1.4. Krisen und Stellungskämpfe

Übersicht - Divisionsgeschichte

Übersicht Kapitel - VII

Kapitel VII - 1 - Unterseiten

Inzwischen spitzte sich überraschend die Lage nördlich der Donau zu. Der Russe hatte am 7.Januar den Granübergang erzwungen und drang in den nächsten Tagen bei Perbete bis wenige Kilometer ostwärts der Bahn Neuhäusel – Komorn vor, also in den Raum, in dem die 96.Inf.Div. vor einer Woche ausgeladen und sich zum Donauübergang bereitgestellt hatte. Er stand damit, nur durch den Strom getrennt, im Rücken der 96.Inf.Div. Das war auf die Dauer eine unhaltbare Lage, die aber im Augenblick aus Kräftemangel nicht bereinigt werden konnte. Der Nachschub auf der südlichen Uferstraße wurde dadurch beeinträchtigt, die Quartiermeisterabteilung der Div. (Ib) zog daher nach dem Kloster Szt. Kereszt (Hlg. Kreuz) 6 km westlich Dorf Tokod um.

In den ersten zehn Tagen des Jahres befahl das Korps einen Angriff auf Dorog. Oberst Harrendorf sah die Vorbereitungszeit als zu kurz an, drang aber mit seinen Bedenken nicht durch. Alle Bewegungen waren durch erneuten heftigen Schneefall erschwert. Die Gren.-Regimenter 283 und 287 griffen Dorog an, stießen jedoch auf weit überlegenen Gegner. So wurde es ein heißer, verlustreicher Kampftag, besonders für die 283er, ohne dass nennenswerte Erfolge erzielt werden konnten. Vorübergehend wurde die Division noch das G.R.747 (Oberst v. Bose) der 711.Inf.Div. unterstellt.

Oberst Harrendorf, der letzte Divisions-Kommandeur, mit seinen Männern beim Angriff auf Dorog in Ungarn im Januar 1945


Am 16.Januar traten gegen 4 Uhr früh die Füsiliere zum Angriff auf Csolnog an, gegen 6 Uhr war der Ort in ihrer Hand. Der Angriff wurde durch das verstärkte A.R.196 unter Mitwirkung von 21-com-Mörsern gut unterstützt und gegen die umliegenden Höhen abgeriegelt. Doch schon am Nachmittag trat ein bedauerlicher Rückschlag ein, der Russe trat zum Gegenangriff auf das Dorf an, das gegen 17 Uhr von den Füsilieren unter Verlusten wieder aufgegeben werden musste.

Als am 17.Januar der Kommandierende General des Kav.Korps, General Harteneck, dem die Division nach herausziehen des IV.SS-Pz.-Korps neuerdings unterstand, zur Besprechung beim Divisionskommandeur erschien, musste ihm gemeldet werden, dass die Gründe für die Rückschläge der letzten Zeit einfach daran lägen, dass die Truppe, besonders die Infanterie, überfordert wäre. Geringe Kampfstärke der Kompanien, z.T. nur noch 30 bis 40 Mann, zu breite Abschnitte und die dauernde Beanspruchung der Truppe durch Schnee, Kälte und schlechte Stellungen sowie mangelnde Ruhe hätten die Leistungsfähigkeit stark herabgemindert. Auch die eingeschobenen Teile der ungarischen Infanterie seien allmählich am Ende ihrer Kräfte.

Der Kommandeur des A.R.196 war jedoch voll des Lobes für die ihm unterstellten ungarischen Artillerie-Abteilungen, wie die schweren 15-cm Battr. Der Art.Bt.106 des Hauptmanns Detraköi, der später durch schwere Verwundung ausfiel und die Art.Abt. des Hauptmanns Tschonka, die ausgezeichnet schossen und bis zum Letzten tapfer kämpften. Sehr gut war auch die Zusammenarbeit mit dem ungarischen Generalmajor von Lojtay, dem das Regiment zeitweise in seiner Eigenschaft als höherer Art.Kommandeur unterstellt war.

