. Er hatte keine Stiefel mehr an und sicher waren es auch seine Handschuhe. Ein tragischer Fall unter vielen in der damaligen Zeit. Nun, er brauchte die Sachen ja nun wirklich nicht mehr und mir halfen sie gut über den schweren Winter hinweg. Ich stellte die Sachen auch den Wachposten zur Verfügung, die das sehr dankbar empfanden und so vor Erfrierungen bewahrt wurden. Als wir am 15. Mai Otradnoje verließen, hatten die Filzstiefel ihre Schuldigkeit getan und waren im Verlauf der Schneeschmelze unbrauchbar geworden. Im folgenden Winter wurden wir mit Winterbekleidung ausgezeichnet versorgt. Der erste Winter in Russland jedoch war manchem schon allein durch die furchtbare Kälte zum Verhängnis geworden. Aus der Zeit in Otradnoje erinnere ich mich noch dran, dass wir die Russen aus dem Ort oft dabei beobachteten, dass sie sich über unsere gefallenen Pferde hermachten, um damit ihren Hunger zu stillen, denn ihre Ernährungslage in der Nähe der Front war recht schwierig. In jener Zeit war Pferdefleisch für uns noch „tabu“. Wir hatten einfach Vorurteile dagegen, aber wenige Jahre später kamen auch wir auf den Geschmack. Klopse und Frikadellen aus Pferdefleisch konnten gar nicht groß genug sein. Mir brachte es später, als ich wieder hauptamtlich an der Feldküche beschäftigt war, den Namen „Klops-Klaiber“ und „Frikadellen-Richard“ ein, eine Erfindung von Richard Lahmer, der aus dem Saargebiet stammte.