96.ID: Geschichte
Übersicht - Divisionsgeschichte
Übersicht Kapitel - VII
Mit den letzten Nachhuten war die Division wieder auf deutschem Reichsboden. Der Endkampf um das Reich begann nun auch für die Watzmänner. Hier im Marchfeld hatten sie Niederösterreich mit seinen freundlichen und hilfsbereiten Menschen erreicht. Zu der Schwere des Kampfes trat noch die seelische Belastung durch die Gedanken, dass jeder Granateinschlag Wunden in deutsche Erde und deutsche Wohnstätten schlug, dass jeder Schritt zurück deutsche Menschen, deutsche Dörfer und Städte der Gewalt eines grausamen Feindes auslief- erte. Der Sinn des Kampfes gegen den Russen konnte nur noch sein, möglichst viele deutsche Flüchtlingstrecks nach Westen zu schleusen und möglichst viel deutschen Soldaten das Schicksal russischer Gefangenschaft zu ersparen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann Ostfront und Westfront Rücken an Rücken stehen würden. Der Wunsch des Ostkämpfers war es, nach seinem letzten Schuss seine Waffe beim Amerikaner oder Briten niederlegen zu können. Die Forderung nach „bedingungsloser Übergabe“ (unconditional surrender), die seit der Konferenz von Casablanca von Roosevelt, Churchill uns Stalin unentwegt aufrecht erhalten wurde, machte eine andere Lösung praktisch unmöglich. Kein Oberbefehlshaber einer Heeresgruppe oder einer Armee konnte für seinen Bereich zu einer Sonderlösung kommen, ohne die Nachbarkräfte im Stich zu lassen. So musste das Schicksal seinen Lauf nehmen bis zum bitteren Ende und der einzelne Soldat musste an seiner Stelle seine Pflicht tun.
Angesichts dieser seelischen Belastungen wahrte die 96.Inf.Div. ihren Zusammenhalt und ihre Manneszucht. Gewiss hat es auch Krisen und Ansätze zu Auflösungserscheinungen gegeben, aber sie wurden aus eigener Kraft und aus dem gesunden Zusammengehörigkeitsgefühl der Truppe überwunden oder beschränkten sich auf Einzelfälle, die das Gesamtgefüge der Division nicht auflockern konnte.
Die 96.Inf.Div. unterstand weiterhin der 8.Armee unter General d.Geb.Tr. Kreysing und dem XXXXIII.A.K. unter Generalleutnant Kullmer. Die Heeresgruppe führte jetzt Generaloberst Rendulic, ein Sohn des österreichischen Landes, das nun zu verteidigen war. Die Nachbarn waren die 6.Panzer-Division des Generalleutnants Frhr. v. Waldenfels und die 37.(SS)Waffen Kav.-Div. „Lützow“, mit denen gute Nachbarschaft gehalten wurde.
Der Feind war wie bisher die 2.ukrainische Front des Marschalls Malinowski, der den Schwerpunkt seiner Kräfte beiderseits der Donau vorführte.
Kämpfe und Rückzug in Österreich - April/ Mai 1945
07.04.1945 - 08.04.1945
Das Kennzeichen der Gefechte dieser Wochen war ein hinhaltender Widerstand. Man konnte es sich nicht mehr leisten, die Entscheidung in nachhaltiger Verteidigung anzunehmen. Es kam mehr darauf an, das kämpfende Ausweichen den Bewegungen der Nachbarn und der Lage im Großen anzupassen. Die Stärken schmolzen immer mehr zusammen, wenn auch gelegentlich noch etwas Ersatz kam. Das Füs.Btl.96 das ruhmreich an allen Schlachten der Division im Osten teilgenommen hatte, war schon im März aufgelöst und auf die Grenadierregimenter verteilt worden. In den nächsten Tagen sollte noch das bewährte Alarm-Bataillon Lentz auf diesem Wege folgen. Danach musste immer häufiger auf solche Maßnahmen zurückgegriffen werden. Sie waren eine unumgängliche Aushilfe, wurden jedoch von den Angehörigen der betreffenden Einheiten nicht gerne durchgeführt.
