Helmut A. - Obergefreiter im I.R.287

Unser Vater hat uns als Kindern (wir wurden 1958 bzw. 1965 geboren) immer wieder von seinen Erlebnissen als Soldat und später als Kriegs- bzw. Strafgefangener der Sowjetunion erzählt. Wir fanden diese Erzählungen immer sehr spannend. Die Bedeutung vieler Schilderungen wurde uns damals allerdings nicht bewusst.

Unser Vater wurde im November 1924 als nichtehelicher Sohn einer Kriegerwitwe des ersten Weltkrieges geboren. Unsere Großmutter hatte ihren Mann bereits recht früh zu Beginn des ersten Weltkrieges verloren und musste ihre beiden Kinder aus der Ehe und später unseren Vater allein großziehen. Nach dem Besuch der damaligen Volksschule bekam unser Vater nicht die gewünschte Lehrstelle (Schlosser?) und hat als Bote bei der MIAG in Braunschweig gearbeitet. Mit 17½ Jahren hat er sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet und wurde im März 1942 eingezogen. Die Grundausbildung hat er in der Mars-la-Tours-Kaserne in Braunschweig erhalten. Anschließend wurde er an die Ostfront geschickt. Nach seinen Erzählungen ist er an die Front am Wolchow gekommen.

Berichtet hat er u. a., dass seine Einheit eingekesselt war. Beim Ausbruch aus dem Kessel hat er im Nahkampf einen Durchschuss durch den linken Unterarm erhalten, als er die auf ihn gerichtete Maschinenpistole eines Rotarmisten zur Seite gedrückt hat. Aus seiner Erzählung ist auch noch in Erinnerung, dass er davon erzählt hat, dass im Nahkampf auch mit dem Spaten zugeschlagen wurde. Indirekt hat er damit erzählt, dass er diesen Rotarmisten mit seinem Spaten mindestens kampfunfähig geschlagen hat. Ihm ist der Durchbruch gelungen. Für die Verwundung hat er das schwarze Verwundetenabzeichen erhalten. (Bei dem Ausbruch handelte es sich um die Kämpfe vom 18. Januar 1943 bei Schlüsselburg, die auf der Internetseite unter Geschichte / IV. Kämpfe zwischen Wolchow und Newa / Nr. 3.5 beschrieben werden.)

Zur Genesung kam er nicht nach Braunschweig oder dessen Nähe, sondern nach Wien.

Unser Vater wurde außerdem weitere zwei Mal verwundet. Er erhielt einen Oberschenkeldurchschuss in der Nähe des Knies ohne Beschädigung des Knochens. Außerdem wurde er durch Granatwerfersplitter im Gesicht und am Gesäß verwundet. Die Reihenfolge dieser Verwundungen ist uns nicht bekannt. Auch die Umstände der Oberschenkelverwundung sind nicht bekannt.

Zu der Splitterverwundung ist folgende Erzählung in Erinnerung: Die Einheit lag an dünnbesetzter Front in Schützenlöchern (2 Mann). Unser Vater hatte Durchfall bekommen. Der Weg zur Latrine war zu weit und zu gefährlich. In einem Anflug von Übermut hat er das Schützenloch verlassen, die geöffnete Hose heruntergelassen, das nackte Gesäß zur Frontlinie des Gegners gedreht und ist seinem Bedürfnis nachgekommen. Die Rotarmisten haben dies wohl auch als Provokation aufgefasst und mit einigen gezielten Granatwerferschüssen beantwortet. Unser Vater hat seinen Leichtsinn mit mehreren Splittern im Gesäß und einem Splitter an der Nasenwurzel, dicht unter dem Auge bezahlt. Der Splitter im Gesicht konnte nicht entfernt werden und hat ihm auch in späteren Jahren wiederholt Probleme bereitet (Entzündungen, Nasenbluten).

Unser Vater war zuletzt Obergefreiter. Uns ist leider nicht bekannt für welche Taten er die eisernen Kreuze erhalten hat.

Zu den Umständen seiner Gefangennahme ist uns seine Erzählung in Erinnerung, nach der er mit anderen Soldaten hinter der sowjetischen Frontlinie eingesetzt wurde, um den Nachschub zu stören, indem Wegweiser verändert, Brücken und Eisenbahngleise beschädigt oder zerstört wurden. In einer Gruppe aus einem Unteroffizier und einem weiteren Soldaten haben sie versucht, sich zu der inzwischen rund 400 Km entfernten deutschen Linie durchzuschlagen. Der Unteroffizier war am Sprunggelenk verletzt und konnte deshalb nicht mehr gehen. Seine beiden Kameraden haben ihn abwechselnd getragen. Der Versuch ist misslungen, sodass sie Mitte April 1945 gefangen wurden. Die Sowjets haben diese Leute, weil sie hinter der Frontlinie tätig waren, als Partisanen bezeichnet, obwohl sie ihre Uniformen und Rangabzeichen getragen und ihre Soldbücher mitgeführt haben.

Unserem Vater wurde wegen dieser angeblichen Partisanentätigkeit vorgeworfen ein Kriegsverbrecher zu sein. In den Verhören wurde er nach seinen Erzählungen gefoltert. So ließ man ihn hungern und hinderte ihn am Schlafen. Er wurde in eine Zelle gesperrt, die so eng war, dass er stehen musste. Ein Anlehnen an der Wand war wegen eingelassener Glassplitter nicht möglich. Diese Zelle konnte auch mit Wasser gefüllt werden, sodass er zeitweise auf den Zehenspitzen stehen musste um nicht zu ertrinken. Er hat dann ein Geständnis unterschrieben und wurde daraufhin zum Tode verurteilt. Nach ungefähr einem Monat in der Todeszelle wurde er am 13. August 1945 zur Zwangsarbeit im Straflager begnadigt. (Den 13. August hat er später immer als seinen zweiten Geburtstag bezeichnet.)

