Das Abkommen

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 6 - Juni 1971)


Dass es beim Barras – selbst in Kriegszeiten – nicht immer hundertprozentig kommissig zuging, mag die folgende Geschichte beweisen; sie zeigt auch, dass der Spieß, die Mutter der Kompanie, mitunter sehr viel Spaß vertragen konnte und wollte.

Am 2. Januar 1940 meldete sich auf der Schreibstube der 1./NA. 196 in Gaggenau ein Neuer. Er kam von der Infanterie zur Nachrichten-Abteilung. Dass die Nachrichter – von der Division an aufwärts! – sich für die intelligentesten Soldaten der Armee hielten, wird ihnen immer wieder nachgesagt. Der Neue betrat also die Schreibstube mit der Meldung: „Gefreiter NN mit Wirkung vom 1. Januar 1940 zur 1./NA.196 versetzt.“ „Woher kommen Sie?“ fragte der Spieß. „Von der 12./283, Herr Hauptfeldwebel.“ „Das heißt bei uns Hauptwachtmeister“, belehrte ihn der Spieß. „Jawohl, Herr Hauptwachtmeister, es heißt Hauptwachtmeister“, klingt es sofort zurück. Der Spieß schmunzelt. Scheint gar nicht so dumm zu sein, der Neue, denkt er bei sich. Laut aber sagt er: „Ich weiß gar nicht, wo ich Sie unterbringen soll; wir sind ja vollbesetzt. Na, ich werde mir schon etwas einfallen lassen. Zunächst gehen Sie mal in ihr Quartier zu Josef Degler in der Deglerstraße 15. Abtreten!“ Der Neue hebt die Hand an die Feldmütze, macht eine schneidige Kehrtwende und geht zur Türe. Wie er gerade die Klinke in die Hand nehmen will, tönt es hinter ihm: „Moment mal. Kommen Sie doch noch mal her. Haben Sie einen Führerschein?“ fragt der Spieß. „Jawoll, Herr Hauptwachtmeister, Klasse Eins für Motorräder“ kommt die Antwort „Wunderbar“ sagt der Spieß, „dann übernehmen Sie auf der Schirrmeisterei ein Krad und werden Kradmelder; den brauchen wir noch.“

Zum Entsetzten der anderen Anwesenden in der Schreibstube tönt es zurück „Nein, Herr Hauptwachtmeister!“ Also, da legst di´ nieder! Das hat es ja doch wohl noch nie gegeben, dass so ein Neuer so mir nichts dir nichts dem Spieß ins Auge „Nein“ sagt. – Sicher hat der „Herr Hauptwachtmeister“ im ersten Augenblick auch an ein heiliges Donnerwetter gedacht. Er lässt ein solches aber nicht los, sondern fragt den Neuen ganz höflich: „Aber Sie fahren doch sicherlich im Zivilleben auch Motorrad, nicht wahr?“ „Jawoll, Herr Hauptwachtmeister! Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich dort fahre, wenn ich will, und nicht, wenn ich (ohne Rücksicht auf Verluste quasi) fahren muss.“

Während er dies sagt, reicht der Neue sein Brillengestell über den Schreibtisch zur Ansicht. Der Spieß sieht sich die Gläser, die es enthält, an und sagt: „Gut. Sie nehmen die Maschine, wie ich sagte, behalten sie, bis wir in Bruchsal sind, nämlich acht Tage, und dann können Sie sie wieder abgeben.“
Ein Gentleman-Abkommen war geschlossen zwischen der Mutter der Kompanie und dem Neuen und das wurde auch gehalten. Nach vierzehn Tagen wurde der Neue einem Bautrupp zugeteilt, bei dem er zeigen durfte, ob er auch ein ordentlicher Nachrichten-Soldat werden konnte.