Der "Neue" war bald der "Alte"

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 4 - April 1973)


Der 75. Geburtstag unseres Kameraden Hartwig Pohlman, am 23. April, veranlasst uns zu einem Blick in das Tagebuch des 1951 gestorbenen Hauptmanns Gerhard Dobritz, der im Sommer 1942 im Stabe des Grenadier-Regiments 284 war. Dieses Regiment wurde damals von Oberst Pohlman übernommen. Aus diesen Zeilen spricht das unmittelbare Erleben jener Zeit vor über 30 Jahren.

18. Juli 1942 – Es kommt ein Oberst aus der Führerreserve des OKH, ich glaube, er heißt Pohlman. 1.August – der neue Kommandeur ist schon bei der Division und wird noch heute erwartet. Das ist alles eine ungemütliche Situation. Wie wir der „Neue“ aussehen? Wie wird er sich einstellen? Am Abend trudelte der neue Oberst ein. Ein großer, schlanker Mann. Wir waren allein, da unser alter Oberst sich seinem Nachfolger widmen musste.

2. August – Der neue Kommandeur war mit dem alten in den Stellungen. Für den Nachmittag hatte es uns der General den „Neuen“ abgenommen, da wir mit unserem guten „Champus“ (Oberst von Chappuis) Abschied feiern wollten. Am späten Abend kam Oberst Pohlman von der Division zurück und nahm das erste Mal von uns flüchtig Kenntnis, erzählte von sich und seinen Erlebnissen, bis wir alle müde wurden und die beiden Obersten sich zurückzogen.

6. August – Geländeerkundung mit dem Oberst und Goßler. Wir bewegen uns mit dem Raupenschlepper durch die Gegend, die Kraftfahrzeuge verschwinden im Straßenschlamm. Rückkehr spät am Nachmittag. Der neue Kommandeur ist als alter Generalstäbler sehr gründlich, man kann aber noch viel lernen bei ihm, ich glaube, es wird ein ganz gutes Arbeiten geben.

9. August – Der neue Kommandeur ist ein Mann mit sehr viel Erfahrung. Er hat in diesem Krieg bereits vier Feldzüge mitgemacht in Generalstabstellen und weiß belehrend, aber sehr interessant zu erzählen. Er wird ein guter Gegenpol zum 1a der Division sein.

21. August – Ich war mit dem Oberst im linken Abschnitt des III. Bataillons bei Winjagolowo. Es sieht noch trübe aus mit den Postenständen, aus denen die Hauptkampflinie besteht. Es soll eine als durchgehende Linie gedachte Brustwehr aus dicken Baumstämmen im Sumpfwald geschaffen werden. Am Abend spiele ich mit dem Oberst und Stahlhut Skat. Der Oberst spielt sehr gern.

27. August – Nachts gab es Bomben auf den Gefechtsstand, in der Frühe heftiges Trommelfeuer.

30. August – Der Oberst ist im Abschnitt des Dritten, der General ist im Gelände, die Stäbe sind in Bewegung.

2. September – Der Oberst ist ein Kommandeur von Format und man lernt bei ihm in jeder Hinsicht. Das ist wertvoll. Nur im Skatspiel sind wir ihm meistens über.

5. September
– Der General eröffnete mir meine Beförderung zum Oberleutnant, der Oberst nagelte mir die Sterne auf die Schulterstücke.

8. September – Der Oberst ist mit uns abwechselnd viel unterwegs. Die Stellungen und Unterkünfte werden weiter ausgebaut, Riegelstellungen werden angelegt.

11. September – Heute ging es zum II. Bataillon zur „Fidelen Laus“. Wenn man mit dem Oberst in den Stellungen ist, hat er immer den Stahlhelm auf, weil es für die Truppe grundsätzlich so befohlen ist, um Verluste einzuschränken.

19. Oktober – Trostlose Herbstwetter, nass, kalt, trübe. Der Kommandierende General war da, der Oberst schleppte ihn zur „Fidelen Laus“. Der General war erschüttert und meinte, es gäbe im Korpsbereich kaum noch einen so schlechten Abschnitt.

5. November – Am Abend spielen wir mit dem Oberst Skat. Er meint, später gehe es draußen nicht mehr, weil man vor steifen Fingern die Karten nicht mehr halten könne. Wir müssen nämlich in den freien Wald südlich des Ladogasees umziehen, wo es keine Bunker gibt, zum berüchtigten „Flaschenhals von Schlüsselburg“. Reizende Aussicht bei 20 Grad Kälte!

11. November – Ich melde mich beim Kommandeur, als wir in der Dunkelheit eintreffen. Der Oberst hatte uns erst am nächsten Tag erwartet und war erstaunt über unsere Marschleistung. Eiskalte Nacht im Finnenzelt.

