4.1. Kampf um Preßburg
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Kapitel VII - 4 - Unterseiten
Als sich die 96.Inf.Div. im Verband der 8.Armee der „Reichsschutzstellung“ bei Preßburg näherte, war die militärische Gesamtlage hoffnungslos, es konnte sich nur noch um einen aussichtslosen Endkampf von Wochen handeln. Darüber konnten auch die hochtönenden Worte Hitlers und seines Propagandaapparates nicht mehr hinwegtäuschen. Und dennoch tat der deutsche Soldat und das deutsche Volk verbissen ihre Pflicht.
Unsagbar verworren erschien die militärische Lagekarte um die Ostertag 1945. Es ist an sich nicht Aufgabe einer Divisionsgeschichte, ein strategisches Lagebild von Narwik bis Kreta, von Oberitalien bis Kurland und von der Biskaya bis Preßburg darzustellen, aber für diesen Zeit- punkt, zu dem sich die 96.Inf.Div. der Reichsgrenze näherte, scheint es doch angebracht, sich diese Lage vor Augen zu führen, die zu jener Zeit im Divisionsverband sich wohl niemand klar machte, man hatte genug mit den näherliegenden Sorgen zu tun.
In Norwegen standen mehrere 100000 Mann ohne nennenswerte Feindberührung. Im Kurlandkessel und an der Weichselmündung wehrte sich eine ganze Anzahl eingeschlossener Divisionen. Die eigentliche Ostfront lief an der Oder-Neiße-Linie bis Görlitz, sprang vor nach Niederschlesien mit der vorgeschobenen „Festung Breslau“ und an den Ostrand der Sudeten bis Mährisch-Ostrau, bog dann nach Südwesten in das österreich-ungarische Grenzgebiet. In Bosnien und Kroatien erkämpften sich deutsche Divisionen den Rückmarsch aus dem Balkanraum. In Oberitalien standen noch zwei deutsche Armeen im Kampf. An der Westfront hatte der Feind den Rhein überall bezwungen, den Ruhrkessel eingeschlossen und näherte sich der Fulda-Weser-Linie, während in der „Festung Holland“ noch deutsche Kräfte standen. Ganz abgesplittert hielten sich noch fünf sogenannte „Festungen“ an der Biskayaküste, mit 60-70000 Mann – darunter sogar einige alte 284er – sowie je eine deutsche Division auf den britischen Kanalinseln und auf Kreta im östlichen Mittelmeer. Zum Schutz der unmittelbar bedrohten Reichshauptstadt jedoch standen nicht annähernd genügend Kräfte zur Verfügung. Im noch nicht besetzten Deutschland litt die Bevölkerung unter schwersten Bombenangriffen. Alles in allem ein "Meisterwerk des größten Feldherrn aller Zeiten!“
Preßburg mit seinem großen Schloss auf der Höhe über dem Strom war das Tor aus dem ungarischen Donauraum nach Mähren und Nieder- österreich. Hier traten die Kleinen Karpaten mit Höhen zw. 350-500 m bis unmittelbar an die knapp 130 m noch gelegene Flussniederung, um sich am anderen Ufer sofort in den etwas gleich hohen Bergen bei Hainburg fortzusetzen. Auf beiden Seiten des Stromes, nur wenige Kilometer von ihm abgesetzt, fädelten sich Bahnen und Straßen durch die Enge. Von Nordosten, Osten und Südosten liefen sie strahlenförmig auf dieses Tor zu, um westlich davon sofort wieder strahlenförmig auseinanderzustreben. Die Bergkette der Kleinen Karpaten stieg fast ohne Übergang aus der Tiefebene auf, zunächst mit Weinbergen, die dann bald in Wald übergingen. Jenseits der Enge mündete von Norden her kommend die March beim Dorf Theben (Devin), etwa 10 km westlich der Stadtmitte von Preßburg, in die Donau. Ihr Unterlauf bildete hier die damalige Reichsgrenze. Das Gelände im Raum Theben Neudorf (Devin Nova Ves) – Stampfen (Stupava) – Marchegg – Breitensee – Groißenbrunn – Markthof war ein flachwelliges Hügelland, der Höhenzug zwischen Schlosshof und Breitensee überragte das umliegende Gelände nur 30 m. Acker- und Weideland wurden nur gelegentlich durch Waldstücke unterbrochen. Beobachtungsmäßig beherrschten der Thebener Kogel (514 m) und die Randhöhen der Kleinen Karpaten diesen Raum.
