1.2. So leben wir - so leben wir alle Tage
Übersicht - Divisionsgeschichte
Übersicht - Kapitel IV
Übersicht - Kapitel IV - 1 - Unterseiten
Was war das für ein Leben, dass die Watzmänner hier führten? In der Härte der Anforderungen, die Gelände und Klima an den Soldaten hier stellten, wurde die Westfront des Ersten Weltkrieges bei Weitem übertroffen, außerdem fehlte die Ablösung, die es damals in mehr oder minder regelmäßigen Turnus gab. Hier lagen sie Monat für Monat – wer nicht verwundet oder krank ins Lazarett kam, seit Jahr und Tag – sommers wie winters unmittelbar am Feind, der auch an „ruhigen“ Tagen über reichlich Munition verfügte und oft unvermittelt mit kleineren oder größeren Verbänden rücksichtslos angriff.
Momente aus dem Dschungel-Leben
Im größten Teil des Divisionsabschnittes, abgesehen von der Gegend um Winjagolowo und am Bahndamm westlich Pogostje, gab es überhaupt keine Schützengräben. Die Posten- und M.G.-Stände und die Feuerstellungen der schweren Waffen waren Aufbauten aus Baumstämmen, die Hauptkampflinie wurde dargestellt durch eine Blende von Laub- und Tannenästen mit einem dahinter laufenden Pfad von umgelegten Baum- stämmen oder Holzrosten. Da konnte man sich bewegen, ohne zu oft bis über die Knie im Sumpf zu versinken. Die Blende sollte einen wenigstens der Sicht feindlicher Scharfschützen und M.G. entziehen und damit dem gezielten Schuss, dem feindlichen Streufeuer, das Tag und Nacht nicht aufhörte, war natürlich jeder laufend ausgesetzt. Es wurde ergänzt von Störfeuer der Granatwerfer, weiter in die Tiefe durch Artillerie und ab und zu warf auch eine „Stalinorgel“ ihre Raketen aus 36 oder 72 Rohren herüber.
Kein Wehrmachtsbericht meldete von diesen stillen, entsagungsvollen Leistungen deutscher Soldaten. Es gab nicht viel äußere Anerkennung und Würdigung. Monat für Monat standen die Watzmänner 2 Stunden Posten und hatten 4 Stunden Pause, Tag und Nacht, und die jeweils vier Stunden Pause waren ausgefüllt mit dem dauernden Arbeitsdienst und Stellungsbau im weitesten Sinne, mit dem unaufhörlichen Kampf mit Wasser und Schnee, mit Essenholen, Herantragen von Munition und Material durch Schlamm und Dreck, mit Reinigen von Waffen und Ausrüs- tungsstücken und endlich auch etwas schlafen. Wie selten war einmal eine ununterbrochene Nachtruhe, wie selten einmal ein Tag ohne wieder- holte Lebensgefahr.
Mga 1942
Täglich sorgte der Schlächtereizug für frisches Fleisch
Das Kämpferleben dieser deutscher Soldaten, ihr stetes Ausharren, ihre Unternehmungslust im Kleinen beim Späh- und Stoßtruppdienst, als Scharfschützen oder vorgeschobene Beobachter der schweren Waffen oder der Artillerie, als Melder oder beim Instandhalten der oft zer- schossenen Fernsprechleitungen war ein stilles Heldentum, das sich am Rande des großen Kriegsgeschehens abspielte und doch von großer Bedeutung für das Geschehen dort war. Dieser Kämpfer ohne Namen, im unaufhörlichen Abwehrkampf gegen einen verbissen kämpfenden Gegner, führten einen stillen, aber zähen Krieg, der sich aus unzähligen kleinen Einsätzen zusammensetzte. Im Angriff und in der Verteidigung ging es um Stützpunkte, Bunkernester und Stellungen. Auf 80 oder 200 Meter, manchmal auch etwas weiter, lagen sie dem Feind gegenüber, hier wurde ein Stoßtrupp abgewiesen, dort eine durchgesickerte Bande erlegt. Tag und Nacht hatten sie den ekelhaft scharfen Knall der feindlichen M.G. und den Einschlag der Geschoße in die Bäume in den Ohren.
Ihre Taten gingen mit unter in dem Begriff der für Soldaten selbstverständlichen Pflichterfüllung. In diesen stillen Kämpfern, denen Ruhm und besondere Anerkennung versagt blieben, offenbarte sich die Größe und Haltung des deutschen Soldatentums genau so wie an den großen Fronten des Bewegungskrieges.
