96.ID: Geschichte
Übersicht - Divisionsgeschichte
Übersicht - Kapitel I
Es begann eine schöne Fahrt durch das belgische Maastal mit seinen landschaftlichen Reizen und seiner reichen Industrie. Über Namur, Charleroi und Mariembourg ging es nach Frankreich hinein in den Raum zwischen der belgischen Grenze und der Aisne: Sedan, Charleville, Hirson, Rethel. Durch einen Teil dieses Gebietes war die Division bereits 1940 schon einmal hindurchmarschiert. Sie unterstand territorial dem Militärbefehlshaber Belgien und Nordfrankreich, General d.Inf. v.Falkenhausen, taktisch dem XXXXII.A.K. des Generals d.Pion. Kuntze und der 16.Armee des General- oberst Busch. Neben der Sicherung des Besatzungsgebietes stand vor allem die Ausbildung für den Bewegungskrieg im Vordergrund. Schulung der Offiziere und Unteroffiziere wurde mit besonderem Nachdruck betrieben.
Das I.R.283 (Oberst Zahn) wurde mit der III./A.R.196 (Hauptmann Ballschmieter) nördlich der Aisne im Raum Rethel an der Grenze zum Bereich des Militärbefehlshabers Frankreich zu Sicherung und Kontrolle dieses Abschnittes durch Posten und Streifen eingesetzt. Der Div.Stab kam nach Charleville, das I.R.284 (Oberst Brinkmann), der Stab des A.R.196 (Oberst Holzhausen) mit der II.Abt. in den Raum Sedan, das Pi.Btl.196 (Major Boeddinghaus) nach Donchery, das I.R.287 (Oberst Köchling) in den Raum um Hirson und die IV./A.R.196 (Hauptmann Micheel) um Hagnicourt, die Pz.Jg.Abt.196 (Hauptmann Pautz) um Signy l'Abbaye, die Nachr.Abt.196 (Major Wollmann) um Charleville und die Sanitätseinheiten und die rückwärtigen Dienste wurden in diesem Raum verteilt. Die Brückenkolonne 196 kehrte aus der Normandie zurück, wo sie für das Unternehmen "Seelöwe" bereitgestellt gewesen war.
Der Unterbringungsraum der Division war im Mai 1940 von sehr erheblichen Teilen der Bevölkerung fluchtartig verlassen worden, die Masse der Flüchtlinge war zu dieser Zeit noch nicht zurückgekehrt. Die Bewohnbarkeit der Häuser hatte dadurch erheblich gelitten, das bürgerliche Leben war daher noch nicht wieder in normale Bahnen zurückgekehrt. Aber es gab in Charleville bereits eine Frontbuchhandlung und ein Lichtspiel- theater. In größeren Orten und Städten hatten einige Geschäfte geöffnet und auch Cafes. Ein stets gern aufgesuchter Ort waren die Soldaten- heime in den Städten, die von den Schwestern des DRK geleitet wurden, und mancher wußte sich gern an schöne Stunden zu erinnern; so blieb den alten 287ern die Leiterin des Soldatenheimes in Hirson, die mütterliche Frau Dr. Krille, "Schwester Annemarie", im Gedächtnis.
Major Deutsch (Ic) tat sehr viel für die Truppenbetreuung. Filmwagen und Kleinkunstbühnen wurden in die einzelnen Unterkunftsorte geschickt, Rundfunkgeräte und Musikinstrumente an die Einheiten verteilt, die Musikkorps gaben Platzkonzerte auch in den entlegensten Orten. Marketen- dereien und Kantinen sorgten für das leibliche Wohl der Soldaten und für die Erholung nach anstrengendem Ausbildungsdienst. Die Division be- fand sich hier in einem Raum voller historischer Erinnerungsstätten, deren Besuch gerne gefördert wurde. Die Schlachtfelder von 1870 um Sedan, die von 1914/18 um Verdun bildeten besondere Anziehungspunkte. Charleville war längere Zeit das Hauptquartier des Kaisers und später das des Kronprinzen gewesen. Besuche von Paris und Brüssel ließen sich auch von vielen ermöglichen.
