Beinahe verbrennt der Kommandeur
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 8/9 - August/September 1974)
Die Stadt Nowgorod war Mitte August 1941 genommen worden. Aber der Kampf ging weiter. Immer wieder setzte sich der Feind fest und hielt zäh unseren Vormarsch auf. Seine Hoffnung waren die großen Sumpfgebiete und vor allem der Wolchow. Unser Regiment hatte den Auftrag, das jenseits des Flusses gelegene Kloster Chutiny zu nehmen. Wir gingen südostwärts der Stadt über die von den Pionieren geschlagene Befehlsbrücke und kamen zügig an das Kloster heran. Hier verstärkte sich der Widerstand des Gegners und der Kampf wurde hart, teils Mann gegen Mann. Am Abend aber war das Kloster fest in unserer Hand. In aller Eile wurden Deckungslöcher ausgehoben. Am anderen Tag wurde der Radfahrzug in der Stellung durch unsere Infanterie abgelöst und wir bezogen, unmittelbar am Kloster in dem mehrere Häuser zählenden Ort Schutyni, nordwestlich gegenüber dem Wolchow Stellung. Hier in unmittelbarer Nähe der HKL. hatte unser Kommandeur, Oberst Köchling, seinen Gefechtsstand eingerichtet. Da Kloster und Stellungen unter ständigem Beschuss der feindlichen Artillerie lagen, hatte unser Zug den Befehl erhalten, die in dem Kloster untergebrachte Irrenanstalt zu räumen. Der Abtransport der gehfähigen Kranken ging reibungslos vor sich, wenn auch der Übergang über die Wolchowfähre etwas Mühe und Zeit kostete. Am Abend konnten wir einige hundert Kranke in der großen Anstalt in Nowgorod wohlbehalten abliefern.
Als wir wieder zurück sind, geht der erste Feuerüberfall auf uns nieder und wir denken zurück an den eben ausgeführten Auftrag, der ungefährlich war und manchmal auch etwas zum Lachen bot. Aber dann lenkt ein neuer Feuerüberfall unsere Gedanken auf den Gegner. Noch mehrmals werden wir so in dieser Nacht aus dem Schlaf gerissen. In Gedanken malen wir uns schon einen neuen Angriff des Gegners aus. So soll es dann auch kommen. Gegen Morgen schreckt uns das plötzliche Feuer unserer schweren Infanteriegeschütze der Dreizehnten auf, die gleich neben uns steht. Als wir aus den Bunkern kommen, verwehrt Nebel unsere Sicht, aber das „Urräh“ der Russen dringt deutlich an unser Ohr. Sie sind im Schutz dieses Nebels in die Stellung eingedrungen und wir können sie bereits schemenhaft erkennen. Im direkten Beschuss verlässt eine „Fünfzehner“ nach der andern die Rohre und bringt Tod und Verderben in die Reihend des Feindes. Jetzt wird aber für uns selbst der Beschuss gefährlich und das Feuer muss eingestellt werden. Nun ist unsere Zeit gekommen: Vereint mit den Geschützbedienungen geht der Radfahrzug mit „Hurra“ in einen Kampf, der bis zum bitteren Ende Mann gegen Mann ausgefochten werden muss. Schließlich sind die letzten Reste des eingedrungenen Gegners vernichtet. Die Stellung bleibt in unserer Hand. Nachdem so die ersten Tage voll Angriff, Gegenangriff und Verteidigung vorüber waren, ließ der Durch des Feindes zur Zurückgewinnung des Klosters nach und nur unregelmäßiges Störungsfeuer seiner Artillerie lag bald auf unserer Stellung, bald auf der Fähre. Da die Nächte jetzt schon merklich kühler wurden begannen wir mit dem „großen Reinemachen“ der übrig gebliebenen Häuser und schlagen dann dort unser Quartier auf. Wir hatten uns häuslich eingerichtet und schliefen bereits fest, als eine „Ratsch-Bumm“ sich verirrte, genau oben auf dem Fensterrahmen unserer Unterkunft einschlug und detonierte. Wir lagen wohl fast mit dem ganzen Zug in diesem Haus. Dennoch wurde nicht ein Wort gesprochen, jeder nahm, so schnell er konnte, seine sieben Sachen und verschwand im kühlen Bunker. Erst später kamen wir zur Besinnung und erkundigten uns gegenseitig nach Verwundungen, Glücklicherweise war alles gut gegangen, wir waren unversehrt mit dem Schrecken davon gekommen. Als wir uns am anderen Tag den Einschuss nochmal genauer betrachteten und mehrere große Eisensplitter und eine ganze Handvoll kleinerer eingesammelt hatten, konnten wir nur kopfschüttelnd feststellen: „Da haben wir ja wieder Schwein gehabt!“ Wie gesagt, es wurde nachts schon sehr kühl. Auch ein bespannter Sanka mit dem nötigen Sanitätspersonal hatte in einem der Häuser den Verbandplatz eingerichtete. Es war wohl zwischen 4 und 5 Uhr morgens. Auf Posten standen der Gefreite Skrebin und ich, wir hatten schon mehrere Male unseren Gang, er in Richtung Kloster und ich in Richtung Fähre, hinter uns. Als wir wieder zusammentrafen, meinten wir noch scherzhaft: „Die kriegen wohl einen kalten Hintern.“ Wir hatten beobachtet, dass zwei Sanitäter mehrere Arme voll Holz in das Haus schleppten. Da sonst nichts Neues vorlag, trennten wir uns wieder zu unserer gewohnten Runde.
