Der letzte Brief des Oberleutnant Hans Borchers

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Der Watzmann - Nummer 115 - April 2009)


Meine liebe Marlies!

Meine Zeit ist eigentlich so bemessen, dass ich keine Zeit hätte, Dir zu schreiben, aber es ist ein altes wahres Wort: „Je weniger Zeit man hat, um so mehr schafft man.“ Aber heute ist hier bei uns der Teufel los. Zwei Tage hatte ich gelegen. Hatte alles, was man hier in Russland so haben kann. Erstens stark erkältet, bin jetzt noch so heiser, dass ich kein Wort ohne zu krähen raus bekomme. Dann ein Schnupfen, dass die Taschentücher nicht ausreichen. Und dann musste ich dauernd rauslaufen, na, Du weißt schon, was ich damit meine. Und als letztes kalte Füße. Und dann keinen Schnaps! Donnerwetter, das war stark! Na, und dann kam ein Päckchen aus Berlin von Hagelweiss. Noch wenige Tage vorher hätte ich über den Inhalt gewettert, aber jetzt konnte ich alles gut gebrauchen. Eine Flanellbauchbinde, Zwieback und Kaviar nebst Trockenobst. Herrlich, was? Na, und nun gings los.

Meine Befehle von meiner Bretterruhestatt gebend, musste ich manchmal recht unangenehm werden. Heute in aller Früh Stellungen erkundend. Teils auf Skiern, da ich sonst bis zum Bauch in den Schnee einsank. Melder von der Division kommen: Starke Feindkräfte sollen meinen Ort angreifen. Dieser Funkspruch ist kurz vorher abgehört worden. Alles erhöhte Alarmbereitschaft. Wachen verstärken. Ich gehe alle Postenstände nochmals ab. Dann besuche ich meine Baustelle. Ein kleines Kommando arbeitet mit Zivilrussen an der Strasse nach hier. Vorarbeiten für das Frühjahr. 50.000 Bäume habe ich zu fällen, damit wir bei Tauwetter auch aus diesem Morast wieder herauskommen auf Knüppeldämmen. Sie sind fleissig und schaffen gut.

Soeben gehe ich sämtliche Quartiere durch. 11 Häuser, so weit man noch von Häusern sprechen kann, sind noch vorhanden. Die hier täglich und stündlich kommenden Flieger haben sie übrig gelassen. Aber die Mehrzahl ihrer Bomben warfen sie in freies Gartengelände oder trafen ein Haus, in dem gerade keiner war. Ich bekomme heute oder morgen noch 75 Mann. Sie sollen alle unterkommen. Eine Kolonne Nachrichtenfahrzeuge sitzt fest. Ich helfe mit einem Schneepflug, ihren Weg von Schnee freimachen. Während sie festsitzen, haben sie alle Funkverbindung aufgenommen mit der Nachbardivision. Rechts von mir sollen 400 Schneeschuhläufer durchgebrochen sein. Also auch nach rechts Vorsicht. Na, daraufhin brauche ich noch einen Schnaps und lege mich hin. Aber nach einer halben Stunde ist die Ruhe vorüber. Ich muss den Abteilg.Kommandeur in die erkundeten Stellungen einweisen. Kann nicht sprechen und bekomme noch Nasenbluten. Ein Wachtmeister, der am Vormittag mit mir war, soll weiter einweisen, ist aber nicht zu erreichen. Na schön, dann geht`s eben doch. Und bis die neuen Bunker fertig sind, muss ich diese 200 Mann auch noch unterbringen. Geht alles, ich habe ja 11 Häuser und was für welche! Aber die kommen erst morgen. Also noch Zeit. Wieder in meiner Behausung, ist viel Kleinkram zu erledigen. Ein Fernspruch der Division: Fliegerbeobachtung: „500 Mann im Anmarsch, 4 km von meinem Ort.“ Mein Stützpunkt wird sie halten, lass sie nur kommen.

Ruhe bewahren wird noch zusätzlich empfohlen. Na, wenn einer eine Ruhe hat, bin ich es wohl. Du kennst sie doch auch. Einzelne haben über meine Bierruhe schon im Frieden geschimpft. Das Essen schmeckt. Mein Futtermeister hat mir 4 deutsche Pferdebouletten geschickt. Tadellos!

Fernruf: Die Infanterie wird morgen früh rausgezogen, muss um 5 Uhr abmarschieren. Donnerwetter. Sie hat gerade die 40-Mann-Wache. Muss aber noch abgelöst werden. Gut, auch das geht in Ordnung. Inzwischen ist es 22.30 Uhr. „Können wir uns hier aufwärmen?“ kommt ein Feldwebel von der Heeresflak. „Aber natürlich, mit netter Musik sogar; wenn sich eine schöne Frau in dich verliebt“ spielt gerade der Belgrader Sender. Und nun „wenn Du mich küsst“. Ist eigentlich Krieg oder Frieden?

Auch die Flak setzte ich ein und bringe den Rest unter in meinen 11 Häusern. Wieder ein Anruf von einer und noch einer Division, „Verstärkung, Pioniere sind im Anmarsch“. Sie sind aber eben noch nicht da. Schön, jetzt will ich kontrollieren, ob die neue Wache richtig steht. In einer Stunde bin ich wieder da, und dann wird´s wieder Neues geben. Ja, so geht auch mal ein Tag hin.

Oftmals ist ja auch gar nichts los. Also schnell noch einen guten französischen „Ostard Dupug & Co Cognac“ auf Dein Wohl, mein Schatz. Es geht mir gut. In Wahrheit sehr gut. So ein richtiger Krieg macht eben doch Freude. Aber Ich könnt Euch das gar nicht vorstellen. Habt nur immer Angst und Sorge, die wir eben so nicht kennen. Mein Lieb, lass es Dir gut gehen und fahr ruhig noch mal allein in Urlaub. Du hast es wirklich nötig, wenn Du ganz ehrlich bist! Und so schnell komme ich doch noch nicht.

Viele liebe Grüße und Küsse von Deinem Hans.

Hans sein letzter Brief, er fiel am 20. III. 1942