Das Vorbild eines echten deutschen Offiziers
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 7 - Juli 1975)
Von Mai bis November 1942 lag die 96.Inf.Div. in Stellungskämpfen am Einbruch bei Pogostje. Seit 10.April führte sie der bald darauf zum Generalmajor beförderte 50jährige Joachim Freiherr von Schleinitz. Am 25.November 1911 war er als Fahnenjunker in das 2.Garderegiment zu Fuß eingetreten, mit dem er als Leutnant im 1. Weltkrieg bis zu seiner Verwundung kämpfte; er trat ins Reichsheer über und bekleidete im Frieden hohe Stellungen, seit 1.6.1938 als Oberst. Bei Beginn des 2. Weltkrieges wurde er Kommandeur des I.R. 270 der Berlin-brandenburgischen 93.Inf.Div. und wurde am 2.1.1942 mit dem Deutschen Kreuz in Gold ausgezeichnet. Von GenLt Schede übernahm er das Kommando der 96.Inf.Div. die zu dem Zeitpunkt dem XXVIII. AK angehörte. Anfang Oktober kam der Vorbefehl für die Ablösung der Division zu anderer Verwendung. Mit seinem Begleitoffizier Oberleutnant Koch (A.R.196) fuhr der Kommandeur zur Besprechung ins Hauptquartier des Korps nach Tosno. Bei der Rückfahrt in der Nacht verunglückte er tödlich. Darüber fanden wir einen Bericht, in dem es – gekürzt – heißt:
„Es ist an einem trüben Oktobertag, 6.10.1942. Trübe wie der von niedrigen Wolken verhangene Himmel ist auch der Anlass, aus dem sich hier die Trauerparade auf dem Ehrenfriedhof des G.R.287 im Moorgelände zwischen Winjagolowo und Neu-Maluksa versammelt. Es gilt, dem ersten Soldaten unserer Division, unserem Kommandeur Generalmajor Frhr. v. Schleinitz das letzte Geleit zu geben. So kurz auch die Zeit war, in der er die Division führte, so sehr haben ihn Offiziere und Mannschaften schätzen gelernt, war es doch der einfache Soldat an der Front, der sich gerade von ihm in besonderer Weise verstanden und wie von einem Vater betreut wusste. Stille liegt über der Trauerparade, bis für die Ehrenkompanie das Kommando „Stillgestanden!“ gegeben wird. Es kündet das Eintreffen des Oberbefehlshabers der 18.Armee und des Kommandierenden Generals des XXVIII. Armeekorps an. Major Rose meldet dem Oberbefehlshaber, der die Front der Ehrenkompanie abschreitet. Leiser Trommelwirbel erklingt. Das Trauerkommando hebt den Sarg von der Lafette und trägt ihn, geleitet von der Ehrenwache, auf dem Hauptweg des Friedhofs zur offenen Gruft. Hinter dem Sarg schreiten der Oberbefehlshaber und der Kommandierende General mit ihren nächsten Offizieren und Kommandeuren benachbarter Divisionen, der Regimenter, Bataillone und Abteilungen der 96.Inf.Div. Nachdem der Sarg in die Gruft herabgelassen ist, nehmen sie Aufstellung zu beiden Seiten des Grabes. Das Musikkorps spielt zwei Strophen von Theodor Körners Choral „Vater ich rufe Dich!“, sie leiten über zur Predigt des Divisionspfarrers … Der Geistliche würdigte die Persönlichkeit des Generals als Mensch und schloss mit dem Gebet, das von der Trauerparade entblößten Hauptes mitgesprochen wurde. Nach dem Segen spielte das Musikkorps den Choral „Ein` feste Burg ist unser Gott“, den der Verstorbene sehr geliebt hat.
Fast täglich besuchte General v. Schleinitz seine Männer in ihren Stellungen bis zu den Horchposten. Pogostje 1942 (Bild 7 im Register)
Als Dienstältester Regimentskommandeur trat Oberst Noak (A.R.196) an das Grab und sprach als Vertreter der Division: „Kameraden! Es gilt nun Abschied zu nehmen von unserem Divisionskommandeur. Der Krieg hat uns hart gemacht, und trotzdem hat uns die Nachricht von seinem tragischen Tode so tief erschüttert und getroffen. Seit nunmehr 6 Monaten stand der Generalmajor Freiherr von Schleinitz an der Spitze unserer Division. Als er im April dieses Jahres zu uns kam, da begann für ihn eine Zeit der Arbeit für seine Division, für uns, für jeden einzelnen Soldaten. Wir sehen unseren Divisionskommandeur, wie er täglich hinausfährt zu seinen Soldaten. Hier war sein Tätigkeitsfeld, bei seinen Soldaten vorne in den Stellungen. Dort, wo die Stellungen am schwierigsten waren, dort sahen wir unseren General am meisten, bei Wind und Wetter, bei Schlamm und Hitze. So sehen wir ihn von Postenstand zu Postenstand gehen, wie er für jeden Soldaten ein freundliches, aufmunterndes Wort findet, wie er sein großes militärisches Wissen, seine große Kriegserfahrung für die Kampfführung verwendet. Wir sehen ihn unermüdlich Tag für Tag in den Stellungen. Das ist das Bild unseres Generals. So wird ihn jeder Offizier und jeder Mann in Erinnerung behalten. So steht das Bild unseres Generalmajors Freiherr von Schleinitz vor uns, einfach, schlicht, hart gegen sich selbst, aus altem deutschen Soldatengeschlecht stammend. Er war uns Vorbild jederzeit, das Vorbild eines echten deutschen Offiziers.“
Dann legte der Oberbefehlshaber der Armee, Generaloberst Lindemann, namens des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe Nord, Generalfeldmarschall von Küchler, einen Kranz am Sarge des Kommandeurs der 96.Division nieder. In schwerster Stunde an die Spitze der Division gerufen, habe er den drohenden Durchbruch bei Winjagolowo verhindert und die durchgebrochenen Russen vernichtet. In dem Augenblick, wo die Division zu neuen Aufgaben, zu neuen Tagen, zu Sieg und Ruhm gerufen werden sollte, hat ein tragisches Geschick diesen bewährten Divisionskommandeur aus Ihrer Mitte gerissen.
Es folge eine Rede des Kommandierenden des XXVIII. Armeekorps, General d.Art. Loch: „Als Dein Kommandierender General stehe ich an Deinem Grabe, um Dir meinen Dank zu sagen. Du bist der Typ des vornehmen Offiziers gewesen, der Einsatzbereitschaft mit Verantwortungsfreudigkeit und Unternehmungsfreude teilte. Wir werden Dich alle in diesem Sinne im Gedächtnis behalten.“
Zuletzt sprach der Kommandeur der 93.Inf.Div. Generalleutnant Thiemann: „Generalmajor Freiherr von Schleinitz war einer der Besten, uneigennützig, treu und tapfer. Er war mein bester Regimentskommandeur.“
Die Ehrenwache erwies dem Toten den letzten Gruß. Joachim Frh. v. Schleinitz wurde posthum zum Generalleutnant befördert.
Das Grab von Generalmajor Freiherr von Schleinitz auf dem Friedhof des I.R.287 bei Maluksa. Herbst 1942 (Bild 12 im Register)