1.1. Das Land zwischen Wolchow und Newa
Übersicht - Divisionsgeschichte
Übersicht - Kapitel IV
Übersicht - Kapitel IV - 1 - Unterseiten
Nun, wo die Watzmänner das Land zwischen Wolchow und Newa zu jeder Jahreszeit gründlich kennen gelernt hatten, und der Stellungskrieg ihnen etwas Zeit ließ, dachten sie ein wenig nach über die Landschaft, in der hier schon seit Jahr und Tag Krieg geführt wurde. Die militär- geografischen Beschreibungen besagten zwar, dass dieser Landstrich zur Kriegsführung vollkommen ungeeignet sei, aber die raue Wirklichkeit setzte sich über diese Theorie einfach hinweg, denn hier lebten und kämpften deutsche Soldaten sommers und winters und, was noch mehr heißen will, in den Schlamm- und Überschwemmungsperioden des Frühjahrs und Herbstes.
Nowgorod die Wikingergründung Ruriks - ein Brennpunkt der Kämpfe der Nordarmee
Politisch gehört der Raum zwischen Wolchow, Ladogasee und Newa zum Bezirk Leningrad der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjet- republik, doch ist er nicht ursprünglich russischer Boden. Lange Zeit gehörte er zum Herrschaftsbereich der germanischen Waräger und des mächtigen Nowgorod, in der Blütezeit des schwedischen Ostseereiches im 17.Jahrhundert war Ingermanland im Besitz der Krone Schwedens und fiel erst am Anfang des 18.Jahrhunderts an das Zarenreich, das hier seinen Ausgang zur Ostsee suchte. Die Ostgrenze Ingermanland, das die Watzmänner bereits im August 1941 am Oredesch zum ersten Mal betreten hatten, verläuft etwa von der Tigodamündung ostwärts des Wolchow bis in die Gegend Swanka – Wolchowstroy folgend in einem breiten Landstreifen südostwärts um den Ladogasee herum bis zum Swir. Dort standen jetzt finnische Truppen. Trotz der starken Russifizierung trafen die Watzmänner auf vielfach rein ingerisch besiedelte Dörfer wie Belowo und zahlreiche protestantische Gemeinden wie in Uschaki.
Wolchow und Newa können sich zwar nicht, was ihre Länge und Breite betrifft, mit der Wolga, dem Dnjepr oder dem Don messen, aber an Wasserreichtum steht die Newa an dritter Stelle von allen europäischen Flüssen, denn 42 Flüsse münden in den Ilmensee, dessen Wasser vom Wolchow zum Ladogasee getragen werden, der sich über die Newa in die Ostsee ergießt. Der Ladogasee ist der größte Binnensee Europas. Mit seinen 18000 qkm ist er fast 33-mal so groß wie der Bodensee.
Breit und schwer fliesst der Wolchow in der Nähe Nowgorods aus dem Ilmensee
Weite Strecken des Gebietes tragen den Charakter einer typischen Moränenlandschaft. Das durch die Eiszeit geprägte Landschaftsbilds ist nicht nur an der Höhenführung – kleine für sich liegende Geländerücken, lang gestreckte flache Hänge, dazwischen wannenartige Mulden und Senken – und an den tief eingeschnittenen Flusstälern zu erkennen, sondern auch an den zahlreichen im Gelände verstreuten erratischen Blöcken.
In der Nähe der großen Flussläufe ist der Sandboden von alluvialem Lehm oder Letten überlagert. Auf diese Lettenschicht, ein vom Austrocknen steinartig erhärteter, im Wasser zerfließender Ton, ist die zeitweise Versumpfung zurück zu führen. Auf Feldwegen, die bei trockener Witterung schnell zu festen Straßen werden, bildet sich schon bei geringen Niederschlägen eine Schicht aus glitschigem zähem Lehm, der ein Passieren der Wege unmöglich macht. Um Nachschub und Verkehr zu ermöglichen, wurden daher in diesem Gebiet von der Truppe Tausende von Kilometern Knüppeldämme und Pfade gebaut.