So war es selbstverständlich, dass dieser strategisch wichtige Platz Preßburg von Hitler zur „Festung“ erklärt worden war, ohne allerdings von langer Hand dazu richtig ausgebaut worden zu sein. Oberst Frhr. von Ohlen und Adlerscron war Kommandant dieser „Festung“ mit dem Auftrag, sie bis zum Äußersten zu verteidigen. Eine verhältnismäßige Artillerie, vielfach in fest ausgebauten Stellungen, etwa 100 Geschütze von leichten Kalibern bis zu 21-cm Mörsern unterstanden dem Kommandanten. Es waren fast alles Beutegeschütze französischer, russischer oder tschech- ischer Herkunft. Die infanteristische Besatzung war verhältnismäßig schwach, nur 5 bis 6 Bataillone, davon zwei Volkssturm, der Rest Landes- schützen, also Truppen von ausgesprochen geringer Kampfkraft und ohne Kampferfahrung gegen den Russen, selbst bei den meisten Offizieren und Unteroffizieren.
Allerdings rechnete die Führung damit, dass bei der Rückverlegung der Front 2 bis 3 Divisionen in die „Festung“ kommen würden und damit eine Verteidigungsdauer ähnlich der von Breslau zu ermöglichen wäre. Dementsprechend war angestrebt worden, eine Versorgung für 6 Wochen an Munition, Verpflegung, Kraftstoff und sonstigen Versorgungsgütern einzulagern, so dass in Preßburg erhebliche Vorräte gestapelt lagen.
Ein Festungspionierstab hatte mit Hilfe von Zivilarbeitern Befestigung, teils in Beton, teils feldmäßiger Art angelegt, in die die Festungsinfanterie übungsmäßig eingewiesen war. Dass mit solchen Behelfsmaßnahmen noch kein „Festung“ im Sinne dieses militärischen Fachausdrucks zu schaffen war, ist Hitler nie klar geworden. Wie so oft glaubte er auch hier, durch Befehl und Strafandrohung das Unmögliche möglich machen zu können.
01.04.1945
Der Festungskommandant versuchte, sich zusätzlich weitere Kampfkräfte zu improvisieren durch Sammeln von durchreisenden Soldaten und Versprengten, doch gab dies nur eine Kompanie unter Major Wallner, die der 96.Inf.Div. nach Oberufer zugeführt wurde. Dazu stellte Major d. Feuerschutzpolizei Lentz am 1.April aus Soldaten der Luftwaffe aus dem Heimatkriegsgebiet, die sich freiwillig zur Front gemeldet hatten und evakuierten Bergleuten von der Saar ein Alarmbataillon mit etwa 300 Mann auf mit den Leutnanten Flick, Ströning und Schwarze als Kompanie- führern. Wegen der Eile konnte es leider nur schwach mir M.G. und schweren Waffen ausgestattet werden. Auch das Alarmbataillon Lentz wurde der 96.Inf.Div. zugeführt. General Harrendorf hatte zunächst beabsichtigt, diese Männer als Ersatz auf die Grenadierregimenter aufzuteilen, entschloss sich aber dann unter dem Eindruck des guten Zusammengehörigkeitsgefühls dieser Luftwaffensoldaten, sie als geschlossenes Bataillon einzusetzen, das er dem G.R.283 unterstellte.
Der Ostersonntag (1.April) war ein strahlend schöner Frühlingstag. Die Division rückte in Preßburg ein, die am Feind gebliebenen Truppen hatten Vorfeldgefechte zu führen. Hauptmann Dressel musste sich seine neue Stellung in Bischdorf erst gegen eingedrungenen Feind erkämpfen, ausge- zeichnet unterstützt durch den vorgeschobenen Beobachter der Artillerie.
Der Russe schloss an diesem Tag nach vorwärts auf, um mit starken Kräften auf Preßburg zu führen und sich eine langwierige Belagerung zu ersparen. Sie 96.Inf.Div. unterstand seit einigen Tagen dem XXXXIII.Armeekorps, das Generalleutnant Kullmer am 30.März von General d.Geb.Tr. Versock übernommen hatte.