Der Russe ließ sich durch das Fronthindernis der March nicht lange aufhalten und folgte rasch über den Fluss, nachdem es ihm auf der Naht zum linken Nachbarn gelungen war, einen Brückenkopf zu bilden. Das Alarm-Bataillon Lentz griff unterstützt durch 6 Sturmgeschütze der Pz.Jg.Abt.196 ostwärts des Bahnhofs Marchegg den Gegner an und warf ihn vorübergehend an und über den Fluss, die Bedrohung der Nordflanke blieb aber stehen. Um den Bahnhof Marchegg wurde in der Nacht heftig gekämpft. An der gesprengten Eisenbahnbrücke sicherte Leutnant Flach mit der 5./G.R.283. Nach Verwundung des Major Lentz, des Führers des Alarm-Bataillons, wurden dessen Reste in den nächsten Tagen in das G.R.283 eingegliedert.
Auf nahe Entfernungen vom Feind bedroht, musste die Artillerie ihre Feuerstellungen um Groißenbrunn räumen und neue um Breitensee beziehen. B-Stellen und sichernde Infanterie richteten sich in etwa 800 bis 900 m davor auf den Höhen ein. Durch die Verluste der letzten Kampfwochen waren die beiden Gren.-Regimenter 283 und 287 mit ihren insgesamt 4 Bataillonen so geschwächt, dass die Artillerie zum Teil ihre Feuer- stellungen selbst verteidigen musste.
Die Tage nach dem 7.April brachten wieder ein langsames Zurückkämpfen beiderseits der Rückmarschrichtung über Breitensee, Lassee, Siebenbrunn, Straßhof und Pillichsdorf, wo man aus dem Marchfeld in das Waldberggelände gelangte, das wieder mehr Deckung bot. Bei Tage wurde gekämpft, bei Nacht in neue Stellungen ausgewichen. Nicht immer waren die Kämpfe so heftig wie um Groißenbrunn und Breitensee. Die Truppe blieb weiterhin fest in der Hand ihrer Führer.
Die Zusammenarbeit der einzelnen Waffengattungen bewährte sich immer wieder. Die Sturmgeschütze von Graf v. Hardenbergs Panzerjäger- abteilung 196 erschienen an bedrohten Stellen als Art „Feuerwehr“. Ein wesentlicher Verdienst am Zusammenhalt der Division hatte Kunze’s Nachrichtenabteilung 196, deren Funker sowie auch die Fernsprecher unermüdlich die Verbindungen aufrecht hielten. Es bewährte sich, dass die einzelnen Regimenter stets die gleichen Trupps zugewiesen erhielten, wo es möglich war.
Der Südflügel der Division hatte bei Deutsch-Wagram das historische Schlachtfeld vom Juli 1809 überschritten, wo die Truppen des Erzherzogs Karl von Österreich von der Armee Napoleons I. geschlagen worden waren. Im Südwesten sah man die Höhen des Wiener Waldes und zu seinen Füßen, im Wiener Becken, vom Brandrauch umweht, den Stephansdom sowie die Türme und Kuppeln der alten deutschen Kaiserstadt Wien, die sich anschickte, ihren letzten Kampf zu bestehen.
Nach fast zweiwöchigem Einsatz bei anderen Divisionen traf am 13.April Major Pipo mit seinem stark zusammengeschmolzenen G.R.284 wieder bei der Division ein. Am 7.April hatte er noch nördlich des Gefechtsfeldes der 96.Inf.Div. an der March beiderseits Zwerndorf gesichert. Am 8.April war er dort abgelöst worden und marschierte quer über den genannten Gefechtsstreifen nach Südwesten auf das Südufer des Rußbaches in den Raum Leopoldsdorf – Breitstetten, wo er sehr bald wieder ins Gefecht kam.
09.04.1945 - 10.04.1945
Am 9.April wurde die HKL nach Glinzendorf zurückverlegt. Am folgenden Tag wurde um Großhofen gekämpft. Es wurde ein heißer Tag und erst das Erscheinen eigener Panzer und Flieger gegen 18 Uhr brachte einige Erleichterung.