Plötzlich eine Stichflamme!
Als ich vom Wolchow in Richtung Kloster gehe, sehe ich die beiden Sanis unruhig um das Haus laufen und auf den Schornstein sehen. Dann sind sie wieder verschwunden. Ich treffe mich wieder mi meinem Kameraden und frage, ob er nichts Verdächtiges im Sanitätsquartier festgestellt habe, was er verneint. Wir bleiben noch einen Augenblick stehen und sehen zu dem Haus hinüber. Plötzlich schießt eine Stichflamme aus dem Dach und alles steht in hellen Flammen. Die Sanitäter werden wieder sichtbar und versuchen, den Brand einzudämmen. Wir helfen ihnen. Aber die Flammen fressen wütend um sich. Im Eifer vergessen wir, die Gruppe von Unteroffizier Lindemann zu wecken, die im gleichen Haus liegt. Wir dringen ein mit dem Ruf: „Es brennt!“ Im Halbschlaf packt jeder seine Sachen, da es schon merklich heiß wird. Erst später stellen einige fest, dass ein Strumpf, ein Krätzchen, ein Kochgeschirr und andere Kleinigkeiten ein Opfer der Flammen geworden sind. Das Haus aber ist nicht zu retten, nur ein Häufchen Asche bleibt zurück. Durch die starke Hitze brennt auch das Nachbarhaus schon. Mir schießt es durch den Kopf, wenn nur der Oberst nichts merkt oder gar in Gefahr kommt, denn der Gefechtsstand ist im nächsten Haus. Oberst Köchling ist das Vorbild eines echten preußisch-deutschen Offiziers, streng aber gerecht, einsatzbereit und selbstlos, von Offizier und Mann das Letzte verlangend, was er auch selber von sich fordert, wenn er mit dem Karabiner in vorderster Linie steht. Wenn nur der Brand vor seinem Hause halt machen würde, nachher kann er es sehen, vielleicht findet sich für die Ursache eine Ausrede. Alles ist nun mit Löschen beschäftigt. Ich laufe zum Wachhabenden, Unteroffizier Vulsiek, und melde den Brand. Der ist noch im Halbschlaf: „Es brennt? Wo, was geht das mich an?“ Ich bin wieder draußen, das Haus ist inzwischen halb herunter, auf der anderen Straßenseite brennt durch die starke Hitzeentwicklung ein drittes Haus. Dieses ist aber nicht belegt und schon teilweise durch die Kampfhandlungen stark beschädigt. Jetzt ist auch Vulsiek da. Wir müssen das Haus des Kommandeurs abschirmen, sonst machen die Flammen auch hier nicht Halt. Eine Leiter fällt uns in die Hände, Wasser wird nach oben gebracht, aber die Schindeln sind so heiß, dass wir jeden Augenblick damit rechnen, dass der Brand übergreift. So kommt es dann auch, schon nach kurzer Zeit schlagen auch hier die Flammen aus dem Dach. Was wir mit dem Kommandeur? Keiner denkt zu Ende, jeder versucht, erst einmal den Brand einzudämmen.
„Herr Oberst – das Haus brennt!“
Der Oberst schläft noch, der Brand ist ihm noch nicht gemeldet. Das halbe Huas ist jetzt fast herunter. Ich überlege, wie und wann ich ihn wecke. Wie ein Brummkreisel geht es in meinem Kopf herum. In der nächsten Sekunde stehe ich unten im Keller und klopfe an die Tür des Kommandeurs. Als das „Ja“ ertönt, stehe ich ungewollt stramm und gebe meine Meldung ab: „Posten Gefreiter Schmidt bittet Herrn Oberst melden zu dürfen, dass Herr Oberst in Gefahr ist, das Haus brennt!“ Schon bin ich wieder draußen, ohne die Antwort zu verstehen. – Man erzählt sich, dass der Oberst nur im Hemd herausgekommen sei. Ich selbst habe es nicht gesehen. Mir ging nur durch den Kopf: „Welche Strafe erwartet dich? Strafversetzung oder Extrawachen?“ Später werde ich zum Kommandeur gerufen und muss den Hergang des Brandes schildern. Seine Augen glänzen wie immer, er nimmt alles in sich auf. Mit kurzen Worten werde ich entlassen. Ich lasse an meinem geistigen Auge noch einmal alles vorbei gleiten, ein Gefecht kann manchmal auch nicht schwerer sein. Dann teilt mir unser Zugführer, Leutnant Menneng, mit, dass ich mit einem „blauen Auge“ davon komme. Er gibt mir einen Verweis. Ich bin jetzt beruhigt, denn schließlich war der Brand ja durch den beschädigten Schornstein entstanden und hatte in dem trockenen Holz reichliche Nahrung gefunden.
Die ersten Gerüche von der Ablösung des Regiments aus diesem Abschnitt machen die Runde und überschatten das eben Erlebte. Auch die feindliche Artillerie, die während des Feuers geschwiegen hat, lässt wieder von sich hören und versetzt uns in die härtere Wirklichkeit. Es dauert auch nicht lange und wir werden herausgezogen in Richtung Osten. Neue Aufgaben stehen uns bevor, das Kloster Chutiny ist nur ein Meilenstein von vielen gewesen.