Auf den ersten Spuren des Krieges
Veteranen der 96. Infanterie Division berichten
(Quelle: Archiv der 96.ID. - Veröffentlicht in der Zeitschrift: Alte Kameraden - Heft 07/08 - Juli/August 1970)
Am 14. Mai 1940 ergeht um 3 Uhr fernmündlich der Vorbefehl für den Abmarsch der Division aus dem Raum Karlsruhe. Nach dem Beginn des Westfeldzugs war zunächst Urlaubssperre und Bereithalten zum Abmarsch befohlen worden. Die Division gliedert sich für den Vormarsch in drei Marschgruppen entsprechend den Infanterie-Regimentern. Vom AR.196 werden zugeteilt:
Die III. Abteilung dem IR.283 – die I. und IV. dem IR.287 und die II. und der Regiments-Stab mit Nachrichten-Zug dem IR.284.
Die mot. Staffel des Stabes marschiert gesondert und trifft sich in den Unterkünften mit der pferdebespannten Staffel, die der II. Abteilung unterstellt wird. Gegen 20 Uhr erfolgt der Abmarsch. Die Marschgruppe IR.284 mit II. Abteilung und Regiments-Stab überschreitet den Rhein bei Maxau, die anderen beiden Marschgruppen bei Speyer. Erstes Ziel ist Germersheim, von wo aus die Unterkunftsräume an die Einheiten verteilt werden. Der Artillerie werden die Orte Westheim und Ober- und Niederlustadt zugewiesen. Die mot. Staffel des Stabes trifft gegen 1 Uhr in der Unterkunft ein und bereitet Quartiere für die Pferdestaffel vor, die gegen 7.30 Uhr eintrifft. Die Länge des Marschweges betrug etwa 40 Kilometer. Die Unterbringung in Privatquartieren stößt auf keine Schwierigkeiten, da der Stab die einzige Truppe in dem Ort ist. Die Aufnahme durch die Bevölkerung ist sehr freundlich, trotzdem die Mannschaften in der Nacht in die Quartiere kommen. Um 20 Uhr wird der Vormarsch fortgesetzt nach Mußbach a. d. Weinstraße. Die mot. Staffel bleibt für die Nacht in Westheim und folgt am anderen Morgen, da der Marschweg nur 20 Kilometer beträgt. Gegen 2 Uhr trifft am 16. Mai die Pferdestaffel in Mußbach ein und bezieht Ortsunterkunft. Die mot. Staffel folgt um 8.30 Uhr. Da in den beiden Tagen des Marsches sich gezeigt hat, dass ein Teil der Fahrzeuge zu schwer ist, werden nicht unbedingt notwendige Teile der Ladung, vor allem Stroh, zurückgelassen. Um 17.30 Uhr wird der Weitermarsch angetreten. Als Unterkunft war Otterberg zugewiesen, das bedeutete einen Marsch von 50 Kilometern. Da die Pferde der II. Abteilung noch schwer unter den Nachwirkungen der Rotlaufseuche leiden, soll sie in Kaiserslautern in einer Kaserne Quartier beziehen. Der Regiments-Stab, der in der Kaserne nicht mehr unterkommen kann, marschiert allein weiter bis Otterberg. Ankunft der mot. Staffel gegen 22 Uhr, der Pferdestaffel 7 Uhr. Der Ort ist schon von anderen Truppen belegt, doch kommt der Stab allein gut unter, die Pferde noch sämtlich in Ställen. Der Pferdeausfall ist infolge der ungewohnten Anstrengungen recht hoch, besonders in der II., wo die Folgen der Seuche fühlbar werden. Trotzdem bleibt die Abteilung noch marschbereit. Der Übergang über die Hardt war durch das Neustädter Tal verhältnismäßig leicht. Am 17. Mai marschiert die mot. Staffel um 20 Uhr, um vor die Marschkolonnen der Division zu kommen bzw. sich zwischen die Kolonnen der 161.ID, die vor uns marschiert, und die der 96.ID. einzuschieben. Der Marsch führt durch ein sehr hügeliges Gelände mit mehreren größeren Steigungen, die große Anforderungen an die Pferde stellen. Am 17. Mai trifft die mod. Staffel um 23 Uhr in Lauterecken ein, die Pferdestaffel erst am 18. Mai um 6.30 Uhr. Die Abteilung, die infolge der Anstrengungen und durch die Seuche 35 Pferde verloren hat, bekommt 15 Pferde Ersatz, um sich marschfähig zu halten. Um 20.30 Uhr wird der Vormarsch fortgesetzt mit Tagesziel Niederbrombach. Der Weg führt durch das schwierige Gelände des Übungsplatzes Baumholder. Für die mot. Staffel ergibt sich ein längerer Aufenthalt dadurch, dass sie in die Marschkolonnen der vorausmarschierenden 161.ID. hineingerät. Derartige Aufenthalte und unvermeidliche Schwierigkeiten ergeben sich häufiger, da die mot. Staffel doch immer in der Nähe der Pferdestaffel bleiben muss, trotz der größeren Marschgeschwindigkeit. Schwierigkeiten ergeben sich dabei vor allem in der Versorgung der Mannschaften der mot. Staffel mit warmer Kost aus der Feldküche, die bei der Pferdestaffel marschiert. Die Lkw des Regiments-Stabs sind zumeist Wagen mit besonderem Einbau oder mit so schwerer Beladung, dass ein häufiges Auf- und Abladen nicht möglich ist. Die Verpflegung, die in oft von der Marschstraße und Unterkünften entfernten Orten beim Armee-Verpflegungslager empfangen werden muss, kann nicht durch die bespannten Trosse herbeigeschafft werden. Einige Male war zum Verpflegungsempfang ein Lkw entladen worden. Das ist auf die Dauer nicht möglich. Es wird daher befohlen, dass die II. Abteilung mit ihrem dafür bestimmten Lkw die Verpflegung für den Regiments-Stab mitempfängt. Die mot. Staffel trifft am 19. Mai um 0.30 Uhr, die Pferdestaffel um 08.30 Uhr in Niederbrombach ein. Der Weitermarsch wird erst für den 21. 5. früh festgesetzt. Diese Ruhe war für die Pferde nach den ersten Tagen des Vormarsches dringend notwendig. Sie erholten sich jedoch zumeist sehr gut. Außerdem bot sich Zeit, den Beschlag der Pferde zu erneuern und Ausrüstung und Gerät durchzusehen.