11.04.1945
Am 11.April erneuerte der Feind seine Angriffe mit starkem Panzer- und Fliegereinsatz, besonders das II.Btl. hatte schwere Verluste. Gegen Mitternacht setzte sich das Regiment nach Großebersdorf ab.
12.04.1945 - 17.04.1945
Am Vormittag des 12.April lag schweres Feuer von Granatwerfern und Stalinorgeln auf den schwach besetzten Stellungen, dann griff der Feind gegen Mittag an. Die Stellung konnte nur mit Mühe gehalten werden, die zusammengeschossene und übermüdete Truppe begann zu weichen, es bedurfte des energischen Einsatzes der Führer, die Verbände zu ordnen und die Lage wiederherzustellen. In der Nacht ging es auf Ulrichskirchen zurück, wo wieder in Stellung gegangen wurde. Nun war das Regiment endlich wieder im Verband der eigenen Division.
In diesen Tagen wurde auch der bewährte Kommandeur des G.R.283, Oberstleutnant v. Boeltzig, zu anderer Verwendung abkommandiert, nachdem kurze Zeit vorher der Divisionsadjutant, Major Lieberkühn, ein alter 196er-Artillerist seit Aufstellung der Division und tüchtiger Kommandeur der schweren Abteilung, aus gleichem Grund der Truppe entzogen worden war. Auch der 2.Generalstabsoffizier Major i.G. v. Heymann war Anffang April versetzt worden und Major i.G. Meyer an seine Stelle getreten. Was man sich höheren Orts dabei dachte, wenn man in dieser krisenreichen Endlage des Krieges immer noch ältere, mit der Truppe eingearbeitete Offiziere herauszog, um sie auf irgendwelche Lehrgänge zu schicken, die sich gar nicht mehr auswirken konnten, ist nicht zu verstehen. Dennoch geschah es bei vielen Truppenteilen und entzog ihnen unnötigerweise Führer, die das Vertrauen ihrer Männer besaßen. Major Lieberkühn wurde durch Hauptmann Porteck, einen alten 287er ersetzt. Für Oberstleutnant v. Boeltzig erhielt die Division keinen Nachfolger. In Anbetracht der durch Verluste stark geschwächten Verbände entschloss sich General Harrendorf, das auf allen Kriegsschauplätzen der Division hochbewährte und tapfere G.R.283 am 20.April aufzulösen und auf die beiden anderen Regimenter zu verteilen, um Stäbe und Trosse einzusparen.
Inzwischen war Wien am 13.April in russische Hände gefallen, das Ende des aussichtslosen Kampfes war noch durch schmählichen Verrat beschleunigt worden, mit dem man den tapferen Verteidigern in den Rücken fiel.
Bis zum 16.April konnte sich die 96.Inf.Div. noch in Hornsburg halten. Heftige Kämpfe entwickelten sich in diesen Tagen um die Ortschaften Nieder-Fellabrunn, Ober-Gänserndorf, Drechsler-Mühle, Traunfeld und Hauntzendorf. Die Verbindung zu den Nachbardivisionen war weiterhin gut.
Die Ausfälle bei der stark erschöpften Infanterie waren nun so stark geworden, dass die Verteidigung der breiten Fronten nicht mehr zu schaffen war. So entschloss man sich zu einer außergewöhnlichen Maßnahme, die in keinen Ausbildungs- und Führungsvorschriften vorgesehen war und auch mancherlei Kritik erfuhr. Ihren Sinn hatte sie wohl nur in der verzweifelten Lage dieser Endkämpfe, wo man versuchte, mit irgendwelchen Mitteln wenigstens den Zusammenhang der zurückgehenden Front einigermaßen zu halten. Auf Anordnung des Kommandierenden Generals erhielt der Kommandeur des A.R.196 den Befehl, mit seinen Batterien, verstärkt weiterhin durch die schwere II./A.R.52 des Hauptmanns Bernhard, die Art.Abt. des Hauptmanns v. Arnim und die schwere Flakabteilung des Major Gerstmann, eine sogenannte „Artilleristische Hauptkampflinie“ im Raum um die Höhen von Groß-Rußbach und Hornsburg aufzubauen. Die Abteilungen sollten nebeneinander mit weit auseinandergezogenen Geschützen und ohne große Tiefe aufgestellt werden. Teile der Kanoniere und Fahrer sollten dazwischen mit Karabinern und M.G. die fehlende Infanterie ersetzen. Weder General Harrendorf noch Oberstleutnant Dr. Koch waren mit diesen Maßnahmen einverstanden, doch wurden ihre Einsprüche nicht beachtet.