Ein besonderes Erlebnis für die 287er wurde ein zweimonatiges Kommando als Wachregiment nach Paris, das gerade in die Zeit von Ostern und Pfingsten fiel. Die Radfahrschwadron übernahm inzwischen die Sicherung des Raumes um Hirson. Das Regiment wurde im Fort Vincennes im Osten der Stadt untergebracht und unterstand dem Kommandanten von Groß-Paris, Generalleutnant Schaumburg. Aufgabe des Regiments war unter anderem die Sicherung im Besatzungssektor durch Streifen auf Straßen, in Gaststätten und Hotels; Wachlokal der Hauptwache war das Hotel Continental, in dem sich auch ein Kriegsgericht mit dem Disziplinarrichter befand. Jeden Tag hatte eine verstärkte Kompanie mit dem Chef als Wachhabenden aufzuziehen, die in der Avenue Wagram vergattert wurde und dann am Arc de Triomphe mit dem Grabmahl des Unbekannten Soldaten vorbei im Parademarsch unter klingendem Spiel zog. Neben dem strengen Dienst bot die Stadt vielseitige Zerstreuungen.
Wachregiment in Paris
Wachkompanie Albrecht des I.R.287 am Arc de Triomphe in Paris. Frühjahr 1941. (Bild 4 im Register)
Nach Beendigung seiner Aufgabe marschierte das Regiment am Nachmittag des 5.Juni aus Paris ab. Der Chef der 2./I.R.287, Hauptmann Jünger, schrieb darüber: "Die Mädchen von Montreuil und Vincennes bildeten vor den Toren des Forts Spalier, wie weiland die Schönen beim Abzug der Truppen Alexanders aus Babylon ... Wir zogen durch den Vincenner Wald, dann über Nogant, Chelles, LePin, Messy, Vinantes nach Montge, wo ich mit der Kompanie drei Tage blieb."
Der Marsch am 14.Juni wurde mit einer Gefechtsübung bei Origny in Anwesenheit des Divisionskommandeurs verbunden, so dass das Regiment nachmittags in den alten Quartieren war, für seine vorbildliche und disziplinierte Haltung hatte es die besondere Anerkennung des Kommandan- ten von Groß-Paris erhalten. Hauptmann Jünger, mit seinem "Pour le merite" des ersten Weltkrieges eine besonders markante Persönlichkeit unter den Offizieren der Division, wurde zum Stabe des Militärbefehlshabers Frankreich versetzt und schied damit aus dem I.R.287 aus.
Unterkunftsübersicht im Raum Sedan-Hirson-Rethel
Auch die anderen Regimenter führten große Übungen durch, das I.R.283 nördlich der Aisne, das I.R.284 an den Maashöhen, der Kommandeur der A.R.196 leitete einige Scharfschießen im Abteilungsverband in dem weiträumigen Höhengelände ebenfalls nördlich der Aisne. Die Ausbildung war auf einen hohen Stand gebracht worden und auch der Gesundheitszustand der Truppe in voller Höhe. Die Ereignisse auf dem Balkan und in der Ägäis hatten zu einem schnellen und vollen Erfolg der deutschen Waffen geführt und jeder fragte sich: "Was wird nun kommen?"
Eine ehrenvolle Aufgabe wurde dem III./I.R.284 zuteil, das sich unter seinen tüchtigen, aber nicht immer bequemen Kdr., Oberstleutnant Kaumann, den Ruf einer besonders straff und gut ausgebildeten Einheit erworben hatte. Es wurde abkommandiert als Wachtruppe zum Oberkommando des Heeres. Die Fahrt nach Zossen führte infolge der Verwechslung von Fahrtnummern bei der Bahn zu einem erheblichen Umweg bis weit nach Polen hinein. Erstaunt und verwundert beobachteten die Watzmänner hier eine außergewöhnliche Ansammlung von Truppen und große Marschbewegungen, die zu allerhand Gerüchten und Vermutungen Anlaß gaben.