Der Grabenkämpfer - hart und unerschütterlich (Bild links) - Im Orkan der sowjetischen Feuerwalze (Bild mitte) - Gesicht des Kämpfers der Ladoga-Schlacht (Bild rechts) - (Bild 147)
Der Feind, der der Division gegenüber lag, war vor dem rechten Regimentsabschnitt die 6.Marinebrigade, alte Bekannte aus der Winterschlacht, vor dem mittleren die 198.Schützendivision mit den Schützenregimentern 3, 1027 und 1029, und vor dem linken Abschnitt die 177.Schützen- Division mit den Schützenregimentern 483, 486 und 502. Sie wurden immer wieder durch Überläufer oder Gefangene bei den gegenseitigen Stoßtruppunternehmen bestätigt. Seine Feuertätigkeit war recht rege, wobei besonders unangenehm war, dass sein Feuer von drei Seiten in den Frontbogen vom „Nordwald“ bis zum Maluksinskymoor einschlug. Fast jede Nacht zog die „Lahme Ente“ oder auch „Nähmaschine“ genannt ihre Kreise über die Stellungen und Versorgungswege, warf Bomben oder schoss mit Bordwaffen. Dementsprechend verging kaum ein Tag ohne Verluste, die sich summierten. So hatte zum Beispiel im August das I.R.284 an Toten und Verwundeten einen Ausfall von 12% der Kampfstärke und bei den anderen Infanterieregiementern wird es ähnlich gewesen sein.
Bis zum 11.August 1942 verzeichneten die Verlustlisten der 96. Inf.Div. seit Beginn des Ostfeldzuges 1941 an Toten 63 Offiziere und 2196 Unteroffiziere und Männer, an Verwundeten 137 Offiziere und 5496 Unteroffiziere und Männer. Hierin waren die Abgänge an Erkrankungen und Erfrierungen nicht enthalten.
Nachschub muss vor, bei Tag und Nacht, im Schnee und Schlamm (Bild 8 im Register)
General Frhr. v. Schleinitz
General v. Schleinitz und seine Regimentskommandeure gingen fast täglich gingen fast täglich durch die vorderen Stellungen, regelten die Kampftätigkeiten durch Stoßtrupps, Scharfschützen und schwere Waffen, den Stellungsausbau und die Fürsorgemaßnahmen für die Truppe. Zuweilen besuchten auch die höheren Führer, der Kommandierende General des XXVIII.A.K., General d.Art. Loch, und der Oberbefehlshaber der 18.Armee, Generaloberst Lindemann, die Stellungen, teilnehmend an den Sorgen und Nöten der Truppe und helfend, wo sie nur konnten. Aber es gab doch so mancherlei, dass auch sie nicht zu ändern vermochten.
Die Kampfhandlungen dieser Stellungskampfzeit zerfielen zumeist in eine Reihe von kleineren und größeren Unternehmungen, die sich nicht wie eine große Schlacht oder ein Vormarsch zeitlich gegliedert schildern lassen, nur ein zusammenfassender Überblick ist möglich. In den Mooren streiften immer wieder Spähtrupps bis hinüber zu den feindlichen Stellungen am anderen Ufer, wenn der Wasserstand es erlaubte. Im rechten Abschnitt kam es wiederholt zu Stoßtruppunternehmungen am „Maulwald“, in den „Südwald“ und den „Daumen“, wie z.B. am 28.08. im Mgatal beim I.R.284 und am 09.09. von einer Kompanie des I.R.283, die durch das A.R.196 unterstützt in den „Südwald“ eindrang.
Fast täglich besuchte General v. Schleinitz seine Männer in ihren Stellungen bis zu den Horchposten. Pogostje 1942 (Bild 7 im Register)
Fidele Laus
Im mittleren Abschnitt stießen am 24.09. Oberleutnant Stahlhut und Leutnant Engler mit Radfahr- und Pionierzug 284 in die russischen Stell- ungen im „Eckwald“ ein. Ende Oktober wurden die russischen Bunker im „Inselwäldchen“ vor der „Fidelen Laus“ durch Feuer und Stoßtrupps des II./I.R.284 zerstört. Am Dubok waren Leutnant Koch und Feldwebel Meuser von der 7./I.R.284 besonders rege mit Unternehmungen. Als Einzel- gänger und Scharfschützen von besonderer Kühnheit bis weit in die russischen Stellungen hinein zeichneten sich die Gefreiten Glaser und Gudehus vom II./I.R.284 hervorragend aus.
Im nördlichen Abschnitt war ein dauernder Kleinkrieg beim I.R.287 nördlich des Bahndamms und ein größeres Unternehmen am 20.09. am „Kastenwald“. Selbst im Hintergelände stieß man immer wieder auf durchgesickerte Spähtrupps oder auf Partisanen. Sogar weiter hinten bei Uschaki wurde ein Stabsarzt nicht weit von der Ortsunterkunft mit blanker Waffe niedergemacht.
Der Russenpanzer am Stützpunkt "Fidele Laus" zwischen Pogostje und Winjagolowo - 1942. (Bild 14 im Register)