Während der Mitternacht des 16./17.April der Gefechtslärm im Wald um Hornsburg wieder zunahm, wurden die Befehle an die Artillerieabteilungen herausgegeben, ohne dass noch eine Geländeerkundung möglich war. Die Lage erforderte höchste Eile. Das A.R.196 richtete seinen Gef.Std. in Groß-Rußbach ein, während der Div.Gef.Std. nordwestlich davon in Simonsfeld eingerichtet wurde.
Als im Laufe des Vormittags die russische Infanterie sich zum Angriff aus den Wäldern anschickte, wurde sie von den leichten und schweren Geschützen in direktem Schuss bekämpft und erlitt starke Verluste, so dass sie wieder im Wald verschwand. Doch das war nur ein vorüber- gehender Erfolg, denn nun machte sich die von oben befohlene unzweckmäßige Artillerieaufstellung bemerkbar. Aus verdeckten Feuerstellungen schossen Granatwerfer und Artillerie des Russen auf die mehr oder minder offen stehenden Geschütze, die Verluste mehrten sich daher, Geschütze erhielten Volltreffer, aber Offiziere und Kanoniere schlugen sich ausgezeichnet in dieser verzweifelten Lage, obwohl einzelne Batterien sogar schon vom Feind umgangen waren.
Am Spätnachmittag setzte nach einer etwa einstündigen Pause ein erneutes Feuer mit aller Gewalt ein und die feindliche Infanterie brach aus den Wäldern zum Angriff vor. Bald wurde auch schon um Groß-Rußbach gekämpft, wo ein Sturmgeschütz die Brücke verteidigte. Gegen Abend musste der Kampf nach erheblichen Verlusten an Menschen und Material abgebrochen werden, aber die Männer des A.R.196 und von den zugeteilten Batterien durften stolz auf ihre kämpferischen Leistungen dieses Gefechtstages von Groß-Rußbach sein, wie auch auf die Tage von Groißenbrunn und Breitensee.
18.04.1945
Am 18.April suchten der Kommandierende General, Generalleutnant Kullmer und der Oberbefehlshaber der 8.Armee, General d.Geb.Tr. Kreysing, die Division auf und zeigten volles Verständnis für die schwierige Lage der Truppe. Viel helfen konnten sie aber auch nicht, denn letzten Endes standen sie an ihrer Stelle genauso machtlos im Strudel des unaufhaltsamen Geschehens wie der Mann an der Front.
An diesem Tag ging das G.R.287 kämpfend auf Naglern zurück, das an den beiden folgenden Tagen zum Teil in Gegenstößen gehalten wurde. Am 20.April stand die Division nach südlich der Waldberge ostwärts Hollabrunn, rechts G.R.287 (Oberstleutnant Magawly) bei Ottendorf und Maisbirbaum, links G.R.284 (Major Pipo). Der Russe drückte jetzt südlich der Donau stärker als nördlich des Stromes, so dass die Truppe etwas entspannen konnte, ohne dass aber die Kampftätigkeit ganz aufhörte. Man wusste auch, dass noch anstrengende Märsche bevorstehen mussten, wenn man noch vor dem nun absehbaren Ende gewissermaßen von der Ostfront zur Westfront überwechseln wollte.
24.04.1945
Am 24.April musste der Div.Gef.Std. nach Mariathal unweit Hollabrunn verlegt werden. Die Truppe lag in den Wäldern des Leißergebirges ost- wärts dieses Städtchens in loser Fühlung mit dem Feind, der nicht nachdrängte. Inzwischen war die Munitionslage recht schwierig geworden. Das A.R.196 verfügte noch über ganze 1000 Schuss, also so gut wie gar nichts. Mit Nachschub war nicht mehr zu rechnen. Die Betriebsstoff- lage war so angespannt, dass jede Fahrt vom Div.-Kommandeur persönlich genehmigt werden musste, man war noch einmal ganz wieder auf den treuen Kriegskameraden Pferd angewiesen. Nun musste auch noch die immer wieder aufgeschobene Auflösung einer Artillerieabteilung durchgeführt werden; es war die von Anfang an stets bewährte III.Abteilung.