Kampfraum um Preßburg - April 1945
02.04.1945
Das G.R.284 (Major Pipo) war in der Nacht vom 1. zum 2.April der links benachbarten Division unterstellt worden und wurde am Ostrand der Kleinen Karpaten zwischen St. Georgen und Bösing eingesetzt, doch hielt Major Pipo durch Funk und Melder die ganze Zeit der zwölftägigen Abwesenheit über Verbindung zu Division aufrecht.
Am Ostermontag (2.April) stand die 96.Inf.Div. am Ortsrand von Preßburg und weiter nach Norden zu am Rande der Kleinen Karpaten. Der Div.Gef.Std. wurde in den Westteil von Preßburg verlegt, der Gef.Std. des A.R.196 (Oberstleutnant Dr. Koch) ging in den Vorort Koliba. Der Gefechtsstandwechsel von Oberufer musste schon im feindlichen Gewehrfeuer durchgeführt werden.
Die beiden Grenadierregimenter 287 rechts und 283 links waren zum Teil untermischt mit Teilen der Festungsinfanterie. Das G.R.287 unter Oberstleutnant Magawly stand mit II./G.R.287 (Dressel) beiderseits der Straßenbrücke ostwärts Oberufer rechts angelehnt an Teile der Festungsinfanterie, links vom II. war das I./G.R.287 (Hofmann) eingesetzt. Oberstleutnant v. Boeltzig hatte seinen Gefechtsstand an Hang des Gemsenberges westlich der großen Dynamitfabrik. Rechts hatte er das Alarmbataillon Lentz hart westlich der Bahn nach Bösing eingesetzt, das seinerseits Anschluss an das Festungsbataillon Hertzog hatte, nach links schlossen sich an II./G.R.283 (Wanzenberg) und I./G.R.283 (Berninger).
Die im Abschnitt des Alarmbataillons Lentz vom Volkssturm als Bedienungen für 2-cm-Fla eingeteilten 14- bis 15-jährigen Hitlerjungen, die mit großer Einsatzbereitschaft bei der Sache waren, wurden im Einvernehmen mit Oberstleutnant v. Boeltzig abgelöst und nach Hause geschickt.
Das A.R.196 hatte seine 4 Abteilungen sowie die einzige noch verbliebene ungarische Artillerieabteilung des Hauptmanns Tschonka im Einver- nehmen mit dem Artilleriekommandeur der Festung eingesetzt. Die I.Abt. (Major Franke) war auf Zusammenarbeit mit G.R.283 angewiesen, die III.Abt. (Hauptmann Utermarck) mit G.R.287. Die IV.Abt. (Major Fietz) stand in Feuerstellungen westlich der Stadt.
In erfreulicher Weise hatte sich die Versorgungslage gebessert. Betriebsstoff, Verpflegung und Rauchwaren gab es reichlich und besondere Freude machten der Truppe die großen Vorräte an Schokolade und Pralinen der Stollwerk-Schokoladenfabrik. Es war nicht ganz einfach gewesen, der Betriebsführung klarzumachen, dass diese lang entbehrten Genussmittel der deutschen Truppe und nicht den Rotarmisten zugutekommen müssten, aber auch das hatte geklappt und Lastenwagenweise konnte die Schokolade nun der Truppe zugeführt werden.
Hier in Preßburg hatte die Division das Glück, dass sie im Verband der Feldarmee verblieb und nicht ganz oder mit Teilen zur Festungsbesatzung erklärt wurde. Auch dem bewährten Quartiermeister der Division, Major i.G. v. Heymann, konnte im letzten Augenblick das Geschick erspart bleiben, bei der Festungskommandantur zurückbleiben zu müssen.
03.04.1945
Um 7 Uhr früh des 3.April setzte schlagartig ein Artilleriefeuer aller Kaliber seitens des Russen ein. Das ganze Bergmassiv von Koliba war in Rauch gehüllt, der Berg bebte, in der Stadt schlugen bald Flammen aus zahlreichen Häusern, die feindliche Luftwaffe setzte zu bomben- und Tief- fliegerangriffen an. Bald waren die Fernsprechleitungen von der Division zu den Regimentern, vom Artillerieregiment zu den Abteilungen unter- brochen. Sie Batterien der 196er nahmen sofort das Feuer auf.
