Das war eine unheimliche Fahrt
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 12 - Dezember 1975)
Die Schrecknisse des Krieges wurden immer wieder auch durch groteske Ereignisse, die sich am Rande des großen Geschehens abspielten, etwa aufgehellt. Dann trat manchmal das Menschliche zutage und für kurze Zeit war der Krieg vergessen. – Als sich der Ring um Leningrad schloss und das III./284 an der Ishora eingesetzt wurde, hatte ich den Auftrag, ein Stahlgefechtsfahrzeug mit Munition, Verpflegung und Feldpost nach vorn zu bringen. Der Gefechtstross lag damals in dem typischen Kusselgelände westlich der Rollbahn bei Tossno. Die Septembertage 1941 waren bereits empfindlich kühl. Wir bauten unsere Zelte, suchten Reisig als Unterlage zusammen, stellten Posten aus und verkrochen uns bei beginnender Dunkelheit in unsere Wolldecken, das Gewehr griffbereit. Es war tagsüber ruhig gewesen bis auf Störaktionen vereinzelter tieffliegender „Ratas“. Wir schliefen den Schlaf des Gerechten. Gegen Morgengrauen wurden wir jedoch aufgeschreckt. Wir hörten fremde Laute und schon steckte ein Rotarmist seinen Kopf in unser Zelt, wehrte jedoch unseren Griff zum Gewehr mit freundlicher, aber auch verängstigter Meine ab: „Nix puch, puch, woina plenni!“, wobei er sich an die Brust schlug. Es handelte sich um versprengte oder desertierte Russen, die glücklich zu sein schienen, der Einschließung entgangen zu sein. Bald kamen immer mehr Iwans aus den Büschen und einigen von uns war nicht ganz wohl angesichts der „Übermacht“.
Unser oft polternder, aber herzensguter Kompaniekoch Hans Kassens handelte bereits nach der damals geltenden Devise: Niemand soll hungern oder frieren: Also schenkte er auch an die Russen einen wärmenden Trunk Kafee aus, was diese mit wiederholtem „spassibo“ oder „Germanski karacho“ quittierten. Schweißausbrüche erlebten nun dagegen der Obergefreite Müller und ich bei unserer endlos erscheinenden Fahrt nach vorn. Es ging auf einem schmalen Weg durch einen dichten und morastigen Wald, wobei wir oft in nicht weiter Entfernung Schüsse hörten, die nicht von der Front kamen und von denen wir nicht wussten, ob sie uns galten. Wir mussten jedenfalls durch. Oft blieben die Pferde stehen, wenn die gummibereiften Räder im Schlamm stecken blieben. Unser Fluchen über dies für Russland ungeeignete Fahrzeug nützte nichts, die Pferde mussten erneut angetrieben werden. Es war schon eine elende Schinderei. Der morastige Weg erschien uns immer schmaler und trostloser. Nach drei Stunden erreichten wir endlich das Bataillon, das auf einer Anhöhe in einem lichteren Kiefernwald in Stellung lag. Wir sprangen von Erdloch u Erdloch, wo uns die Feldpost besonders freudig von den Kameraden abgenommen wurde. Es war die Ruhe vor dem Sturm, denn das Mitte September 1941 von dem stolzen Bataillon, das vorübergehend kurz vor Beginn des Ostfeldzuges Wachbataillon beim OKH. gewesen war, in den folgenden Tagen übrigblieb, war erschütternd. Oberst Pohlman hat in unserer Divisionsgeschichte diesen Einsatz packend geschildert und die Kampfgruppen Hirthe und Arntzen werden auch in dem Buch von Carell „Unternehmen Barbarossa“ gebührend erwähnt.
Für die Rückfahrt war Eile geboten, denn vor Einbruch der Dunkelheit mussten wir unbedingt die Rollbahn erreichen. Wieder fielen nach etwa zwei Stunden Schüsse von versprengten Russen und immer wieder trieben wir die erschöpften Pferde an, die nun häufiger den Dienst versagten, wenn das Fahrzeug im Morast stecken blieb. Über uns wölbten sich die Zweige des niedrigen Waldes zu einem dichten Dach. Ich lag schussbereit auf der Plane des Fahrzeugs, während Müller sich mit den Pferden abplagte. Vielleicht war unsere Furcht unbegründet, obwohl die Schüsse uns ständig begleiteten und der düstere und morastige Wald immer wieder das Gefühl des Verlorenseins aufkommen ließ. Nach Stunden, die uns wie eine Ewigkeit vorkamen, erreichten wir schließlich erleichtert die Rollbahn. Inzwischen war es dunkel geworden, wir konnten uns aber auf den Orientierungssinn unserer Gäule verlassen, die jetzt der „Stalldrang“ in einen leichten Trapp versetzte. Aber ihr Stall war ja nur der Woilach. Doch die sorgfältige und fast liebevolle Versorgung durch die Pferdepfleger, fast ausnahmslos aus Schleswig-Holstein stammend, hat mich immer wieder beeindruckt. Was wurde dann dem Kamerad Pferd im Verlauf des Krieges noch alles abverlangt! Wir fanden bald den Gefechtstross des Bataillons wieder, wo wir uns erschöpft in ein Zelt verkrochen. Die vielen Gefangenen waren inzwischen nach Tossno weitergeleitet, aber die Wälder wimmelten noch von versprengten Russen. Am anderen Morgen fuhren wieder Fahrzeuge nach vorn.
Unsere Divisionsgeschichte berichtet über diese Zeit auf den Seiten 68 bis 79 und bringt auch zwei Skizzen.
Kampfraum Lissino-Tosno-Kolpino
Übergang über die Ishora