In diesen Tagen traf unter Führung von Major Frank ein Marschbataillon aus dem Wehrkreis Wien ein. Major Frank übernahm das FEB 196, das nun wieder einmal neu aufgestellt werden musste, in Nonndorf. Auch aus den österreichischen Ersatztruppenteilen in Döllersheim und Horn sowie aus Krumau in Böhmen wurde noch Personalersatz zugeschoben.
In diesen Tagen gab die Division zum ersten Mal ihr Mitteilungsblatt „Der Watzmann“, das von Unteroffizier Linnenkamp redigiert und in einer Druckerei in Hollabrunn gedruckt wurde, zur Unterrichtung der Truppe heraus.
Von der großen Lage wusste man, dass sich die Amerikaner jenseits des Böhmer Waldes von Norden her der Donau bei Regensburg und Passau näherten. Um die Reichshauptstadt tobte der Endkampf. Die Heeresgruppe Mitte stand in einem weit nach Osten vorspringenden Bogen um Böhmen mit Teilen sogar noch in Niederschlesien, sie kämpfte besonders heftig im mährischen Raum beiderseits von Olmütz. Somit stand das XXXXIII.Korps und mit ihm die 96.Inf.Div. in der tiefen Flanke der hart ringenden Heeresgruppe Mitte und durfte sich nicht nach Westen absetzen, ohne vom Feind gedrängt zu werden, um den Zusammenhang der Front zu wahren.
01.05.1945
Am 1.Mai traf die dienstliche Nachricht ein, dass Hitler in Berlin gefallen sei und Großadmiral Dönitz von Flensburg aus seine Nachfolge über- nommen habe. Hitlers Tod war nur noch das äußere Zeichen dafür, dass der endgültige Zusammenbruch des Großdeutschen Reiches, die vom Feind in kurzsichtiger Verblendung geforderte „bedingungslose Kapitulation“ nur noch eine Frage von Tagen sein konnte. Tiefe Sorge um das Schicksal des Vaterlandes, der Angehörigen daheim und schließlich auch das eigene Schicksal bedrückte nun auch die letzten, die immer noch auf einen tragbaren Abschluss gehofft hatten. Die Stimmung der Truppe stand im schroffen Gegensatz zu der grünenden und blühenden Natur ringsum. Befehle und Weisungen der oberen Dienststellen wurden mangelhaft, weil diese selbst die Lage nicht mehr übersahen. Der einzige Sinn, den der Kampf gegen den Russen noch hatte, war der, möglichst viel Flüchtlingen aus dem Osten des Reiches und dem böhmisch-mährischen Raum den Abzug bis in den Bereich der westlichen Gegner zu ermöglichen.
06.05.1945
Auf Befehl des Korps wurde am 6.Mai noch eine Trauerfeier für den angeblich gefallenen Führer abgehalten. Wie wenig wusste man damals von dem, was wirklich geschehen war!
Der Russe bereitete inzwischen einen neuen Angriff vor. Die Luftaufklärung stellte vor dem Abschnitt der 96.Inf.Div. unter anderem den Auf- marsch einer ganzen russischen Artillerie-Division fest. Das waren warnende Anzeichen.
Am Abend des 6.Mai erließ der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe, Generaloberst Rendulic an die ihm unterstellten Armeeoberkommandos den Befehl zur Einstellung der Feindseligkeiten gegen die Amerikaner ab 7.Mai 8 Uhr. Am gleichen Abend nach Einbruch der Dunkelheit hatten sich die Armeen vom Gegner an der Ostfront in westlicher Richtung abzusetzen.