Von den Höhen und hochgelegenen Gebäuden konnte man deutlich den Aufmarsch und die Bereitstellung des Feindes erkennen. Die Festungs- artillerie stand in günstigen Feuerstellungen und verfügte über reichlich Munition, aber ihr Führungs- und Beobachtungspersonal war mangelhaft ausgebildet und der Lage nicht gewachsen, es bestand wohl zum Wesentlichen aus kriegsungewohnten älteren Soldaten. Oberstleutnant Magawly beobachtete mit seinen Adjutanten vom Dach einer fünfstöckigen Schule deutlich die Bereitstellung der feindlichen Artillerie, mot. und bespannte Batterien fuhren in großer Zahl auf, aber die Festungsartillerie schwieg. Nachdem die III./A.R.196 (Hauptmann Utermarck) das Feuer eröffnet hatte, gelang es mit einiger Mühe, auch eine Festg.Art.Abt. zum Eingreifen zu bewegen. Erst im Laufe des Tages wurde durchgesetzt, dass die gesamte Festungsartillerie dem Kommandeur des A.R.196 unterstellt wurde, der damit über 145 Geschütze mit reichlicher Munition verfügte und nun dem Russen schweres Feuer entgegenwerfen konnte. Aber viel kostbare Zeit war durch die verschiedenen Zuständigkeiten verloren gegangen, so dass der Feind Boden nach vorwärts hatte gewinnen können. Nach massiertem feindlichem Artilleriefeuer aller Kaliber trat der Russe zum Angriff auf Preßburg an.
Das A.R.196 konnte seinen Gef.Std. auf der Kolibahöhe auf die Dauer nicht halten und musste zum Div.Gef.Std. in den Westteil der Stadt ausweichen. Panzer und Infanterie des Russen ließen sich durch das deutsche Artilleriefeuer nicht entscheidend aufhalten, zumal nachdem sie durch die Vororte in die unübersichtlichen Wohngebiete am Ostrand der Stadt und das Industriegebiet nördlich davon eingedrungen und damit der Artilleriebeobachtung entzogen waren. Das I./G.R.287 hatte erhebliche Verluste, der Btl-Kdr., Hauptmann Hofmann, wurde verwundet und Hauptmann Wissel übernahm die Führung.
Das II./G.R.287 (Dressel), das mit zwei Kompanien noch einen kleinen Brückenkopf ostwärts Oberufer hielt, wurde zurückgenommen, bevor die Brücke, die unter starkem Artilleriefeuer lag, auf Befehl der Division gesprengt wurde. Das Absetzen im M.G.- und Gewehrfeuer des Feindes, der sich schon auf wenige hundert Meter genähert hatte, war nicht ganz einfach.
Die Anlagen der Dynamitfabrik und der Rangierbahnhof am Gleisdreieck boten dem Feind ebenfalls besonders gute Annäherungs- und Deckungs- möglichkeiten. Die schwachen, mangelhaft ausgebildeten Einheiten der Festungsinfanterie waren den kriegsgewohnten Einheiten des Russen keineswegs gewachsen und gaben nach. Von den Flanken bedroht, konnten die 5 Bataillone, über die General Harrendorf von seiner Division überhaupt noch verfügte, die Stadt auf die Dauer nicht halten, auch nicht die Höhen nördlich davon. Die Preßburger Donaubrücke wurde von den Pionieren gesprengt.
Nur mit Mühe konnte Oberstleutnant Dr. Koch seine eigenen und die ungarischen Batterien aus ihren Feuerstellungen herauszuziehen und zurückzuführen. Die festeingebauten Geschütze der Festungsartillerie, die außerdem keinerlei Zugmittel besaß, feuerten, bis sich der Feind den Stellungen näherte, dann sprengten die Bedienungen die Geschütze und den Rest der Munition und setzten sich ab. In der Auffangstelle Theben wurden hunderte von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften der Festungsartillerie gesammelt und dem A.R.196 oder den Grenadier- regimentern zugeführt. Die nicht verbrauchten Treibstoffe und Verpflegungsbestände wurden nach Möglichkeit vernichtet, soweit letztere nicht von der Bevölkerung ausgeräumt wurden.
05.04.1945
Am 5.April war Preßburg vollständig in russischer Hand. Für den bedauernswerten Festungskommandanten war es eine unlösbare Aufgabe gewesen, für die man ihm die volle Verantwortung übertragen hatte.