Besuch der Soldatenfriedhöfe

21. November – Der Bunkerbau schreitet munter vorwärts. Der Oberst nimmt mich mit auf eine Fahrt, die uns in das alte, vertraute Gebiet an der Newa führt. Ich habe mich gefreut, Otradnoje wiederzusehen. Der Oberst, Pahl und ich gingen zunächst zu unseren beiden Soldatenfriedhöfen. In Mga war es herrlich in einer kleinen Privatsauna, die Hitze tat uns gut.

25. November
– Der Oberst veranstaltete ein großes Belehrungsschießen mit Infanterieschützen und Pak auf die russischen Panzer im Sinjawinokessel, ein imposantes Schauspiel!

29. November – Am Nachmittag gab es Adventskaffee beim Oberst, es war sehr schön. Schmitz hatte Berliner Pfannkuchen gezaubert.

2. Dezember – Der Oberst fegte den ganzen Tag durchs Gelände. Er sieht witzig aus mit seiner Windjacke und dem Krückstock.

8. Dezember – Heute Abend soll ein Fest starten. Der Oberst hat mich zum „maitre de plaisir“ bestellt Fünf Damen und drei Herren eine Varietégruppe sind eingeladen für eine Vorführung. Die Sängerin Gerda Schmidtmann sang den Oberst dauernd an, worauf dieser auf die Bühne sprang und ihr vor allem Publikum einen Kuss gab. Die Landser rasten vor Beifall. Nach der Vorstellung begann das Fest mit einem Abendessen auf runden Scheiben aus Birkenholz. Die Stimmung war bombig.

7. Januar 1943 – Rückkehr vom Urlaub. Der Regimentsgefechtsstand wird zur 170. Division an die „Burmastraße“ vorverlegt. Der Oberst fährt mittags ab, er ist nicht sehr erbaut über den Wechsel. Draußen herrscht scharfe Kälte mit 20 Grad. Es wird ein russischer Angriff über die Newa erwartet.

8. Januar – Minus 28 Grad! Der Oberst berichtet von seiner ersten Nacht auf dem neuen Gefechtsstand, von den aufregenden Nahkämpfen mit Ratten und Wanzen.

12. Januar – 7.20 Uhr beginnt ein Trommelfeuer von mehreren Stunden, dann folgt ein russischer Großangriff über die Newa, die Lage ist sehr angespannt.

13. Januar – Wieder Trommelfeuer, Stalinorgeln prasseln, die Hölle ist los. Der Gefechtsstand wechselt nach vorn ins „Scheidies-Lager“. Ein Bombenangriff auf ihn hat entsetzliche Wirkung. Wir kommen auch nachts nicht zur Ruhe.

14. Januar – Der Morgen sieht uns schon wieder im Kampf. Der Iwan sitzt uns vor der Tür und wir sind auf dem Sprung, den Gefechtsstand als letzten Stützpunkt zu verteidigen. Es kam zu Krisen. Am Nachmittag wurde das II. Bataillon wieder gesammelt, das auf unseren Gefechtsstand zurückströmte. Der Oberst führte die Bataillone selbst wieder nach vorne und stellte damit die Lage wieder einigermaßen her.

15. Januar – Panzer, die ganz in der Nähe stehen, pflastern laufend in unseren Gefechtsstand hinein. Wir klemmen uns hier in ein kleines Loch, das sich Bunker nennt. Der Oberst, Oberleutnant Sehnert, zwei Artillerie-Verbindungsoffiziere und ich hocken hier, dazu der Gefechtsschreiber und was sonst aus- und eingeht. Wir haben uns eingeigelt, zwischen uns und den Bataillonen sitzt noch der Russe. Eine tolle Schweinerei, uns fliegen dauernd die Brocken um die Ohren.

16. Januar – Erst schien es ruhig, dann kam das dramatische Ende. Ein russischer Panzerangriff durchbricht die Stellungen der Regimenter 283 und 284. Da gibt es kein Halten, die Leute strömen zurück, die Panzer haben die schweren Waffen niedergewalzt. Plötzlich lauerte ein T 34 am Gefechtsstand auf. Die Rohre einer nahen Batterie schießen, was das Zeug hält. Der Panzer fliegt in die Luft. Der Oberst und der Adjutant stürmen nach vorne, um die Männer wieder vor zu reißen. Der Anschluss nach rechts und links ist verloren. Der Kampf geht um das „Scheidies-Lager“. Die Russen fallen in Massen. Fast werden die Ausgangsstellungen am Ringweg wieder erreicht. Wir werden eingedeckt mit Bomben und Granaten aller Kaliber. Unser Regiment 284 ist wieder am weitesten vorne. In der Nacht trifft der Befehl ein, sich vom Feinde abzusetzen. Wir stehen in der Division so weit vorn, dass die Gefahr besteht, abgeschnitten zu werden.

17. Januar – Der Russe stößt mit starken Panzerkräften nach, Panzer sind durchgebrochen, Panzer kommen von links und rechts. Der Oberst eilt mit dem Adjutant nach vorne, um das Regiment zum Gegenstoß zu führen. Er wird im Nahkampf verwundet. Es sind kritische Stunden, das gesamte Regiment vorne ist noch etwa 200 Mann stark.