96.ID: Geschichte
Übersicht - Divisionsgeschichte
Übersicht - Ergänzungen zur Divisionsgeschichte
Übersicht - Im Wehrmachtsführungsstab
Der deutsche Nichtangriffs- und Freundschaftspakt mit Sowjetrussland vom August 1939 ist auf beiden Seiten nie mehr gewesen als ein tak- tisches Zwischenspiel. Bei Hitler hat er dem Zweck gedient, die polnische Frage ohne Konflikt mit den Großmächten zu erledigen. Die Russen sollten durch vorübergehende Interessengemeinschaft stillgehalten, die Westmächte vom Eingreifen abgeschreckt werden. Auch Sowjetrussland ist sich nach Äußerungen Stalins in Jalta klar darüber gewesen, dass dieser Pakt nicht ernst gemeint war. Die Frage ob und wann Russland uns angegriffen hätte, mag eine spätere Geschichtsschreibung beantworten. Schlüssige Beweise dafür, dass ein solcher Angriff schon 1941 bevor- stand, haben sich beim Russlandkrieg nicht ergeben. Die Russen haben uns bis zum Tag unseres Grenzübertritts Getreide und für die Kriegs- führung gegen den Westen wichtige Güter geliefert. Meiner Auffassung nach hatte Sowjetrussland bei Verteidigungsbereitschaft Deutschlands kein Interesse daran, uns in diesem Abschnitt des Krieges in den Rücken zu fallen, so den Westmächten aus einer sehr schwierigen Lage herauszuhelfen und ihnen den späteren Sieg zu ermöglichen.
Abschluss des Nichtangriffspaktes am 24.08.1939
Von links nach rechts: (hinten) Richard Schulze-Kossens (Ribbentrops Adjutant), Boris Schaposchnikow (Generalstabschef der Roten Armee), Joachim von Ribbentrop, Josef Stalin, Vladimir Pavlov (sowjetischer Übersetzer) - (vorne) Gustav Hilger (deutscher Übersetzer) und Wjatscheslaw Molotow - (Bildquelle: National Archives & Records Administration - www.nara.gov)
Hitlers Entschluss und die Vorbereitungen haben sich, von unseren Stab aus gesehen, folgendermaßen entwickelt:
1. Die ersten Anzeichen für Hitlers Russlandpläne ergaben sich, als Jodl bald nach Abschluss des Frankreichfeldzuges, es mag Ende Juli gewesen sein, unseren Stab darüber orientierte, dass der Führer Sorgen um die Entwicklung der Ostlage habe und vor allem ein Vordringen der Russen gegen das rumänische Ölgebiet befürchte. Sollte es zu einem Konflikt mit Sowjetrussland kommen, so müssten die Operationen offensiv und nicht defensiv geführt werden. Jodl beauftragte uns, einen solchen Fall zu durchdenken und Unterlagen zusammenzustellen.
Im Laufe dieser Arbeit äußerte ich Jodl gegenüber schwere militärische Bedenken gegen einen Zweifrontenkrieg. Jodl stimmte mir voll zu und meinte, es sei gewiss besser, einen etwa nötigen Krieg gegen Sowjetrussland solange hinauszuschieben, bis England geschlagen sei. Dann aber sagte er etwas, was mir schon damals sehr zu denken gegeben hat: „Der Führer befürchtet, dass er bei der Stimmung, die nach einem Sieg über England herrschen würde, dem Volk einen sofortigen neuen Krieg gegen Russland schlecht zumuten kann.“
In diesem Gedanken liegt meiner Ansicht nach der Schlüssel dafür, dass Hitler in politischen Streitfragen kein Entgegenkommen zeigte, sondern den Ostkrieg begonnen hat. Er hielt von seinem Standpunkt aus die Auseinandersetzung mit Sowjetrussland für unausbleiblich, verfolgte dabei seine alte Idee, den Bolschewismus zu zerschlagen und „Lebensraum“ im Osten zu gewinnen und traute sich zu, dies Ziel auch während des Krieges im Westen in einem Blitzkrieg, sozusagen einem Zwischenspurt, erreichen zu können.
