Der Dienstplan eines Küchenbullen
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 8/9 - August/September 1972)
Wer sich in Gedanken in die Zeit dieser heiteren Erinnerungen unseres Richard Klaiber, jetzt wohlbestallter Bäckermeister und Konditoreibesitzer in Rüdesheim, zurückversetzen will, der schlage schnell einmal die Divisionsgeschichte nach auf Seite 203 und folgende und betrachte die Bilder neben Seite 193, dann steht das Leben jener Tage wieder vor seinen Augen. Doch lassen wir unseren Kameraden selbst berichten:
Brotzulage
Wir schrieben das Jahr 1943. Waldlager bei Tritowo hatte ich die Aufgabe, als Koch für das leibliche Wohl der dort stationierten Fahrer zu sorgen. Da kam nun unser Sanitäter und eröffnete uns, dass wir uns an einem bestimmten Tag und zu einer bestimmten Stunde auf dem Hauptverbandsplatz in Dedelowo zur ärztlichen Untersuchung einzufinden hätten. Befehlsgemäß setzte ich mich mit unserem Haufen den Knüppeldamm entlang in Marsch. Am Ziel angekommen, hieß es den Oberkörper freimachen. Einzeln defilierten wir an unserem Arzt vorbei. Ein Schreiber saß mit einer Liste und mit gezücktem Bleistift daneben. Als ich an die Reihe kam, ordnete der Arzt an: „Schreiben Sie den Mann auf Brotzulage!“ Innerlich entzückt sah ich schon das „Mehr an Brot“ vor meinem geistigen Auge. Sicherlich habe ich auch einen sehr erbarmungswürdigen Eindruck bei dem Arzt hervorgerufen. Aber dann kam die verhängnisvolle Frage des Doktors: „Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich für eine Funktion bei der Kompanie?“ Wahrheitsgemäß gestand ich, dass ich als Koch eingeteilt sei. Da stutzte der Arzt, sah mich noch einmal von oben bis unten durchdringend an und drehte sich dann zu seinem Schreiber um mit den schwer enttäuschenden Worten: „Zulage streichen, der Kerl ist ja nur zu faul zum Fressen!“ So bleib ich „Richard Normalverbraucher“. Ja, wenn der Doktor mich heute sehen könnte mit meinen 95 Kilo Lebendgewicht! So ändern sich die Zeiten!
Butterration und Achtstundentag
Wir befanden uns im Waldlager zwischen Dedelowo und Groady. Unser Küchenunteroffizier hatte Urlaub oder war beim rückwärtigen Tross. Jedenfalls war ich sein Vertreter und hatte die ehren- und dornenvolle Aufgabe, für warmes Essen und kalte Verpflegung verantwortlich zu sein. Natürlich glaubten viele Kameraden, das sei ein geradezu idealer Job. Sie wollten nicht wahr haben, dass dem keineswegs so war. Denn an Arbeit war wirklich kein Mangel von früh bis spät und man hatte seine Sorgen und Mühen, das alles unter erschwerten Bedingungen wie Holzbeschaffen, Wasserholen und was dergleichen mehr war. Zudem hatten sie uns auch noch unseren „Küchen-Tataren“ namens Kasper weggeholt. Zwar bekam ich ab und an mal einen von unseren Hiwis zur Verfügung gestellt. Nach zwei Tagen lautete sein vernichtendes Urteil über mich: „Kamerad nix gutt, robotte, robotte, robotte!“ Er kannte wohl nicht das deutsche Sprichwort „Arbeit macht das Leben süß“. Im Inneren musste ich ihm Recht geben, aber ich selbst schone mich ja auch nicht und die Arbeit musste nun mal gemacht werden, denn jeder wollte eben jeden Tag essen, das stand ihm schließlich und endlich zu. Krieg ist ja noch nicht ohne weiteres ein Grund, auf einigermaßen geregelte Nahrungszufuhr zu verzichten, wenn es nicht unbedingt sein musste.