Als Kriegs- bzw. Strafgefangener hat er u. a. an dem Bau der Eisenbahnlinie nach Workuta (Nordural) mitgebaut und viele Jahre im Kohlebergbau gearbeitet. Die Lager befanden sich bei Pitschora, Workuta und Inta. (Anm.: Informationen zum Gulag Workuta finden Sie u.a. hier oder hier) Die Bewachung erfolgte durch Rotarmisten. Nach der Erzählung unseres Vaters war die Behandlung durch die ehemaligen Frontsoldaten der Roten Armee besser als durch die späteren Jahrgänge.

Unser Vater ist nach rund acht Jahren und acht Monaten Gefangenschaft am 28. Dezember 1953 in Friedland angekommen.

Als Angehöriger einer Generation der man die Jugend geraubt hat blieben ihm als bemerkbare „Andenken“ die o. g. Nachwirkungen der Verwundung und durch die hygienischen Zustände und die Mangelernährung in der Gefangenschaft der Verlust einer großen Anzahl seiner Zähne und ein Leberschaden.

Der Krieg hat aber mit Sicherheit auch seelische Schäden hinterlassen. Wir waren als aufmerksame Zuhörer unbewusstes Ventil für seine inneren Nöte. In seinem Hang, sowohl Bücher über den Krieg „zu verschlingen“ als auch sich Kriegsfilme anzusehen, ist im Nachhinein sein Versuch der Vergangenheitsbewältigung zu sehen. Unsere Mutter hat berichtet, dass unser Vater in den Nächten nach dem Ansehen von Kriegsfilmen „wieder mitgekämpft habe“. Er hat dann anscheinend intensiv von seinen Erlebnissen geträumt und alles erneut durchlitten.

Einberufung, Truppenteile und Verwendung
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Einberufung am 20. März 1942 vom Wehrbezirkskommando Braunschweig
- Erkennungsmarke -1624- Inf.Pz.Jäg.Ers.Kp. 31 (Infanterie Panzer Jäger Ersatz Kompanie 31)
- 20. März bis 6. Juni 1942 - Infanterie Panzer Jäger Ersatz Kompanie 31 - Standort Braunschweig
- ab 10. Juni 1942 - 1. Kompanie Feldersatz Bataillon 96
- ab 10. August 1942 - 14. (Panzerjäger) Kompanie, Infanterieregiment 287
- 01. bis 05. Mai 1943 - Genesendenkompanie Grenadier Ersatz Bataillon 12 - Standort Halberstadt
- 05. Mai bis 2. Juni 1943 - Grenadier Ersatz Kompanie 31 - Standort Halberstadt
- letzte Meldung vom 9. Juli 1943 - 14. (Panzerjäger) Kompanie, Infanterieregiment 287

Aus der übersandten Kopie des Antrages auf Kriegsgefangenenentschädigung (gestellt am 23. April 1954):

- bis 9. Februar 1945 bei der 14. Kp. Gren.Reg. 287 als Richtschütze
- ab 10. Februar 1945 bei der Streifenkompanie Süd Schutzzone Slowakei F.A.D. 1.63 (das D kann auch ein B sein, schwer zu erkennen)
Dienststellung Streifjäger

Lazarettaufenthalte
ab 23. Januar 1943
Kriegslazarett 2/608 Riga
- Durchschuss rechter Unterarm -
- Zugang von Krankensammelstelle Riga
- Abgang zum Lazarettzug am 20. Februar 1943 - (Nach unserer Erinnerung hatte Vater die Narbe am linken Arm!)

ab 24. Februar 1943
Reservelazarett XXV b Wien
- Zugang von Krankensammelstelle Dresden
- Abgang 13. März 1943 kriegsverwendungsfähig, entlassen über Frontleitstelle Wien

Beförderungen
- Beförderung zum Obergefreiten am 1. Juli 1944 mit Wirkung vom 1. Juli 1944
- Feldpostnummer 34566

Russische Gefangenschaft
15.04.1945 – Tag der Gefangennahme
12.06.1945 – 14.11.1945 Lemberg Gefängnis
15.11.1945 – 30.01.1946 Lemberg Sammellager
31.01.1946 – 17.02.1946 Transport
18.02.1946 – 19.10.1947 Pitschora / Lager
20.10.1947 – 28.10.1948 Workuta / Lager
29.10.1948 – 17.06.1953 Inta / Lager
18.06.1953 – 27.12.1953 Tapiau (ehemals Ostpreußen)
28.12.1953 – Eintreffen im Bundesgebiet
29.12.1953 – Heimkehrerbescheinigung 5611 am 29. Dezember 1953 im Grenzdurchgangslager Friedland ausgestellt


1942 - Irgendwo vor Leningrad



1944 - Ort unbekannt



Ein beeindruckter Zeitungsbericht über die Heimkehr des Obergefreiten Helmut A. im Jahr 1953



Nicht alle Landser aus dem Familienkreis des Obergefreiten Helmut A. sahen ihre Heimat wieder. Ein Cousin, mit selben Vornamen und ebenfalls Soldat der 96. Infanterie Division, wurde im Alter von nur 19 Jahren im Januar 1943 vor Leningrad schwer verwundet und verstarb wenige Tage später im Lazarett.


Wenn tausend Sterne am Himmel stehn,
schau hinauf Du kannst sie sehen,
die hellsten, das sind wir,
schau hinauf und denkt an uns.


Vielen Dank Herr Uwe und Horst A. für die Bereitstellung der beeindruckenden Geschichte, der Bilder und die Genehmigung zur Veröffentlichung.