2. Als die Luftschlacht über England bereits im Gang war, verfasste Jodl im Auftrag Hitlers eine Studie, in der er die Lage Englands untersuchte. Wir hatten kurz vorher in einer Vorlage an ihn zum Ausdruck gebracht, dass die Engländer unsere Bombenangriffe mit „stoischem Gleichmut“ hinnähmen und keine Anzeichen dafür bestünden, dass England durch den Luftkrieg zum Nachgeben gebracht werden könnte.
Jodls in den Gedankengängen Hitlers abgefasste Studie sprach demgegenüber von „dumpfer Resignation“, die nach den Bombardements in England herrsche. Im Übrigen gab er unserem Stab eine Orientierung in folgendem Sinne:
„Englands unnachgiebige Haltung kann nicht nur im Vertrauen auf die eigene Kraft begründet sein. Der Führer ist der Auffassung, dass England in absehbarer Zeit das Eingreifen weiterer Großmächte erwartet. Als Verbündete Englands kommen dabei nur die USA und Sowjetrussland in Frage. Gegen die USA, die England bereits nach Kräften unterstützten, können wir weiter nichts unternehmen. Wir müssen abwarten. Anders sieht es mit Sowjetrussland aus.
Der Führer hat aus Nachrichten über Verstärkung der russischen Truppen in den Grenzprovinzen, Ausbau der dortigen Flugplätze und sonstigen Aufmarschvorbereitungen den Eindruck, dass Sowjetrussland uns zu einer ihm passenden Zeit angreifen wird. Dies zwingt uns, das Heer dauernd auf Höchststärke zu halten und verhindert die für den Krieg gegen England gebotene Umlagerung unserer Rüstung auf Luftwaffe und Kriegs- marine. Wegen der Gefahr im Osten muss das Heer in Wartestellung bleiben. Der Führer beschäftigt sich daher mit dem Gedanken, nicht so lange zu warten, bis es dem Russen passt, uns zu überfallen, sondern ihn durch eigenen Angriff zuvorzukommen.
Ob dies zur Durchführung kommt, wird von den weiteren Nachrichten über Sowjetrussland und anderen Fragen abhängen. Der Eventualfall Ost muss aber vorausschauend vorbereitet werden. Es wird gegebenenfalls darauf ankommen, Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug vernich- tend zu schlagen und es von den Meeren und damit von der Verbindung mit des Westmächten abzuschneiden.“
3. Im September wurde dem Oberkommando des Heeres die Ausarbeitung eines Operationsplanes gegen Sowjetrussland übertragen, aber noch offen gelassen, ob und wann es zu einem solchen Feldzug kommen werde. Bearbeiter des Heeres war der neue Vertreter Halders, General Paulus, der beim Nürnberger Prozess entsprechende Aussagen gemacht haben.
4. Im November erschien in Erwiderung früherer Besuche Ribbentrops in Moskau Molotow in Berlin. Es war ein offenes Geheimnis, dass Hitler ver- suchen wollte, dabei einen großen Coup zu landen. Sowjetrussland sollte von den Deutschland interessierenden Fragen, vor allem vom Süd- osten, abgelenkt und dafür in einen Konflikt mit England hineingetrieben werden. Hierzu wollte Hitler Sowjetrussland nahelegen, dass die Zeit für eine Expansion in den vorderasiatisch-indischen Raum günstig sei.
Molotow ist für solche allgemeine Redensarten aber nicht zu sprechen gewesen, ging mit seinen Forderungen vielmehr in medias res. Hitler hat wenigsten in seiner späteren Proklamation bei Beginn des Russlandkrieges behauptet, Molotow habe unter anderem die Absicht Sowjetrusslands geäußert, erneut in Finnland einzugreifen, eine Militärmission nach Bulgarien zu entsenden und – sich an den Meerengen festzusetzen.
Diese letztere Absicht wäre zweifellos geeignet gewesen, scharfe russisch-englische Gegensätze heraufzubeschwören. Trotzdem erschien sie Hitler ebenso wie die anderen sowjetrussischen Vorhaben nicht annehmbar, wohl wegen seiner engen Bindung an die Mittelmeermacht Italien.