Nun gab es natürlich auch schön mit der Maschine geschrieben Verpflegungslisten, auf denen säuberlich und akkurat verzeichnet war, was jedem Mann in Gramm zustand an Fleisch und Brot bis zu Pfeffer und Salz, den Kaffee-Ersatz nicht zu vergessen. Da waren nun zwischen vielen anderen leiblichen Genüssen auch 50 Gramm Butter aufgeführt. Nun ja, Papier ist geduldig, meine ich, und wer einmal einen Verpflegungsempfang am Knüppeldamm zwischen Wolchow und Tigoda miterlebt hat, kann ein Lied davon singen. Ich will unseren Feldwebel Borsert nicht schlecht machen, aber es ging manchmal nicht anders, als dass nach dem Motto verfahren musste: „Augenmaß und Handgewicht verlassen den guten Einteiler nicht“. Als ich noch jung und unerfahren war, versuchte ich es mit einem schüchternen Protest, aber da kam ich schön an: „Was hat die Dreizehnte eigentlich wieder zu meckern? Wenn Ihr´s nicht haben wollt, dann nehme ich das Zeug wieder mit.“ Das war immerhin klar und einleuchtend. Unser damaliger Chef, Leutnant Kandel – wenn ich nicht irre, hatte natürlich auch eine der vielversprechenden Verpflegungslisten, verglich seinen Empfang damit und fand, dass seine Butterration keineswegs den papierenen Versprechungen entsprechen könne. Als das Verpflegungsfahrzeug von vorne zurückkam, meldete mir der Fahrer, dass ich am nächsten Tage mit nach vorne zum Chef kommen solle. Nun, so etwas hör man nicht gerne, aber damals galt noch „Befehl ist Befehl“.
Schlammperiode an Wolchow und Tigoda. (Bild 21 im Register)
Es war die schöne Zeit der Schneeschmelze, die aber hatte es am Wolchow in sich. Da war vorne die reine Seenlandschaft. Gummistiefel und Schlauchboote waren die einzigen Verkehrsmittel, auf die man sich verlassen konnte. Mir mache das ja nichts aus, denn ich war lange Zeit Melder bei der Kompanie gewesen, der Weg war also nichts Neues für mich. So meldete ich mich also am nächsten Tage beim Chef und bekam eine aufs Gramm genaue Waage präsentiert. Es war gewiss keine Standardwaage von Bizerba, wie man sie heute in jedem besseren Lebensmittelgeschäft findet, aber auch nicht so teuer. Sie sah folgendermaßen aus: Ein in der Mitte eingekerbter Holzstab, in der Einkerbung ein Stück Schnur zum Anfassen, an jedem Ende befand sich ein Faden, links hing ein Päckchen Tabak mit der Aufschrift „50 g“, rechts eine Portion Butter, laut Liste ebenfalls 50 Gramm.
Nach bekannten physikalischen Gesetzen, meinte der Chef, hätte nunmehr das Querholz eine Waagerechte bilden müssen. Theoretisch musste ich ihm Recht geben, aber irgendetwas war hier sichtlich aus dem Gleichgewicht gekommen. Das Päckchen Tabak zeigte eine starke Anziehungskraft zur Erde, während die Butter wie unsere heutigen Astronauten schwerelos im All hing. Ich muss dazu sagen, dass das eigentlich nicht ganz fair war, denn der Tabak hatte ja als INHALT 50 Gramm, wozu noch die Verpackung kam. Aber wenn man ehrlich sein wollte, machte das nun wirklich den Unterschied nicht aus. Nun, der Chef und ich „unterhielten“ uns über die ganze Angelegenheit und ich wies darauf hin, dass ja schließlich auch ein Teil der Butter zum Schmelzen für das Essen abgezweigt werden müsse, wenn aus dem Kochgeschirr einige „Augen“ herausleuchten sollten, oder was man sonst bei solchen Gelegenheiten noch als Ausreden hervorkramt. Aber so ganz einig wurden wir uns natürlich nicht. Durch das Ganze innerlich verärgert, hielt ich nun von meiner Seite auch nicht zurück und beschwerte mich über meine Arbeitsbelastung und die bedauerliche Härte meines augenblicklichen Daseins. Jedoch anstatt Tränen der Rührung über mein hartes Schicksal zu vergießen, lachte der Chef und meinte lakonisch: „Klaiber, mach dir nichts draus, der Tag hat 24 Stunden, wenn die nicht reichen, ist die Nacht ja auch noch da.“ Der hatte daheim sicher noch nichts von Gewerkschaften gehört! So zog ich denn wieder von dannen, meinem „gesicherten Arbeitsplatz“ zu. Wie man sieht, habe ich auch die viele Arbeit überlebt und brauchte noch nicht einmal die Nacht dazu zu nehmen.