Nachdem es sich praktisch als unmöglich erwiesen hatte, Preßburg zu halten, war es für General Harrendorf die nächste Sorge, seine Division rechtzeitig hinter das Flusshindernis der March zu führen, um dort erneut eine Widerstandslinie aufzubauen. Hatte man die feindliche Übermacht nicht schon am Ostrand der Kleinen Karpaten aufhalten können, so war es nach den schweren Einbußen an Menschen und Material, besonders den hundert Geschützen der Festungsartillerie von Preßburg, im offenen Gelände zwischen dem Gebirge und der March erst recht nicht möglich. Das Generalkommando genehmigte das Ausweichen über die March für die fechtenden Truppen nicht, wohl mit Rücksicht auf den Zusammen- hang der Front nach Norden.
Vom Div.Gef.Std. Theben-Neudorf leitete General Harrendorf die schwierigen Bewegungen. Die Grenadierregimenter hatten bis zum Abend des 4.April in hin- und herwogenden Kämpfen Stellungen an Gebirgsrand gehalten. Auf dem rechten Flügel hatte sich das I./G.R.287 (Wissel) durch Härte und gutes Zusammenhalten trotz erheblicher Verluste ausgezeichnet. Das bei G.R.283 eingesetzte Alarmbataillon Lentz hatte an diesem Tag 23 Tote und über 40 Verwundete eingebüßt. In der Nacht wurde es herausgezogen und sollte als Regimentsreserve beim Forsthaus Entenlaak zur Ruhe übergehen. Die anderen 4 Bataillone wurden in der Nachtweiter zurückgenommen, um am Morgen eine neue HKL in der allgemeinen Linie Thebener Kogel – Bisternitz – Stampfen zu beziehen. Das A.R.196 brachte seine Batterien im Raum Theben-Neudorf – Bahnhof Theben – Wald westlich Stampfen in Stellung. Nur die rückwärtigen Dienste konnten über die March zurückgeführt werden. Das Pi.Btl.196 unter Major Kopper stand an den drei Marchbrücken, der Holzbrücke bei Theben-Neudorf, der Pontonbrücke und der Eisenbahnbrücke westlich Bahnhof Theben.
Mit berechtigter Sorge baute General Harrendorf seine neue HKL hart westlich der Kleinen Karpaten auf in dem Bewusstsein, dass er sich hier nur vorübergehend halten könnte und dann unter Feinddruck seine fechtenden Truppen, besonders die Artillerie und die schweren Waffen, über die drei Brücken zurückführen musste, die zur Sprengung vorbereitet waren. Es stimmte mit seinem Art.Regimentskommandeur überein, dass die Batterien auf dem Westufer der March wesentlich günstigere Feuerstellungen gefunden hätten, aber die Korpsbefehl band auch die Artillerie auf dem Ostufer. Den ganzen Tag über wurde die Truppe stark von der Roten Luftwaffe belästigt, die Dörfer und Stellungen mit Bomben und Bordwaffen angriff, auch die Nachrichtenverbindungen litten erheblich darunter. Eigene Flak und Jäger waren nicht mehr vorhanden.
Von den Grenadierregimentern stand rechts G.R.287 das II.Bataillon (Dressel) südöstwärts Kaltenbrunn und nach Norden entlang der Bahnlinie, links das I. (Wissel) nördlich davon in der Ebene nach Bisternitz zu. Das Regiment war auf Zusammenarbeit mit der III./A.R.196 angewiesen, Grenadiere und Kanoniere wussten, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Es war nicht ganz leicht gewesen, das Regiment davor zu bewahren, dass es in der Festung Preßburg zurückbleiben und sich einschließen lassen musste. Links, von Bisternitz bis nach Stampfen, stand das G.R.283 mit I.Btl. rechts und II.Btl. links, auf Zusammenarbeit angewiesen mit der I./A.R.196. Die II. und IV./A.R.196 sowie die ungarische Art.Abt. Tschonka waren Schwerpunktgruppe des Art.Rgt.Kommandeurs.
