Da blitzte es plötzlich am Waldrand

Veteranen der 96. Infanterie Division berichten

(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 7 - Juli 1979)


Ende Juni 1941 waren wir von Frankreich nach Suwalki gekommen und erlebten die ersten Wochen des Vormarsches. Wir dachten schon, dieser werde kein Ende nehmen. Doch bald wurden wir eines besseren belehrt. Die Kompanien lagerten in einem lichten Wald, vor uns hörten wir erstmals Gefechtslärm. Es herrschte geschäftiges Treiben, Melder holten die Chefs zum Kommandeur. Dann kam Oberstleutnant Meier zurück: „Sofort fertig machen!“ Unsere Vorausabteilung war an einer Stelle am Russen vorbeigezogen und nun beschoss dieser die nachfolgenden Verbände. Wir sollten den Gegner vernichten. Aus dem Wald heraus erreichten wir eine riesige Lichtung. In Schützenreihe gingen wir vor. Wir waren noch nicht weit gekommen, als es heranrauschte. Die Einschläge lagen kurz vor uns, die Splitter zischten über uns hinweg. Unteroffizier Klein schrie „eingraben“! Wir buddelten wie noch nie, der Boden war weich und bald hatte jeder ein flaches Schützenloch ausgehoben. Wieder orgelte es heran, unsere Herzen schlugen gegen die Rippen: So sah also der Krieg in Wirklichkeit aus, Material gegen Mensch! Es gab Verluste, wir hörten Kameraden nach dem Sanitäter rufen. Dann kam der Befehl zum weiteren Vorgehen. Wir hechteten hoch und mitten im Sprung erwischte es meinen Freund Hubert Obermeier. Wir waren seit der Rekrutenzeit zusammen und ich konnte es kaum fassen, dass es ihn nun nicht mehr gab. Wir hetzten weiter: Hinlegen, schießen, Sprung auf, hinlegen, schießen, wie wir es gelernt hatten. Das Artilleriefeuer hörte dann schlagartig auf. Den Grund sahen wir bald: Ein russischer Beobachter war aus dem Baum geschossen worden, seinen hölzernen Telefonkasten hatte er noch um den Hals hängen.

Im Beisein unseres Generals wurden die ersten Toten der Division bestattet. Dann ging es weiter durch die seenreiche Landschaft. Am 10. Juli erreichten wir Wilna, die litauische Hauptstadt mit den vielen Kirchen. Am Stadtrand erwartete uns das Trompeterkorps des AR.196, unter schmetternden Klängen zogen wir in die Stadt ein. Die Bevölkerung kam uns freundlich entgegen. Unsere Kompanie lag in einer Kaserne der „Selbstschutzverbände“ (entstanden aus zwangsweise in die Rote Armee einbezogenen litauischen Truppenteilen) und hatte sich mit deren Mannschafft ganz gut angefreundet. Wir führen mit ihnen auf den See hinaus zum Fischen und hatten auch sonst manchen Spaß zusammen. Weiter zogen wir dann auf der staubigen Straße, flussaufwärts der Wilija entlang, einem Nebenfluss des Njemen. Am 14. Juli überschritten wir die litauisch-weißrussische Grenze bei Lyntupy. Die Straßen wurden immer schlechter, viele Fahrzeuge blieben strecken, Pferde fielen vor Erschöpfung aus. Als es dann auch noch zu regnen begann, hatte es sich in kurzer Zeit der Staub zu Schlamm verwandelt, der den Fahrzeugen bis an die Achsen ging. Nur langsam und mit viel Geschrei kamen wir voran. Als wir unser Tagesziel, eine alte Scheune, erreichten, hatte niemand mehr einen trockenen Faden am Leib. Alle waren daher froh, dass es nach der Verpflegungsausgabe sofort wieder weiter ging, denn in dem nassen Zeug konnte man doch nicht schlafen. Den Rest der Nacht marschierten wir also. Erst am Morgen, als die Sonne wieder schien, wurden wir langsam trocken: Ein feuchter Dunstschleier lag während des Marsches über uns. Die Dzisna ging es Biwak, wir waren fix und fertig. WO wir standen, hauten wir uns hin, um zu schlafen. In aller Frühe, es war noch stockdunkel, wurden wir geweckt. Kurz darauf kam schon Feldwebel Hakuba in voller Kriegsbemalung: „Auf, ihr müden Krieger, nicht so lahm!“ Im nahen Wald waren Teile der Stabskompanie auf Feind gestoßen und hatten erhebliche Verluste erlitten. Wir wurden nun mit zur Säuberung eingesetzt. Im Wald, der stellenweise auch noch sumpfig war, herrschte unheimliche Ruhe, von Russen keine Spur. In Schützenreihe ging es vor, jeder hatte seinen Auftrag: Der erste nach vorn beobachten, die nächsten nach rechts und links, zwei mussten die Baumkronen im Auge halten und der letzte nach hinten sichern, immer in Rufweite der anderen Gruppen. Wir näherten uns einer kleinen Lichtung, in deren Mitte ein Kleereuter stand. Wir beobachteten den Waldrand, konnten aber nichts Verdächtiges feststellen. Dennoch wären wir beinahe in eine Falle getappt, wenn nicht zufällig der Gefreite Weiß, der am Kleereuter zurückgeblieben war, rechts vor sich etwas aufblitzen gesehen hätte. Sofort schrie er seine Warnung hinter uns her. Kaum lagen wir flach, knallte es schon. Unser feuerbereites MG antwortete sofort, mit allen Feuerwaffen und Handgranaten wurde der Waldrand eingedeckt, von den Seiten kamen unsere Nachbargruppen heran.

So dauerte es nicht lange, bis der ganze Spuk wieder vorbei war. In Schützenlöchern fanden wir fünf tote Russen. Diese Löcher waren ein Meisterwerkt der Tarnkunst: Von oben waren sie nicht zu sehen und besaßen nur einen kleinen Schlitz zum Schießen. Nur dem Umstand, das Weiß sich gebückt hat und ein Zielfernrohr blinkte, war es zu danken, dass wir nicht in das Feuer gelaufen waren.

Fünf Tage dauerte das Unternehmen dann, noch fünfzehn Sowjets wurden gefangen genommen. Am 6. August wurden wir dann an die Mschaga befohlen. Nach einem Gewaltmarsch von nahezu hundertzwanzig Kilometern trafen wir am 7. August ermattet dort ein. Zur Ruhe kamen wir aber nicht, denn der Russe überschüttete uns immer wieder mit Feuerüberfällen. Endlich war unsere Abteilung heran und konnte Feuer erwidern. Am 10. August in aller Frühe gab es einen Feuerschlag der Artillerie unseres Korps und der Heeresartillerie. Dann kamen die Stukas, Welle auf Welle flog über uns auf die russischen Stellungen und luden ihre Bomben ab. Es war schaurig, wenn die Maschinen mit Sirenengeheul abkippten. Eine Wand aus Feuer und Rauch tat sich am andern Ufer vor uns auf. Die ersten Infanteristen setzten unter der Feuerglocke in Sturmbooten und Schlauchbooten über. Nach einer dreiviertel Stunde war der Übergang erzwungen. – Doch in Mschaga und Iwanowskaja leistete der Russe weiter heftigen Widerstand.