Um diese Zeit machte sich die Zuspitzung der allgemeinen Kriegslage immer mehr bemerkbar. Die Meldungen aus der Heimat brachten in verstärktem Maße Berichte von Bombenschäden und Verlusten von Angehörigen zur Front. Urlaub gab es kaum noch, höchstens „Bombenurlaub“ in schweren Fällen. Die Feldpost kam langsamer heran, da der Bahnverkehr in der Heimat unter ständigen Angriffen und Zerstörungen litt. Aus bedrohten und geräumten Reichsgebieten blieb die Post ganz aus. Das bedeutete eine weitere seelische Belastung des hart ringenden Frontsoldaten.

Um den 20.Januar erfuhr man, dass nach dem russischen Durchbruch bei Baranow (12.Januar) die gesamte Weichselfront zusammengebrochen und im Zurückfluten war. Krakau, das beim letzten Transport vor drei Wochen noch weit hinter der Front gelegen hat, war in der Hand des Feindes, der sich anschickte, das oberschlesische Industriegebiet zu besetzen.

Auf allen Gebieten machte sich Mangel bemerkbar. Die Truppe musste mit Kraftstoff noch mehr sparen, die Luftwaffe konnte selbst ihre wenigen Maschinen nicht ausreichend einsetzen. Selbst Papier fing an knapp zu werden, so dass sich der Kommandeur des A.R.196 überlegen musste, ob er einen neuen „Feuerplan“ aufstellen konnte, der etwa 200 Bogen verbrauchte.

Am 21.Januar wurde der Div.Abschnitt auf dem rechten Flügel bis südlich Bajna verlängert. Das I./G.R.731 mit Oberst von Limburg wurde der div. Unterstellt. Die I./A.R.196 machte Stellungswechsel in den Raum um Nagy Sap. Bei Sari Sap kam es wieder zu Kämpfen, bei denen sich der Wachtmeister von der Mark (1./Füs.Btl.) besonders auszeichnete.

Die Temperaturen sanken erneut, so dass die Truppe in den freien Feldstellungen stark unter Schnee und Kälte litt. Nun fror auch die Donau zu. Zwar trug die Eisdecke keine Panzer und sonstiges schweren Fahrzeuge, aber für Schützen war das Eis gangbar, so dass Spähtrupps von Norden (Russen) und von Süden (Deutsche) den Strom überschreiten konnten. Wenn auch der Russe im Granbrückenkopf sein Hauptaugenmerk nach Westen richtete, so musste doch der dem Strom zugekehrte Rücken der Division durch Postierungen und Spähtrupps gesichert werden; daran beteiligten sich auch die Nachschubverbände und die San.Kp. Die Artillerie richtete eine ganze Anzahl neuer B.-Stellen auf Türmen und Höhen sowie auf Donauinseln ein, die gegen Ende des Monats Verstärkungen des Feindes, Schanzarbeiten und neue Batterien bei Ebed feststellten. Mit insgesamt 25 bis 30 Beobachtungsstellen wurde das Beobachtungspersonal der Artillerie stark beansprucht.

Gegen Ende des Monats trafen 250 Mann Ersatz ein, die aber bei weitem nicht die Verluste ergänzen konnten; dem G.R.287 wurden auch etwa 50 ungarische Infanteristen zugeteilt. Die Kämpfe um Sari Sap nahmen an Heftigkeit wieder zu, dabei ging das Dorf teilweise in Flammen auf. Auch an der Höhe 316 griff der Russe erneut an und entriss sie dem I./G.R.731. Bei der schwierigen Nachschublage war es recht unangenehm, als ein Munitionslager der Division verbrannte.

Am 30.Januar konnte der Div.Kdr. auf dem Gefechtsstand Tokod Mühle seine Beförderung zum Generalmajor feiern.

Die Füsiliere, die an eine andere Division ausgeborgt gewesen waren, hatten schwere Angriffskämpfe hinter sich und kamen mit arg gelichteten Reihen am 3.Februar zur Division zurück. Solches „Ausgeborgtwerden“ erfreute sich weder bei der Division noch bei der beteiligten Truppe besonderer Beliebtheit, ließ sich aber bei Krisenlagen und fehlenden Reserven leider nicht vermeiden. Seit dem Herbst 1941 war es ja nie anders gewesen, wenn es irgendwo brannte.