Anstrengungen für die Pferde
Am 21. Mai um 4.30 Uhr marschiert die Pferdestaffel weiter. Die mot. Staffel folgt erst am Nachmittag nach Osburg im Hunsrück. Das bedeutet für die Pferde wieder erhebliche Anstrengungen infolge mehrerer größerer Steigungen. Ankunft in Osburg: mot. Staffel 18 Uhr, Pferdestaffel 20 Uhr. Da Teile der Infanterie ebenfalls in dem Ort Unterkunft beziehen, wird die Belegung sehr eng. Um 2.30 Uhr wird am 22. Mai der Vormarsch fortgesetzt nach Rosport, schon in Luxemburg. Da dabei das Moseltal zu überqueren ist, sind wieder erhebliche Steigungen zu überwinden. Um 4.15 Uhr überfährt die mot. Staffel die luxemburgische Grenze auf der Sauerbrücke, 15.30 Uhr folgt die Pferdestaffel.
Von Kämpfen war bis auf die Sprengung einer Straßensperre nichts zu sehen. Die Bewohner sprechen noch gut Deutsch und sind durchaus freundlich und zuvorkommend, als Quartiere für die II. und Regiments-Stab in dem Ort gemacht werden müssen. Für 5 Uhr wird der Weitermarsch nach Reckingen befohlen. Die Division marschiert jetzt auf einer Vormarschstraße. Um 9 Uhr am 23. Mai kommt die mot. Staffel in Reckingen an. Wegen des Regens müssen die II. und der Stab möglichst mit allen Pferden in dem Dorf in Ställen oder Scheunen untergebracht werden. Reckingen ist ein großes Bauerndorf, so dass sich bis auf eine Batterie für sämtliche Pferde Ställe finden. Die Bevölkerung ist sehr zurückhaltend, im Allgemeinen aber willig. Um 5 Uhr wird am 24. Mai der Weitermarsch angetreten. Als Marschziel wird Thibesart befohlen. Dabei müssen die belgische Grenze und die belgische Befestigungslinie nordwärts Arlon durchschritten werden. Hier zeigen sich stärkere Spuren von Kämpfen. Häufig sind Brücken und Straßen gesprengt oder zerschossen. Es werden dadurch weite Umwege nötig. So wird deshalb ein neuer Unterkunftsraum in Martelingen an der belgisch-luxemburgischen Grenze befohlen. Der Stab bezieht hier zum ersten Mal Biwak. Die Belgier haben die Grenzbrücke über die Sauer gesprengt und dabei in dem Ort große Verwüstungen angerichtet. Um 5 Uhr wird am 25. Mai die belgische Grenze endgültig überschritten. Der Marsch für durch die Zone der ersten Grenzkämpfe. Marschziel ist Orgeo, das erste fast völlig geräumte Dorf, in dem Unterkunft bezogen wird. Zum ersten Mal müssen die Soldaten sich mit wenigen französischen Brocken mit der Bevölkerung, die etwas verschüchtert und sehr zurückhaltend ist, verständigen.
Am 26. Mai wird von Orgeo gegen 5.30 Uhr abgerückt. Der Marsch führt in den Raum nördlich Sedan, Unterkunft wird in Fleigneux bezogen. Bei Bouillon wird die belgisch-französische Grenze überschritten. An der Lemoy und in der Nähe der Maas sind wieder einige größere Steigungen zu überwinden, während der Marsch in den letzten Tagen durch ein hügeliges Land geführt hatte. Hier sind wir in die Nähe der Südfront gekommen. Der Marsch am 27. Mai führt an der Maas entlang durch die französischen Stellungen. Bisher war das IR.284 mit II. und Stab an der Spitze marschiert. Die Marschfolge wird jetzt geändert: IR.283, IR.287, IR.284 – mit den entsprechend zugeordneten Einheiten. In Villers sur Mont wird Biwak bezogen. Wegen der Umgruppierung ist der Marsch für den 28. Mai nur kurz, bis Faissault. Der Vormarsch wird am 29. Mai um 5.45 Uhr fortgesetzt über Wasigny, Wadimont nach Noircourt, wo biwakiert wird. Im Ort liegt ein Armeepferdepark. Von diesem bekommt das Regiment einigen Ersatz. Außerdem wird ein gewisser Ausgleich durch Beutepferde geschaffen. Am 30. Mai wird um 5.45 Uhr nach Rougeries abmarschiert, einem größeren Bauerndorf, in dem in zwei Höfen die Pferde des Stabes unterkommen. Die nächsten drei Tage sind Ruhetage, die zunächst zur Instandsetzung von Ausrüstung und Material dienen. Die Pferde können auf Koppeln gut weiden und erholen sich sehr schnell. Die Division wird endgültig der 9. Armee und dem XXXXIII. Korps unterstellt.