96.ID: Geschichte

Übersicht - Divisionsgeschichte

Übersicht - Kapitel VI

Am 20.August begann der Zusammenbruch der Front in Rumänien, als im Zusammenhang mit einem russischen Großangriff der 2. und 3. Ukrainischen Front gegen die deutsch-rumänischen Heeresgruppe Südukraine des Generaloberst Frießner die königlich rumänische Regierung vom Bündnis mit dem Reich abfiel, die rumänische Armee den Kampf einstellte und bald darauf sogar an der Seite der Russen in den Kampf eintrat. Die deutsche 6.Armee wurde wieder einmal eingekesselt und vernichtet, die 8.Armee nördlich davon wurde angeschlagen. Auch Bulgarien fiel bald danach vom Bündnis ab. In Frankreich war die gesamt Westfront in einem raschen und verlustreichen Rückzug auf den Westwall.

Die slowakische Armee hatte bisher an der Ostfront Seite an Seite mit den Deutschen gegen den Bolschewis- mus gekämpft und ihre Pflicht getan. Die Masse der slowakischen Bevölkerung stand den Deutschen freundlich gegenüber. Hier in der Kapatoukraine gab es mancherlei ungelöste völkische Probleme, teils entstanden aus der tschechischen Vorherrschaft, teils aus den ungarischen Ansprüchen, wie so oft in Räumen, wo Menschen ver- schiedenen Volkstums zusammenwohnen müssen. Sogar volksdeutsche Siedlungsgebiete lagen hier eingestreut zwischen slowakischen und ungarischen. Ansprüchen, wie so oft in Räumen, wo Menschen verschiedenen Volkstums zusammenwohnen müssen. Sogar volksdeutsche Siedlungsgebiete lagen hier eingestreut zwischen slowakischen und ungarischen.

Wie zumeist bei den russischen Offensiven ging auch hier die Schaffung einer Untergrundbewegung mit roten Agenten und Partisanen voraus. Diese sah im Zusammenbruch der rumänischen Front das Zeichen zum Losschlagen. Nun bestand für die deutsche Führung die Gefahr, dass die Waffen der slowakischen Armee in die Hände dieser Untergrundbewegung fielen oder dass sich Teile der Armee dieser Untergrundbewegung anschlossen. Waffen und Gerät der Slowaken bestanden im Wesentlichen aus deutschen Lieferungen. Man sah ein Unheil kommen, das dann am 29.August etwas voreilig eingeleitet und nach zum Teil schwierigen Kämpfen erst Ende Oktober endgültig niedergekämpft werden konnte.

Am Abend des 25.August wurde Oberstleutnant Lorenz zum Div.Gef.Std. nach Bukowsko befohlen. In einer Geheimbesprechung mit General Wirtz und Oberstleutnant i.G. Heck erhielt er den Befehl für das Unternehmen „Schwarzwald“. Etwa 30 km hinter der eigenen Front verlief die Grenzlinie, die von der Truppe der regulären slowakischen Armee besetzt war. Der eigenen hohen Führung war bekannt geworden, dass in den ausgedehnten Wäldern der Waldkarpaten sowjetische Fallschirmspringer in beträchtlicher Stärke abgesprungen waren, und dass sich dort rote Partisaneneinheiten bildeten. Sie hatten mit den Gefechtsständen der regulären Armee an der Grenze konspirative Verbindungen aufgenommen und gingen dort ein und aus. Dieser Zustand bedeutete eine ernstliche Gefahr für die deutsche Front, besonders nach dem, was man soeben in Rumänien erlebt hatte. So befahl die oberste deutsche Führung die Entwaffnung der Slowakischen Armee.

Die 96.Inf.Div. hatte zur Durchführung dieser Entwaffnungsaktion eine Kampfgruppe unter Oberstleutnant Lorenz zu stellen. Die Vorbereitungen liefen geheim, höchste eile war geboten. Niemand außer Oberstleutnant Lorenz durfte vor Beginn etwas von dem Ziel des Sonderunternehmens wissen. Ab „X-Zeit plus 4 Stunden“ musste die Kampfgruppe Lorenz marschbereit sein. Die Verbände hierzu mussten zum Teil erst aus der Front herausgelöst werden, ein anderer Teil wurde den rückwärtigen Diensten entnommen. Neben dem Führungsstab bestand die Kampfgruppe aus 4 Grenadierkompanien, 1 Pionierkompanie, 1 Batterie und 1 Zug mit 3 Sturmgeschützen, alles motorisiert.

Am 27.August fand in Bukowsko durch Oberstleutnant Lorenz eine Besprechung mit allen vorgesehenen Einheitenführern über die Einzelheiten der Aufstellung statt; auch hierbei blieb der Zweck geheim, es wurde lediglich bekanntgegeben, dass es sich um ein Sonderunternehmen handle.

Am 31.August erging das Stichwort „Schwarzwald“. Oberstleutnant Lorenz konnte gerade noch sein Regiment seinem Vertreter, Oberstleutnant Clausen, übergeben und seine Geburtstagstorte anschneiden, dann fuhr er nach Bukowsko, wo seine Einheiten schon in der Versammlung waren. Der gegen Mittag eintreffende Abmarschbefehl enthielt auch alle Einzelheiten wie abschnittsgrenzen für den entwaffnungsraum. Um 13:45 Uhr rollte die Kampfgruppe ab und der Grenze entgegen.

Oberstleutnant Lorenz war der 1.Panzerarmee unmittelbar unterstellt. Es war eine ganz neue Aufgabe, wie man sie noch nicht zu lösen gehabt hatte. Man fragte sich, wie sich die slowakische Truppe verhalten würde, es war zwar ein Akt der Gewalt, aber es musste nicht Krieg sein.