Der Weg der Träger (Bild 99) - Nachschub (Bild 100) - Die Feldbahn (Bild 101)
Die zahlreichen kleineren Flüsse und Bäche haben sich zum größten Teil grabenartig in das Gelände geschnitten und bieten durch ihre vielen Windungen und Schleifen oft recht schöne Landschaftsbilder. Am charakteristischsten, und für die deutsche Kampfführung von einschneidender Bedeutung, sind die Moore, unter denen die Hochmoore und bewaldeten Übergangsmoore an Größe und Fläche die Flachmoore übertreffen. Birken, Erlen, Espen und Kiefern machen den forstlich wenig bearbeiteten Waldbestand aus. Sie waren die Grundlagen des Lebens der Soldaten in diesen Wäldern, sie lieferten die Baustoffe für die Knüppeldämme, für Wohnbunker, Kampfstände und Befestigungen, sie boten Deckung gegen Sicht, wo Schützengräben nicht möglich waren und schließlich im Sommer das wichtige Brennholz zum Kochen, Wärmen und Trocknen der Sachen, für Bade- und Entlausungseinrichtungen, aus ihnen fertigte der Soldat seine bescheidenen Bunkermöbel und auch noch den buntge- schnitzten Wolchowknüppel, ein fast unentbehrlicher Gegenstand für jeden Kämpfer vom Landser bis zum General.
Laufstege (Bild 116)
Nur wenige von den Mooren, dann aber im großen Stil, werden zur Torfausbeute ausgenutzt. Vor allem nicht weit vom Ladogasee, zwischen dem Seeufer und der Sinjawinohöhe, liegen solche großzügigen Anlagen, von denen die Hochspannungsleitungen den Strom für Leningrad und zu den Fabriken an der Newa leiten. Auch Torfkoks, sowie Schmieröl, Benzin und andere Stoffe sollen dort gewonnen werden. Kennzeichnend für diese bewirtschafteten gr0ßen Moore sind die Moorarbeitersiedlungen, auf Russisch „Posjeloks“ genannt, nur mit Nummern bezeichnet und ohne Eigen- namen, wie wohl auch die Menschen, die dort arbeiteten, nur Nummern für die Sowjets waren. Moorbahnen und Dammwege, meist in gerader Richtung, ebenso wie die breiten Elektroschneisen gaben im Krieg dem Soldaten Verkehrsmöglichkeiten und Orientierung im Gelände. An ihnen und den Posjeloks entstanden dann aber auch stets die Brennpunkte der Kämpfe.
Wie oft war in den Erinnerungen der Soldaten zu hören: „Damals bei P8 ….“
Viel Wild fand man in den Wäldern trotz ihrer Einsamkeit nicht. Das war wenigen auf den Krieg als auf die Wilddiebereien und den rücksichtslosen Abschuss vor dem Krieg zurück zu führen. Zuweilen traf man noch Elche und etwas Rehwild. Im Winter hatte Oberarzt Dr. Hoffmann sogar einen Bären erlegt. Der Wolf soll hier gelegentlich seine Spur ziehen, doch haben die Watzmänner keinen erlegt. Der Bestand an Feldhasen war gering. Um Schapki konnte man die an sich seltenen Flughörnchen beobachten. Birkhühner, Auerwild, Stockenten, im Herbst auch große Schwärme Wildgänse erfreuten dort des Jägers Herzen. Weniger erfreulich zeigte sich das „kleine Geflügel“, denn das ganze Gebiet unterlag einer fürchter- lichen Mückenplage, die das Leben zur warmen Jahreszeit fast unerträglich machte. Mückenschleier und Handschuhe selbst im wärmsten Sommer waren unentbehrliche Bekleidungsstücke.
Am Wolchow typisch - der Mückenschleier