5. Nach dem Molotow-Besuch stand der Entschluss Hitlers fest, schon im Jahr 1941 die Entscheidung im Osten herbeizuführen.
Mitte Dezember erließ er die Weisungen „Marita“ und „Barbarossa“. Erstere ordnete das Eingreifen der deutschen Wehrmacht auf dem Balkan an, letztere legte den inzwischen ausgearbeiteten Feldzugsplan gegen Sowjetrussland fest. Beide hingen insofern eng zusammen, als Hitler vor Beginn des Ostkrieges die Lage in Griechenland bereinigen wollte. Er konnte es nicht darauf ankommen lassen, dass die Engländer während unserer Operationen in Russland eine für die Achsenmächte gefährliche neue Front auf den Balkan errichten.
6. Vom Dezember 1940 an liefen die Vorbereitungen für den russlandkrieg auf vollen Touren. Dabei wurden bereits die organisatorischen Maß- nahmen für die nach dem Sieg im Osten, also Ende 1941, geplante Umlenkung der deutschen Rüstungsindustrie getroffen. Ein Teil dieser Maßnahmen ist 1941 verfrüht durchgeführt worden mit dem Erfolg, dass es im Herbst zu einer erheblichen Munitionskrise an der Ostfront kam. Unsägliche Anstrengungen sind erforderlich gewesen, um die Produktion wieder zurückzulenken, als sich herausstellte, dass der Ostkrieg kein Blitzfeldzug geworden war. Ganz ist dieser schwere Fehler von der deutschen Rüstung nie mehr ausgeglichen worden.
Soweit die Tatsachen.
Wie waren die maßgebenden Männer der drei Wehrmachtsteile zu den Plänen Hitlers eingestellt? Man kann ohne Übertreibung sagen, dass sie sämtlich gegen den Russlandkrieg waren, aber mangels einer Einheitsfront nicht die Kraft hatten, sich gegen Hitler durchzusetzen. Dazu kam, dass beim Heer die Meldungen über russische Offensivaufmärsche stichhaltig erschienen und sehr ernst genommen wurden.
Es stand fest, dass Hitler ein Vabanquespiel trieb. Gelang es nicht, mit den Russen schnell fertig zu werden, war vorauszusehen, dass wir mit der Zeit von der Übermacht unserer Gegner erdrückt wurden. Hitler widerlegte, soweit er überhaupt mit sich sprechen ließ, solche Bedenken mit der Behauptung, dass der Zweifrontenkrieg durch die Absicht Sowjetrusslands, uns zu überfallen, absolut unvermeidlich sei. Es werde ein schneller Feldzug werden, denn das bolschewistische System gleiche einer Seifenblase, die beim ersten Stoß zerplatzen werde.
Warnungen vor einer Unterschätzung Sowjetrusslands blieben erfolglos. Graf Schulenburg, unser Botschafter in Moskau, hat mir bei einem Ge- spräch in privatem Kreis selbst erzählt, es sei mit Hitler über Russlandfragen nicht zu reden; er habe ein eigenes fertiges Bild, von dem er nicht abzubringen sei.
Rückschauend ist zu dem Entschluss Hitlers, den Zweifrontenkrieg zu eröffnen, die Feststellung interessant, dass nach der in der Presse wieder- gegebenen Veröffentlichung des schwedischen Weißbuches die Westmächte im März 1940 nahe daran gewesen sind, durch Entsendung eines Hilfskorps nach Finnland selbst Feindseligkeiten gegen Sowjetrussland zu eröffnen. Ein gutes Jahr später hat dafür Hitler durch seinen Angriff auf Sowjetrussland das Waffenbündnis zwischen Ost und West zustande gebracht.
Es war die Bankrotterklärung seiner ganzen Politik, die in ihrer Maßlosigkeit Deutschland in diesen Krieg geführt hatte.
(Bernhard v. Loßberg - Generalmajor a.D.)