Am Duklapass erreichte die Kampfgruppe am Spätnachmittag den Einsatzraum. Beim letzten kurzen Halt dicht vor der Grenze konnte der Kommandeur endlich den Schleier des Geheimnisses lüften und die Aufgaben verteilen. Es kam vor allem auf Überraschung an. Zunächst sollte im Verhandlungsweg eine freiwillige Übergabe erreicht werden, nur bei Widerstand sollte von der Waffe Gebrauch gemacht werden. In solchen Aufgaben liegt immer ein gewisses Risiko.

Oberstleutnant Lorenz fuhr mit entsprechender Sicherung an der Spitze mit einem Sturmgeschütz, die Kampfgruppe folgte aufgelockert. Gleich nach dem Grenzübertritt stieß er auf die ersten slowakischen Soldaten, die ziemlich erstaunt waren, aber dann doch bereitwillig den Weg zum nächsten Gefechtsstand zeigten. Oberstleutnant Lorenz betrat mit etwas gemischten Gefühlen den Btl.Gef.Std. und begrüßte den slowakischen Kommandeur in kameradschaftlicher Weise, man war ja immerhin noch unter Verbündeten. Zunächst war auch kein Anlass zu Misstrauen gegeben. Als der Slowake den Auftrag gehört hatte, sprang er erregt auf, doch ehe er zu Wort kam, erklärte Lorenz in bestimmter Form: „Ich bedaure sehr, aber ich habe Befehl zu meinem Auftrag und bin gezwungen, bei widerstand Waffengewalt anzuwenden. Hierzu habe ich ein verstärktes Regiment hinter mir stehen. Eine Verantwortung für unnötiges Blutvergießen würden Sie treffen!“

Seiner Bitte, mit seiner vorgesetzten Dienststelle Rücksprache zu nehmen, konnte aus begreiflichen Gründen nicht stattgegeben werden. Ein slowakischer Offizier, der den Raum verlassen wollte, wurde gebeten, dazubleiben. Schließlich entschloss sich der slowakische Kommandeur nach einigen aufregenden Schritten hin und her, dem Befehl zu folgen. Die Übergabeförmlichkeiten wurden besprochen und eine Kompanie zur Durchführung zurückgelassen. Die Masse der Kampfgruppe stieß weiter vor und erreichte ohne widerstand am Abend noch den Ort Stropkow, wo der Gefechtsstand bis zum 1.September blieb.

Die entwaffneten slowakischen Soldaten wurden auf Lastkraftwagen verladen und mit den erbeuteten Waffen, Geräten und Munition in einen Sammelraum der Armee abgeführt. Bei der Beute befanden sich unter anderem wunderbare Pak auf Selbstfahrlafetten und ebenso neuzeitliche Funkwagen, die die Division dringend gebrauchte, waren doch die Verluste an Gerät von der letzten schweren Kampfzeit noch längst nicht wieder aufgefüllt.

Die Aktion ging am 1.September weiter. Gegen Mittag verlegte die Kampfgruppe ihren Gef.Std. 10 km weiter nach Nordwesten nach Mestiko. Die Kompanien wurden mit Einzelaufträgen zum Durchkämmen der Dörfer, Berge und Wälder erneut angesetzt. Inzwischen hatte sich das Unter- nehmen bei den slowakischen Soldaten herumgesprochen. Da ihnen ihr weiteres Schicksal ungewiss schien und sie wohl auch den Abtransport außer Landes befürchteten, lösten sich die Verbände zum Teil auf, einzeln auf Umwegen gingen die Soldaten nach Hause oder kompanieweise in die Berge und Wälder, wo sie Verbindung mit den sowjetischen Fallschirmspringern und den Partisanen suchten. So stieß noch am gleichen Tag die 1.Kp. des Pi.Btl.196 auf den ersten Widerstand, der aber nach kurzem Gefecht gebrochen werden konnte.

Am 2.September geriet eine Kompanie sogar in einen Hinterhalt, es gab einige Ausfälle und führte schließlich sogar zur Entwaffnung dieser Kompanie durch die Slowaken. Vielleicht war an den beiden vorangegangenen Tagen alles zu glatt gegangen, so dass sich die Kompanie sorglos in Sicherheit wiegte.

Die folgenden Tage verliefen planmäßig. Die Kampfgruppe verlegte am 3.September ihren Gef.Std. 12 km weiter nach Norden, nach Ladomirowa, am 4. weiter nach Westen in das Städtchen Bartfeld, wo man im karpatendeutschen Gebiet war. Von hier aus wurde nach einer Bereitstellung am 5.September die letzte größere Durchkämmungsaktion unternommen. Es konnten hier aber nur noch vereinzelte slowakische Soldaten und kleinere Trupps aufgespürt werden, im Übrigen verlief alles ohne besondere Ereignisse.

Am folgenden Tag erhielt Oberstleutnant Lorenz vom Div.Kdo.96 den Befehl zum Rückmarsch, so dass die Einheiten am 7.September wieder ihren Verbänden zugeführt werden konnten; er selbst übernahm in Poratz wieder sein Regiment. Es war höchste Zeit, denn am nächsten Tag sollte schon der russische Großangriff beginnen.

Für die Teilnehmer am Sonderunternehmen „Schwarzwald“ war dieses Zwischenspiel, dieser „so ganz andere Krieg“ eine freundliche Erinnerung zwischen Schlachten und Gefechten, auch wenn man so manchen Schweißtropfen beim Kraxeln in den Bergen und Wäldern der Waldkarpaten in der glühenden Septemberhitze in Kauf nehmen musste. Diese kurze slowakische Episode ist ein besonderer Abschnitt in der Geschichte der 96.Infanteriedivision.