Im Westen war die amerikanische 3.Armee (General Patton) nach dem Einzug in Salzburg am 4.Mai am 6. Kampflos in Linz an der Donau einge- rückt, nachdem sich Feldmarschall Kesselring als Oberbefehlshaber Süd im Einvernehmen mit dem Großadmiral Dönitz am 5.Mai zur Kapitulation gegenüber dem Westen entschlossen hatte. General Patton, der mit Teilen der „freien“ französischen 1.Armee beiderseits der Donau und über den Böhmer Wald vorgestoßen war, hatte von der unteren Ems an die Linie Linz, Budweis, Pilsen, Karlsbad erreicht, blieb aber dort stehen.
07.05.1945
Am 7.Mai hatte General Harrendorf noch einmal seine Kommandeure auf dem Gefechtsstand Mariathal bei Hollabrunn versammelt. Es herrschte eine sehr ernste und gedrückte Stimmung. Der General teilte mit, dass Österreich unter dem Druck des Gegners vom Deutschen Reich abge- trennt und mit dem 4.Mai von den Alliierten in seinen Grenzen von 1937 als ein selbständiger Staat anerkannt worden sei. In den frühen Morgenstunden sei kurz vor 3 Uhr in Reims die Gesamtkapitulation der Deutschen Wehrmacht unterzeichnet worden. Der Kampf sei damit u Ende, die Kapitulation, die weitere Absetzbewegungen verbiete, werde in Kürze in Kraft treten. Es komme nun darauf an, in raschen Märschen möglichst viel Raum nach Westen zu gewinnen, um zu den Amerikanern hinüberzuwechseln, deren 3.Armee bis etwa Linz, Budweis vorgedrungen sei. Er selbst sähe jetzt seine Aufgabe darin, seinen tapferen Männern der 96.Inf.Div. nach Möglichkeit die russische Gefangenschaft zu ersparen. Hierzu sei fester Zusammenhalt der Truppe sowie straffe und wendige Führung durch die Truppenkommandeure erforderlich.
Der Divisionskommandeur befahl daher noch für den 7.Mai abends den Anlauf der Marschbewegungen nach Westen unter Ausnutzung aller irgendwie verfügbaren Fahrzeuge zum Transport von Soldaten, da die Ziele im Fußmarsch allein nicht zu erreichen wären. Motorisierte Nachtruppen unter Führung von Major Graf v. Hardenberg mit der Pz.Jg.Abt.196 sollten die Absetzbewegungen sichern, ohne sich aber noch in ernsthafte Kämpfe einzulassen.
Der Divisionsstab und der Kommandeur des A.R.196 gingen im ersten Sprung über den Manhartsberg nach St. Bernhard, 6 km westlich von Horn am Ostrand des Waldviertels. Bei und westlich Horn rasteten auch die Marschgruppen nach dem ersten Nachtmarsch, die Artillerieabteilungen bei ihren Grenadierregimentern. Graf v. Hardenberg meldete als Führer der Nachtruppen auf dem Funkwege, dass der Russe nur zögernd folge und er selbst keine Feindberührung habe. Bis zu Demarkationslinie zwischen Russen und Amerikanern waren nun noch etwa 90 km zurückzulegen.
Der weitere Rückmarschweg der Division führte durch das Waldviertel über Allentsteig, Großglobnitz, Jagenbach, Steinbach und Groß-Pertholz nach Sinetschlag und Unterhaid in Südböhmen auf die große Nord-Südstraße von Südböhmen nach Oberösterreich über Budweis, Kaplitz, Unterhaid, Freistadt nach Linz an der Donau zu, die als Demarkationslinie bekanntgeworden war. Wem von allen Watzmännern mag wohl auf diesem Marsch wenige Kilometer vor Steinbach in Niederösterreich der Wegweiser aufgefallen sein, der zu einem kleinen Weiler am Schroffen-Berg zeigte mit dem Namen „Watzmanns Wachtberg“? Klang es nicht wie eine Ironie des Schicksals, dass die Watzmänner nicht weit von hier ihre Waffen niederlegen mussten, nachdem sie fünfeinhalb Jahre treu die Wacht an und vor den Grenzen des Reiches gehalten hatten?