Der Feind drängte besonders stark in der Senke zwischen Thebener Kogel und den Ausläufern der Kleinen Karpaten. Die Kompanien des II./G.R.287 wehrten sich tapfer, wurden aber doch allmählich in das Waldgelände ostwärts des Thebener Kogels zurückgedrängt. Die 7.Kompanie unter Leutnant Schachermeyer hatte im Gegenstoß den Feind aus einer Flakstellung südostwärts Kaltenbrunn geworfen. Kurz darauf meldete sich der Fernsprecher aus dieser Stellung. Hauptmann Dressel rief den Decknamen „Geigenspieler“ in den Apparat, da kam die Antwort: „Geigenspieler sind heute wir!“ dann riss die Verbindung ab. Bald traf ein Melder ein, dass der Feind schon wieder in der Feuerstellung sei. In Kaltenbrunn kämpfte Hauptmann Dressel mit den Männern seines Stabes und der 8.Kompanie noch bis gegen Mitternacht.
Sorge machte das Alarmbataillon Lentz. Es hatte aus nicht geklärten Gründen den erneuten Absetzbefehl nicht erhalten und ruhte im Gefühl der Sicherheit im Forsthaus Entenlaak noch in den Kleinen Karpaten. Als der Btl.-Führer von einer Beobachtungsstelle feststellte, dass sich die Grenadierregimenter in einer neuen Stellung westlich des Gebirges einrichteten, entschloss sich Major d.F.Sch.Pol. Lentz selbständig zum Abmarsch und wurde nach einigen Umwegen auf dem Nordflügel der Division in Stampfen eingesetzt, wo Teile des G.R.283 bereits im Kampf standen.
Der Verlauf des 5.April zeigte, dass der Div.Kdr. die Lage richtig beurteilt hatte, als er den rechtzeitigen Marchübergang, leider vergeblich, beantragt hatte. Bis gegen Mittag konnte sich die Infanterie der feindlichen Angriffe erwehren, dann musste unter Feinddruck die vordere Linie zunächst bis an die Eisenbahnlinie zurückgenommen werden, ohne dass westlich des Flusses eine planmäßige Abwehrstellung eingenommen werden konnte. Das Zurückgehen brachte mehrfach unangenehme Krisen, zumal eine ganze Anzahl von Offizieren ausfiel. Die Brücken lagen unter beobachtetem feindlichem Artilleriefeuer. An mehreren Stellen vermischten sich die Verbände, so dass Führung und Befehlsgebung erschwert waren.
Auf dem Südflügel schlug sich das I./G.R.287 besonders hartnäckig und hielt die Brücke zwischen Theben-Neudorf und Schlossberg so lange offen, bis Artillerie und die schweren Waffen der 13. und 14.Kp. hinübergelangten. Ein überraschender Vorstoß des Feindes wurde durch einen schnellen Gegenstoß mit zusammengerafften Kräften zurückgeworfen. In dieser kritischen Lage, in der leicht eine Panik entstehen konnte, meisterten die Grenadiere ihren Kampfauftrag geradezu mit einer gewissen „Wurstigkeit“, wie der Kommandeur des Regiments anerkennend berichtete. Auch die Pioniere vom Pi.Btl.196 an den Brücken zeichneten sich durch Ruhe und Kaltblütigkeit besonders aus. Auf dem nördlichen Divisionsflügel warfen Teile des II./G.R.283, dabei besonders die 5.Kp. des Leutnants Flach und das Alarmbataillon Lentz den Feind im Wald westlich Stampfen vorübergehend zurück. Nach Norden fehlte der Anschluss an die benachbarte Division. Unter dem Schutz der Grenadiere hatte Oberstleutnant Dr. Koch seine Batterien staffelweise in Feuerstellungen um Groißenbrunn und Breitensee zurückgenommen.
Am Spätnachmittag des 5.April fasste General Harrendorf, besonders auf Grund der Meldungen des G.R.287, selbständig und ohne die Genehmigung des Korps dazu zu haben, den Entschluss, seine Front hinter die March zurückzunehmen. Hierzu unterstellte er vorübergehend alle fechtenden Teile Oberstleutnant Magawly zur einheitlichen Regelung des Absetzens an Ort und Stelle. Die Genehmigung des Korps kam dann erst in der Nacht und wäre somit zu spät gekommen.
In der Nacht gingen die letzten Teile der Infanterie über die March zurück, der Südflügel über die Holzbrücke auf Schlosshof, der Nordflügel über die Eisenbahnbrücke. Dann sprengten die Pioniere die Brücken.