Im Lager Zossen bei Berlin befand sich das Hauptquartier des O.K.H., das den Decknamen "Zeppelin" führte. Zahlreiche bombensichere Bunker waren dort zwischen den Kasernen tief in den Boden eingelassen. Hier übernahm das Bataillon die Wachaufgaben von der abgelösten Truppe, nachdem es neu eingekleidet und zwei Tage für seinen neuen Aufgaben einexerziert war.
Täglich übernahm eine durch je einen Zug der 12./I.R.284 verstärkten Schützenkompanie des III.Btl. die Wache für 24 Stunden, wobei die Hauptwache von einem Offizier geführt werden musste, im Dreitageturnus wechselte so Wachbereitschaft, Wache und ein wachfreier Tag, der den Männern Erholung, ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm oder die Fahrt in die nahe Reichshauptstadt bot. Allmählich machte man sich vertraut mit den persönlichen Gewohnheiten des Oberbefehlshabers, Generalfeldmarschall v. Brauchitsch, und des Chefs des Generalstabes des Heeres, Generaloberst Halder, der ganz anders als der OB scharf auf jeden Griff der Posten achtete. Das Präsentieren wurde zu einer Gewohn- heit, jedoch war für das Heraustreten der Hauptwache ein gewisses Protokoll zu beachten.
Hohe Militärs gingen ständig ein und aus, aber auch ausländische Gäste trafen im Lager "Zeppelin" ein, wie König Boris III. von Bulgarien oder Italiens Außenminister Graf Ciano u.a.m.
In Frankreich ging inzwischen der alltägliche Dienst weiter, zur Erholung fanden Sportfeste und K.d.F.-Vorstellungen statt. Den Höhepunkt der Veranstaltungen bildeten ein großes Divisionssportfest und eine Kunstaustellung an 27./28.Juni, die Major Deutsch leitete, letztere in Verbindung mit Hauptmann Höll vom Stab des Divisionsnachschubführers.
In dieser Zeit erfolgte auch die Kennzeichnung der drei Infanterieregimenter durch farbige Kordeln an den Schulterklappen, und zwar weiß für I.R.283, rot für I.R.284 und gelb für I.R.287. Auf allen Fahrzeugen der Division und auf den Kommandoflaggen wurde als taktisches Divisions- zeichen ein schnell marschierender Infanterist "der Watzmann" angebracht, er sollte für die ganze Dauer der schweren Kriegsjahre und danach weithinein in die Friedenszeit des Wahrzeichen für die Zusammengehörigkeit und Kameradschaft aller angehörigen der 96.Infanterie-Division bleiben.
Der Watzmann - Divisionszeichen der 96. Infanterie Division
Während der Frankreichzeit traten auch eine Anzahl Personalveränderungen ein. Mit großem Bedauern hatten die 284er ihren verehrten Kdr., Oberst Brinkmann, scheiden sehen, den eine schwere Erkrankung, der er noch im gleichen Jahr erliegen sollte, aufs Krankenlager geworfen hatte. Oberstleutnant v. Chappuis übernahm das Regiment. Für Hauptmann i.G. Hofmann übernahm Hauptmann i.G. Brennecke die Stellung des Quartiermeisters. Auch eine Anzahl Bataillonskommandeure wechselte: Hauptmann Rose übernahm II./I.R.283 von Oberstleutnant v. Dewitz, Major Germann das III./I.R.283 von Hauptmann Teßmann, Hauptmann Dr. Hillardt das I./I.R.284 von Major Zinke, Hauptmann Pfützner das II./I.R.287.