Ein Ersatztransport junger Marineoffiziere wurde der Division zugeführt, ein Zeichen für die angespannte Ersatzlage und die stark geminderte Zahl einsatzbereiter Kriegsschiffe. General Harrendorf ließ sie zunächst in zwei Sonderlehrgängen in Nyergesujfalu durch zwei fronterfahrene Offiziere, erst Oberstleutnant Magawly und dann Hauptmann Sehnert, ausbilden, um ihnen das Einleben etwas zu erleichtern. Für Rahmen- übungen stellte das FEB 196 Kommandos ab, Geländebesprechungen und Vorträge sollten den jungen Seeleuten das Rüstzeug für ihre Verwen- dung bei der Infanterie geben. Die beiden Lehrgänge dauerten vom 5. bis 18.Februar.

Das im Div.Abschnitt eingesetzte Nebelwerfer-Regiment (Oberstleutnant Fehling) von der 19.Volks-Werferbrigade, sollte herausgezogen werden, ohne aus Transportgründen seine Munition mitnehmen zu können. Es war ein großartiges Bild, als das Regiment in dunkler Nacht mit sämtlichen Rohren feuernd die russischen Stellungen eindeckte und dabei erhebliche Wirkung erzielte.

Am 9.Februar kam das Eis auf der Donau wieder in Bewegung, so dass nun bald an einen Übergang zur Bereinigung des Granbrückenkopfes gedacht werden konnte. Der Div.Kdr. besprach eingehend die erforderlichen Maßnahmen mit dem Kommandeuren der beteiligten Truppen 284, 196 und Pi.Btl.196

Von der ganzen Division bedauert wurde am 10.Februar der Abschied von Oberst Lorenz, der zum Divisions-Führer-Lehrgang kommandiert wurde. Eine Ehrenschwadron und ein Spalier von Sturmgeschützen gaben die militärischen Ehren für diesen hochbewährten Frontsoldaten und beliebten Regiments-Kommandeur, der von Anfang an in der Division als Infanterist mitgekämpft hatte und als einziger das Eichenlaub zum Ritterkreuz trug. Goldene Nahkampfspange und Verwundetenabzeichen in Gold zeugten von seinem eisernen persönlichen Einsatz. Vom Oberleutnant bis zum Oberst hatte er in den Reihen der 96.Inf.Div. eine ungewöhnliche Laufbahn durchmessen. Oberstleutnant Magawly übernahm als letzter Kommandeur das G.R.287.

Ein Abschied

Eichenlaubträger Oberst Lorenz bei des Übergabe der G.R.287 am Major Magawly in Ungarn am 10.Februar 1945 mit Generalmajor Harrendorf.


Am Ende der ersten Monatshälfte ging das tapfere Ringen der Besatzung von Budapest seinem tragischen Abschluss entgegen. Nun, wo es längst zu spät war, erhielt sie von Hitler den Befehl zum Ausbruch, eine der zahlreichen Tragödien des Ausharrens in sogenannten „Festungen“ und Kesseln, wie sie seit Stalingrad so oft von Hitler gegen den Rat seinen militärischen Sachverständigen befohlen wurden und meist schwere Opfer gekostet hatten. In Div.Abschnitt traf man überall Vorbereitungen für die Aufnahme der „Rückkehrer“ mit Verpflegungslagern, Wegweisern zu Sammelplätzen und Verbandsplätzen.

Die Füsiliere unter Major Pipo, aus der bisherigen Stellung herausgezogen, beteiligten sich an einem Angriff der rechts anschließenden 3.Kavallerie-Brigabe unter Oberst v.d.Groeben. Unter Einsatz von 9 Panzern und Nebelwerfern versuchen sie Szomor zu nehmen, doch der Russe war auf der Hut, der Angriff blieb gegen Abend liegen, Verluste waren besonders durch S. und T. Minen eingetreten. Von der Budapester Besatzung gelang nur kleinen Teilen der Durchbruch, die Masse, soweit nicht gefallen, kam in russische Gefangenschaft.