General Harrendorf kam es nun darauf an, zu Verhandlungen mit den Amerikanern zu kommen, denn die grundsätzliche Regelung der Kapitulation sah vor, dass alle Truppen der Ostfront dem Russen übergeben werden sollten. Diese Anordnung fand General Harrendorf auch bestätigt, als er in Friedberg endlich nach vielen Mühen und langem Suchen den Kommandeur der US-amerikanischen 26.Division erreichte. Dem Amerikaner wollte gar nicht einleuchten, warum man seine Gefangenschaft vorzöge, denn auch beim Russen würden doch die Einheiten innerhalb von 14 Tagen in die Heimat entlassen werden. Nun, der deutsche Soldat kannte den Russen besser. In vierstündigen, hartnäckigen Verhandlungen gelang es dem gewandt und zielbewusst auftretenden General Harrendorf endlich, den Amerikaner umzustimmen, so dass er sich bereiterklärte, die 96.Inf.Div. in seinen Bereich hereinzulassen. Nesselbach, nordwestlich Rosenberg a.d. Moldau in Böhmen, sollte der Sammelpunkt sein.
08.05.1945
Am 8.Mai war nun auch in Karlshorst/Berlin im sowjetischen Hauptquartier die Gesamtkapitulation unterzeichnet worden. Sie trat am 9.Mai um 0:01 Uhr in Kraft und eigentlich sollten von diesem Zeitpunkt an keinerlei Marschbewegungen deutscher Truppen mehr zulässig sein.
Jeder, der jene Tage miterlebt hat, wird sich erinnern, wie die Ungewissheit der Lage, das Fehlen von Anordnungen, die nicht mehr gegeben werden oder durchdringen konnten, wilde Gerüchte, das Drängen russischer Panzer von Osten und das Auftreten tschechischer Partisanen es erschwerten, die Truppe ordnungsgemäß zu den Sammelpunkten durchzuschleusen. Stellenweise kam es zu panikartigen Erscheinungen bei zusammengewürfelten Haufen verschiedenster Verbände. Die verständliche Sorge "„nur nicht in russische Hände“ beseelte alle. Bei Unterhaid an der Demarkationslinie traf man auf
10.05.1945
Immerhin fanden sich im Laufe des 10.Mai etwa ¾ der Division um Nesselbach ein; manche Teile waren zu anderen Sammelpunkten verschlagen worden, eine Anzahl unternehmungslustiger Männer schlug sich auf eigene Faust einzeln oder in kleinen Gruppen nach Bayern durch, um sich dann dort entlassen zu lassen oder auch ganz nach Hause zu wandern, wieder andere fielen der Roten Armee oder tschechischen Partisanen in die Hände.
In den nächsten Tagen wurden wieder geordnete Verhältnisse hergestellt. Nach Truppenteilen geordnet wurden Lager bei Nesselbach bezogen. Aus den Nachschubkolonnen konnte verpflegt werden, die Kommandeure und Offiziere konnten sich noch ihrer Einheiten annehmen und hatten im Rahmen der Kapitulationsbestimmungen Befehlsgewalt.
18.05.1945
Am 18.Mai gab es sogar noch einmal eine KdF-Vorstellung auf einer mit viel Geschick hergestellten Freilichtbühne. Aber auch all dieses konnte nicht über den seelischen Schmerz und die persönliche Sorge jedes einzelnen hinwegtrösten, die sich aus dem Zusammenbruch ergaben. Mit Erschütterung wohl für jeden hörte man hier und da noch den letzten Wehrmachtsbericht aus dem Hauptquartier des Großadmirals, in dem es u.a. hieß:
28.05.1945
Inzwischen liefen die Entlassungen durch die Amerikaner an, die im Wesentlichen bis zu 28.Mai abgeschlossen waren. Viel Bitterkeit erregte es, dass ein Teil der Angehörigen der Division mit zahllosen anderen Kameraden besonders aus anderen Lagern an die Russen ausgeliefert wurden, wo jahrelange Gefangenschaft und für viele der Tod ihrer harrte. Unter den Ausgelieferten befanden sich der Kommandeur des G.R.287 Oberstleutnant Magawly und der Kommandeur der Nachr.Abt.196 Hauptmann Kunze.
Am 28.Mai konnte sich General Harrendorf noch von den verbliebenen Offizieren verabschieden, ehe er selbst mit zahlreichen anderen Generalen und älteren Offizieren in die amerikanische Gefangenschaft überführt wurde.
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